Die Anthroposophie ist eine von Rudolf Steiner (1961-1925) begründete esoterisch-okkulte Weltanschauung, die unterschiedliche Institutionen im Bildungs-, Medizin- und Landwirtschaftsbereich hervorgebracht hat.  Die Anthroposophie versteht sich jedoch auch als spezifisches Erkenntnisangebot: sie verspricht den Blick zu schärfen, für die Zusammenhänge der «geistigen Welt», bietet demnach die Schulung einer übersinnlichen Wahrnehmungsform an.

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Die über diesen Weg erlangten Erkenntnisse, solle man in die Praxis überführen, wie beispielsweise in die Pädagogik oder Landwirtschaft. Ohne Kenntnis dieses Selbstverständnisses, könne man laut dem Historiker und Religionswissenschaftler Helmut Zander die Institutionen der Anthroposophie nicht verstehen. Der Begriff Anthroposophie verweist auf «Menschenweisheit» («Anthropo-Sophia»).

Verbreitung und Organisation

Die weltweite formelle Mitgliedschaft zur Anthroposophie wird durch die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG) mit Sitz am Goetheanum in Dornach (CH) verwaltet.  Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft zählte 2019 rund 43'500 Mitglieder weltweit, wobei die meisten Mitglieder aus dem deutschsprachigen Raum stammen, demnach in dem geographischen Raum und sprachlichen Umfeld in dem Rudolf Steiner Vorträge hielt.
Die AAG unterstützt darüber hinaus die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit ihren elf Sektionen, die ebenfalls am Goetheanum angesiedelt ist. Beispielsweise ist hier die Medizinische Sektion, die Naturwissenschaftliche Sektion, die Sektion für Landwirtschaft, und die Pädagogische Sektion angesiedelt. Diese sind u.a. damit befasst Steiners Lehre für dessen praktische Umsetzung zu deuten. Die jeweiligen Sektionen organisieren regelmässig internationale Tagungen am Goetheanum an der bis zu 1000 Personen teilnehmen.
Die ersten ausdrücklich sich als anthroposophisch bezeichnenden Vereinigungen gründeten sich 1912/1913.Heute, also mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung, trifft man auf die Anthroposophie jedoch vor allem in Form von Waldorf-Schulen, heilpädagogischen Institutionen, Banken (GLS-Bank, Triodos), Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, Kosmetik und alternativen Pharmaunternehmen (Weleda, Wala), aber auch Supermärkten (Alnatura, DM, Naturata), eines Verlagswesens (Verlag für Anthroposophie, Glomer) Spielzeugläden sowie  der Demeter-Landwirtschaft und Nahrungsmittelverarbeitungsunternehmen (Voelkel, Bauk). Dieser Bereich zählt überwiegend Mitarbeiter, die nicht formell Mitglieder der Anthroposophie sind, aber sozusagen den «anthroposophischen Gedanken» weiterverbreiten; insofern kann die Anthroposophie auch als Bewegung aufgefasst werden, die durch ihre Aktivitäten in die Gesamtgesellschaft hinein diffundiert.


Das Goetheanum, das sich heute in Dornach befindet, öffnete 1928 seine Türen. Sein Festsaal ist für 1000 Zuschauer bestuhlt und in dessen Buchhandlung werden mehr als zehntausend Titel verkauft. Laut dem Tagungsbüro finden jährlich etwa insgesamt 230 Tagungen, Seminare und Kolloquien statt. Dazu kommen noch 300 künstlerische Aufführungen (Theater, Eurythmie und Konzerte). Etwa 200 Mitarbeiter inklusive Stundenkräfte sind am Goetheanum beschäftigt. In Anlehnung an Goethe, dessen Bewunderer Steiner war, wurde der Name dieses anthroposophischen Hauptzentrums gewählt.

