Thomas Philipp

Der Geist - und nicht die äussere Form

Eine Identität zu haben, ist mit dem Blick des Anderen unlösbar verwoben. Wie der Andere mich anschaut, gehört zu mir. Immerhin können wir etwas wählen, welchen Blick wir an uns heranlassen. Ich habe einen interessanten Blick auf die katholische Kirche von Ulrich Hemel, 53, Unternehmer und Theologieprofessor, gefunden. Er hat für die Boston Consulting Group gearbeitet und war Vorstandsvorsitzender der Hartmann AG. Mir gefällt vor allem, dass der Geist, nicht die die äussere Form, im Vordergrund steht. Offenbar ist ein statischer Wahrheitsbegriff das Kernproblem.

[In der Kirche] … hat sich eine gewisse Ängstlichkeit durchgesetzt, die man durchaus in Benedikt repräsentiert sehen kann. Eine Ängstlichkeit gegenüber dem Reformschwung des Zweiten Vatikanischen Konzils, vor Kontrollverlust. Doch Benedikt hat dabei keine neue Deutungshoheit über das gefunden, was Glauben ist, sondern dass er lediglich alte Formen und Formeln wiederholt. Das Ergebnis ist eine große Kluft zwischen vielen Amtsträgern in der Kirche – und Menschen, die gerne glauben möchten, sich aber in der eigenen Kirche heimatlos fühlen.

Wenn Sie im Besitz der „Wahrheit“ sind, brauchen Sie die Welt nicht mehr. Ein Denken aber, das die dialogische Seite der Wahrheit ignoriert, wird den Vertrauensverlust in die Kirche als Glaubensverlust der Moderne definieren. Er wird davon ausgehen, dass es für die Wahrhaftigkeit dieser Wahrheit nicht auf ihre Mehrheitsfähigkeit ankommt. Es gibt in der Kirche zu viele Leute, die sich im Besitz der gefühlten und intellektuell hergeleiteten „Wahrheit“ wähnen, die den Wert des Dialogs als Erkenntnisgewinn zu gering schätzen – und die daher auf öffentlich gegen sie erhobene Vorwürfe mit totaler Verständnislosigkeit reagieren. Nehmen Sie den Missbrauchsskandal, der einerseits ein Skandal der Gewalt ist – und andererseits ein Skandal der Sprachlosigkeit. Die meisten Menschen sind ja über den Umgang der Kirche mit dem Thema nicht weniger entsetzt als über den Missbrauch selbst. Verständlich! Die Kirche hat es nicht geschafft, sich für das traumatische Gefühl der Verwundung zu öffnen, an dem die Missbrauchsopfer leiden.

Was wir in der Missbrauchsdebatte erleben, ist eine erhabene Form der religiösen Sprachlosigkeit. Das Problem scheint mir zu sein, dass viele Kirchenmenschen zwar das Entsetzen über den Missbrauch verstehen – aber nicht das Entsetzen über ihre rhetorische Hilflosigkeit, über ihr mangelndes Gespür für die richtigen Gesten, ihr instinktives Fluchtverhalten.

Wer sich vor allem um die Unbeflecktheit des eigenen Erscheinungsbildes sorgt, kommt automatisch ins Stottern und Stammeln, sobald die Wirklichkeit das Ideal blamiert. Mancher Bischof weiß nicht, wie er zu den Menschen sprechen soll, weil er sich viel zu sehr auf die Logik seiner Institution gestützt hat, statt auf die Logik des Zuhörens.

Wir sollten bitte nicht vergessen, dass es nach wie vor ganz hervorragende Laien, Priester und Bischöfe gibt, die vorbildlich handeln. Organisatorischer Narzissmus in der Kirche heißt aber, dass das eigene Bild wichtiger ist als die Botschaft, die sie verkündet. Genau darin liegt eine Selbsterhöhung, eine Selbstbetörung, die in dem Maße unglaubwürdig wird, wie ich mir der Unvollkommenheit nicht mehr bewusst werde. Das ist ja das, was die Leute so verstört: dass sie Bischöfe sehen, die sagen: Schade, dass das mit dem Missbrauch so gelaufen ist – aber noch schlimmer ist es, dass die Presse so viel darüber berichtet. Man spricht dann vom „Missbrauch des Missbrauchs“!

… Die Kirche wird niemals überflüssig sein. Mag sein, dass sie in der organisatorischen Form, in der wir sie heute erleben, eines Tages überflüssig ist. Na und? Für den Heiligen Geist kommt es nicht darauf an, ob es ein bischöfliches Ordinariat gibt oder nicht. Die frohe Botschaft liegt wieder vor uns, ohne dass die Kirche sie verdecken könnte: Sie wartet förmlich darauf, jetzt wieder entdeckt zu werden. Diese Kirche muss sich die Erneuerung nicht vom Papst und den Neoklerikalen einreden, sondern vom Heiligen Geist schenken lassen.

Zitiert nach: Wirtschaftswoche vom 23.05.2010, www.wiwo.de, gekürzt

Göttliche Gebote aus dem Alten Testament
Zöllibat ist doch etwas Unnatürliches...!

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