Thomas Philipp

Kraft

Schriftsteller sein, einstweilen auf Zeit. Ich staune etwas darüber, wie konsequent ich für das Schreiben und die zugehörigen Studien leben kann. Mit nicht sehr vielen Kontakten, einem etwas einförmigen Tagesablauf, vielen Stunden am Schreiben und Lesen gehen die Tage dahin, als wäre es ganz normal so, als müsste das alles so sein. Davon leben: geht noch nicht, dafür: wäre kein Problem.

Heute habe ich ein Kapitel fertiggestellt (ich habe Euch ja von Guido erzählt), eben einmal 35 Seiten, schon das wichtigste Stück eines kommenden Buches, aber sicher acht, eher zehn Wochen Arbeit darin. Sind die paar beschriebenen Blätter das wert, frage ich mich. Reibe mir die Augen. Des vielen Bücherschreibens ist kein Ende? „Im Übrigen, mein Sohn, lass Dich warnen, es nimmt einfach kein Ende mit dem vielen Bücherschreiben, und viel Studieren ermüdet den Leib. Hast Du alles gehört, so lautet der Schluss doch bloss wieder (was Du auch schon vorher wusstest): Fürchte Gott, und achte auf seine Gebote!“ – schrieb ein skeptischer Zeitgenosse im Alten Testament unter das Buch Kohelet, 12,12f. Manche Fragen sind einfach schon ziemlich alt, und auch die (stets vergeblichen) Versuche, sie mit einer banalen Antwort abzuspeisen.

Kein Ende? Ja, schon. Aber etwas will aus mir heraus, nicht gewaltsam, nicht laut, aber doch so, dass ich nicht zufrieden bin, wenn der Fluss nicht immer ein wenig weiterfliessen darf. Eher eine Kraft, die durch mich hindurch ihren Weg sucht, als dass ich einen klaren Plan hätte, warum ich gerade jetzt genau dafür so viel Zeit einsetzen soll. Ich soll, fertig.

Natürlich sind mir dabei manche Zusammenhänge klar, Geistesgeschichte, Gegenwart des Gottesgeistes im steten Fortgang von Geschichte und Sprache und so etwas. Aber wirklich heller wird es dadurch nicht. Bloss weil die Höhle im Licht einiger Fackeln ihre Grösse ahnen lässt, verschwindet das Unheimliche nicht. Schlimm ist das nicht, gar nicht. Wer die Leere kennt, nimmt die Fülle gern auf. Ob er sie wirklich beherrscht oder eher sie ihn, tritt in den Hintergrund.

Eigentlich ein alter Bekannter, ich hatte das über viele Monate in den zwei Jahren der Doktorarbeit. Ein Karriereprojekt war sie nicht, das war damals schon klar. „Die theologische Bedeutung der Psychotherapie“: Das wollte keiner wissen. Diesen Drewermann war man gerade erst losgeworden. Endlich! Dieses unwissenschaftliche Psychozeug, diese Esoteriker, und erst die aufgedrehten Jüngerinnen des Gurus aus Paderborn! In unserem wohlaufgeräumten Haus der Wissenschaft wollen wir die nicht. (Die Arbeit ging durch, durchaus auch weil die Heidelberger Psychosomatische Medizin ein ordentliches Gutachten nach Tübingen schickte, aber das ist eine andere Geschichte.) Ich spürte einfach eine grosse Kraft, dass hier ein Lebensthema des Christentums, vielleicht auch unserer Kultur zur Debatte steht.

Ein Gefühl, bemerkenswert, auch etwas beängstigend unabhängig von äusserer Anerkennung. Aber tragfähig, ein guter und aufstellender Begleiter. Das ist mein Ort, klarer, als ich das im Berufsleben empfinde. Das ist meine Aufgabe.

Göttliche Substanzen und andere Drogen
Religion und Moderne?

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