Lehre

Die Anthroposophie ist massgeblich von den Schriften und Anweisungen Rudolf Steiners geprägt. Er wurde 1961 in Kraljevec als erstes von drei Kindern eines österreichischen Bahntelegraphisten geboren und wuchs laut seiner autobiographischen Eigendarstellung in bescheidenen, bildungsfernen Verhältnissen auf. Steiner war insofern Kind seiner Zeit, als dass er in seinem späteren Werdegang zwischen Positionen des Materialismus und des Idealismus schwankte. Dies war keineswegs untypisch für öffentlich wirkende Personen des 19. Jh., da in akademischen und künstlerischen Kreisen die materialistischen und idealistischen Positionen (wie beispielsweise jene von G.W.F. Hegel) lebhaft ausgehandelt und debattiert wurden. Die materialistische Position geht davon aus, dass letztlich alles auf Materie zurückzuführen sei, auch Bewusstsein; die idealistische hingegen behauptet, der Geist drücke sich massgeblich durch die Materie aus, sei aber nicht auf Materie reduzierbar. Zunächst studierte er ab dem Jahre 1879 an der Technischen Hochschule in Wien Mathematik, Naturgeschichte und Chemie. Parallel zu seinem Studium besuchte er literaturwissenschaftliche und philosophische Vorlesungen an der Universität Wien. Von 1890 bis 1896 war er als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Werke von Goethe tätig. 1984 gab er seine Dissertation Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre: Prolegomena zur Verständigung des philosophierenden Bewußtseins mit sich selbst ab; allerdings wurde diese erst 1892 unter dem Titel Wahrheit und Wissenschaft – Vorspiel einer Philosophie der Freiheit publiziert. In dieser frühen Phase seines Schaffens ist er - wie es der Titel seiner Dissertation bereits zeigt - in hohem Masse von den Ideen des deutschen Idealismus (J.G. Fichte, F.J. Schelling, G.W.F. Hegel) beeinflusst.

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Vor der Jahrhundertwende zieht er nach Berlin, wo er als Publizist tätig ist und sich u.a. mit den Werken von Friederich Nietzsche und Max Stirner auseinandersetzt, die einen individualistischen und atheistischen Standpunkt vertreten. Von dieser atheistischen Phase trennt er sich wieder 1902, als er in Berlin in die Theosophische Gesellschaft eintritt. Die Theosophische Gesellschaft ist eine 1875 gegründete esoterische Organisation, die von universalgültigen spirituellen Wahrheiten ausgeht. Aufgrund von Differenzen mit Annie Besant, der Präsidentin der theosophischen Gesellschaft, trat er jedoch 1912 aus der Theosophischen Gesellschaft aus und leitete in Berlin die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft in die Wege. Wie auch die TG prägt Steiners Denken, die Vorstellung einer spirituellen Menschheitsentwicklung und auch er deutet Menschenschicksale reinkarnationstechnisch. Anders als die TG orientiert er sich allerdings kaum an östlicher Religiosität, sondern verstärkt an der Christus-Figur, die er esoterisch umdeutet, in dem er Christus als Selbsterlösungsprinzip darstellt.
Für Steiner liegt die Erkenntnis «höherer Welten» bzw. der «geistigen Welt» im Denken begründet. Das «Ich» wird bei Steiner zu einer objektiven Instanz, die er als den «einzig möglichen Ausgangspunkt» für «wahre Erkenntnis» setzt. In ihm wird das Geistige unmittelbar, es ist Bewusstsein, dass sich selbst als Bewusstsein erkennt: Es ist das «tätige Ich», das «diese Tätigkeit anschaut». Zugleich ist Denken eine objektive Tatsache, denn die menschliche Fähigkeit des Denkens sei nicht zu leugnen, darüber hinaus sei das Denken auch ein Werkzeug, um sich Gegenständen anzunähern, die nicht materiell vorhanden sind; ein Werkzeug also, mit dem man sich Ideen annähert die universalgültig seien, die also unabhängig vom historischen und kulturellen Kontext sind. Über das Denken seien für ihn demnach geistige Tatsachen erkennbar - ähnlich klar wie naturwissenschaftliche Gegenstände.

Religiöse Praxis

Steiner postuliert die Existenz einer geistigen Welt, die der Suchende über individuelle Erfahrungen, durch außergewöhnliche Bewusstseinszustände durchdringen kann. Um in diese Bewusstseinszustände zu gelangen, die Steiner in drei Stufen (Imagination – Inspiration – Intuition) gliedert, solle man Meditationspraktiken durchführen.
Die höchste Erkenntnisform bildet bei Steiner dabei die Intuition, die kein spontanes «Bauchgefühl» oder spontaner Einfall ist, sondern eine Art spirituelles Bewusstsein, eine Art Seinsvereinigung. Es geht darum ein «Sinneswesen» (Mensch, Tier, Pflanze, geistige Wesen) von innen zu erkennen und nicht nur dessen äussere Hülle. Demnach schreibt Steiner: « Ein Geisteswesen durch Intuition erkennen, heißt völlig eins mit ihm geworden sein, sich mit seinem Innern vereinigt haben.»
Eine unter Anthroposophen öfters besprochene Meditation, ist die Rosenkreuz-Meditation. Laut Anthro-Wiki dient sie «der Ausbildung seelischer Wahrnehmungsorgane, die den bewussten imaginativen Blick in die geistige Welt erlauben». Es geht also darum das Umfeld nicht ganz alltäglich wahrzunehmen, sondern die geistigen Qualitäten hinter den Dingen im psychischen Bewusstsein zu erfassen. Steiner zufolge ist das Rosenkreuz ein haltgebendes Element auf dem Weg des Esoterikers:
"Aber die Seele ist nicht ganz allein auf sich angewiesen auf diesem schweren Weg des Esoterikers; es gibt etwas, woran sie sich halten kann. Etwas derartiges ist das Rosenkreuz. Wir sollen es auf uns wirken lassen; wir sollen uns klar sein, daß das Schwarz des Holzes darstellt unsere Leiblichkeit, die verhärtet und verdorrt ist, daß wir unser niederes Ich, das sich identifiziert mit der Leiblichkeit, ebenso dunkel und tot werden lassen müssen, wie das Holz des Kreuzes tot ist. Dann wird das höhere, geistige Ich so in uns wirken, wie sich das Schwarz des Kreuzes zu hellen, strahlenden Lichtlinien umwandelt. In der gleichen Weise wird das Rot der Rosen sich aus der Farbe der innerlich wirkenden Liebe zum Grün umwandeln, der Farbe des nach außen wirkenden Lebens."
Steiner spricht hier beispielsweise an, dass sich das rot der Rosen, als physisches rot wahrnehmen lässt, der Betrachter kann allerdings ebenfalls die Wesenseigenschaften der Rose wahrnehmen, d.h. die Qualität der Liebe, die sich imaginativ in der Farbe Grün ausdrückt.
Zusammenfassend kann man festhalten, dass Steiner eine geistige Welt voraussetzt, die der Einzelne durch das Denken und bestimmte Meditationsübungen erfassen kann., Die in der geistigen Welt erlangten Erkenntnisse sollen in eine konkrete Praxis (Medizin, Landwirtschaft, Pädagogik) einfliessen.
Rudolf Steiner entwarf ebenfalls für die Christengemeinschaft einen Kultus sowie liturgische Texte. Diese christliche Kirche wurde 1922 in Dornach unter der Leitung von Friedrich Rittelmeyer gegründet, fusst allerdings auf Vorstellungen und Vorträgen von Rudolf Steiner. Demnach steht sie der Anthroposophie nahe, ist aber als eigenständige Kultusgemeinde anzusehen. Laut REMID ist sie in 32 Ländern aktiv und zählt 20 000 Mitglieder sowie 50 000 Sympathisanten.
Wie erwähnt ist die Anthroposophie vor allem auch in der Mehrheitsgesellschaft durch ihre Praxisfelder bekannt. Ein erstes Betätigungsfeld war die Eurythmie, die massgeblich durch die Zusammenarbeit mit Lory Smits (einer Raumbewegungskünstlerin) geprägt wurde. Diese Tanzart soll es ermöglichen, dass der Körper in kosmische Harmonie tritt. Die Eurythmie bildet denn auch ein Pflichtfach an den 1919 etablierten Waldorfschulen. Das Curriculum der Waldorfschulen zielt im anthroposophischen Verständnis darauf ab, Kopf, Herz und Hand sozusagen gleichermassen zu fördern. Deshalb stehen auf dem Lehrplan neben kognitiven Lernzielen vor allem auch musisch-künstlerische und handwerklich-praktische Lernbereiche. Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsübungen sollen ausserdem dazu führen, dass Schüler sich auch naturwissenschaftlichen Themen nicht rein intellektuell annähern. Des Weiteren verzichten Waldorfschulen auf Notenzeugnisse und demnach bleibt auch niemand sitzen; das Lernen findet in leistungsheterogenen Gruppen statt und die meisten Lehrer begleiten ihre Schulklasse über mehrere Jahre. Die  Waldorfschulen werden jedoch auch öffentlichkeitswirksam kritisiert, wie beispielsweise von dem Lehrer André Sebastiani, der Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) ist. Sebastiani vertritt die Meinung, dass anthroposophisches Gedankengut im Unterricht vermittelt wird, wenngleich nicht offenkundig, insofern könnten sie den Vorwurf der Indoktrination nicht abwehren.

Im März/April 1921 bildete sich im Anschluss zu einer von Rudolf Steiner geleiteten Tagung die anthroposophische Medizin, die sich als komplementäre Medizin versteht. Die anthroposophische Medizin initiierte Steiner gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegmann, die 1921 die anthroposophische Klinik in Arlesheim gründete. Zwar werden nur fachlich ausgebildete Ärzte mit Zusatzausbildung in der anthroposophischen Medizin zur Ausübung zugelassen, dennoch beruhen Steiners Therapievorschriften auf für Dritte nicht nachvollziehbaren, in der geistigen Welt ermittelten Erkenntnissen, weshalb die anthroposophische Medizin immer wieder von Schulmedizinern kritisiert wird. Wie  in der Anthroposophie üblich, wird Elementen über Korrespondenzen also Ähnlichkeiten eine Verwandtschaft und Wirksamkeit zugeschrieben. Besonders die Metalle (Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Quecksilber, Silber) sollen zwischen Erde, Universum und Mensch vermitteln und Heilprozesse einleiten. Von Metallen wie Blei, denen später über empirische Studien eine schädliche Wirkung attestiert wurde, hat sich die anthroposophische Medizin distanziert. Derzeit verbucht hingegen die von Anthroposophen entwickelte Misteltherapie bei Krebserkrankungen eine häufige Nachfrage; ihre Wirksamkeit bleibt in Fachkreisen allerdings umstritten.

Als letztes Praxisfeld bildete sich 1924 die biologisch-dynamische Landwirtschaft heraus, die heute ihre Produkte unter dem Label Demeter vermarktet. Unter anderem der Graf Carl von Keyserlingk sprach Rudolf Steiner auf einen möglichen Kurs zu Landwirtschaft an, der dann auf seinem Gut in der Pfingstwoche 1924 stattfand. Das besondere Merkmal dieses Landbaus ist die Anfertigung von Spritz- und Kompostpräparaten. Die Kompostpräparate bestehen aus einer synthetisierten Substanz, die aus mineralischen, pflanzlichen und tierischen Elementen hergestellt wird. Bei den Spritzpräparaten spielen Quarz und Kuhdung eine besondere Rolle; vor dem Ausbringen müssen die Präparate eine Stunde lang gerührt werden, damit die kosmischen Energien sich sozusagen potenzieren können, so die Annahme der Biodynamiker. Innerhalb der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ist ebenfalls die Idee des Hoforganismus von zentraler Bedeutung: d.h. es wird darauf geachtet, dass die vorhandenen Ressourcen möglichst in einem Kreislauf zur Anwendung kommen und möglichst wenig externe Ressourcen hinzugekauft werden müssen. Auch soll sich jeder Betrieb standortgerecht und individuell entfalten.

 

Demeter Bauernhof klein

Besonderheiten in der Schweiz

In der deutschsprachigen Schweiz ist die Anthroposophie im Vergleich zu nicht-deutschsprachigen Ländern bekannt. Dies vor allem weil in Dornach, sozusagen das geistige Zentrum, das Goetheanum situiert ist, das mittlerweile Anthroposophie-Sympathisanten aber auch Touristen aus der ganzen Welt anzieht. Darüber hinaus zählte die Schweiz 2019 297 Demeter-Betriebe, dabei wurden insgesamt 5100 ha in den Schweizer Kantonen biodynamisch bewirtschaftet. Sieht man diese Zahl in Relation zu den weltweit ca. 6400 Demeter-Betrieben, lässt sich festhalten, dass die Dichte an Demeterhöfen in der Schweiz relativ hoch ist. Etwas weniger stark vertreten sind die Waldorfschulen, die in der Schweiz «Steiner-Schulen» heissen, 50 Kindergärten gibt es derzeit und 32 Steiner-Schulen. Zudem hat die Firma-Weleda, die vor allem Naturkosmetik aber auch Arzneimittel herstellt, ihren Sitz in Arlesheim (CH). In Arlesheim befindet sich, wie erwähnt, die von Ita Wegmann gegründete Klinik, sie zählt heute 60 Betten und wird von den Schweizer Zusatzkrankenkassen anerkannt. Daneben gibt es in der Schweiz noch das Paracelsus-Spital Richterswil sowie ein Spital im Engadin, die die anthroposophische Medizin praktizieren. Die meisten Patienten sind allerdings keine Anthroposophen, sondern Personen, die eine «sanftere» Medizin für sich beanspruchen.

 

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