Laura Zimmerli studiert Philosophie und Religionswissenschaft an der Universität Zürich. In ihrer Freizeit ist sie gerne als Fotografin unterwegs. In ihrem Selbstporträt erzählt sie was Tina Turner und eine Thailandreise mit ihrem Verständnis von Religion zu tun haben.    

 IMG 4239 3„Ich kann nicht schlafen Mama.“
„Hast du dein Gebet schon gesprochen? Das Gebet mit den Engeln, das wir dir beigebracht haben?“
„Nein.“
„Na, dann los.“, sagt meine Mutter und verlässt das Zimmer. Ich bleibe alleine im dunklen Zimmer zurück -  und bete zu den Engeln.Viele Jahre sind seither verstrichen. Viele schlaflose Nächte, unendliches Nachdenken und Gespräche über Gott und die Welt mit Freunden, Lehrern und spirituellen Menschen durfte ich seither erleben. Die Gespräche waren insofern wichtig, weil ich dadurch realisierte, dass auch andere Menschen Erfahrungen machen, welche über das sinnlich wahrnehmbare hinausgehen. Es gab mir die Kraft, mir selbst zu vertrauen und spirituelle Erfahrungen ernst zu nehmen. Schmerzvolle Erfahrungen und Momente voller Liebe prägen mein Leben, doch das wertvollste von Allem ist für mich mein Vertrauen in das Leben, dass ich durch meinen Glauben erfahren darf.

Ich erinnere mich noch genau an die unhinterfragte Vertrautheit in die Engel, als ich ein Kind war. Der Haushalt, in dem ich aufwuchs, war nicht religiös geprägt, sondern wurde sehr rational geführt. Somit zweifelte ich mit dem Älter werden auch an der Existenz der geistigen Welt, der Welt der Engel. Ich glaube unser rational geprägtes Denken, welches spätestens seit Descartes vorherrscht, macht es uns schwer, sinnlich nicht wahrnehmbare Dinge zu erfassen. Für mich brauchte es als junge Erwachsene eine ganze Portion Mut, meinem Verstand Parole zu bieten und mich einer unsichtbaren Welt zu öffnen. Denn in der westlichen Welt ist es meiner Meinung nach üblich, dem Verstand eine übergeordnete Stellung einzuräumen, während unsere Intuition nur zu oft belächelt und ignoriert wird. Doch in meinem Leben hatte ich immer wieder intensive Erlebnisse, wodurch ich sozusagen keine Wahl hatte, als eine Welt anzuerkennen, die hinter unserer sinnlich erfahrbaren Welt liegt.

Immer wieder im Moment ankommen

Gerade meine Reisebegeisterung brachte mich dazu, meiner Intuition zu vertrauen und meinen Verstand in seine Schranken zu weisen. So sah ich auf meiner Thailandreise unzählige Hausschreine. Es ist dort ganz selbstverständlich, dass die „unsichtbaren Helfer“ verehrt werden und zum Teil sogar mit umziehen. Die Leichtigkeit, mit welcher die Menschen in Thailand ihren Glauben in ihren Alltag hineinfließen lassen, beeindruckte mich sehr und war für mich eine wertvolle Inspiration, das Gleiche zu tun. Es bedeutet nicht, dass ich in jede Kirche gehe oder Rosenkränze bete. Für mich bedeutet es viel mehr, immer wieder im Moment anzukommen. Ich versuche mich immer auf das zu fokussieren, was ich gerade mache. Wenn ich mich dabei erwische, wie ich mich in Tagträumen verliere, atme ich ein und komme zurück in den Moment. Denn meiner Erfahrung nach findet sich das Wesentliche einer „religiösen“ Handlung in der inneren Einstellung und nicht in der Handlung an sich. So wird zwar der Begriff der Religion anwendbar, erfasst aber keineswegs zwingend das Wesentliche. So zum Beispiel wird im Buddhismus oftmals betont, dass die Meditation nur die Übung zu einer geistigen, inneren Haltung ist, welche in den Alltag übernommen werden soll. Es ist nicht dasselbe, auf dem Sofa zu sitzen und Tagträumen nach zu gehen oder zu meditieren, auch wenn beides im Lotussitz geschehen kann. Doch dies erkannte ich erst, als eine buddhistische Nonne sich mit mir hinsetzte und mit mir meditierte. Auch wenn ich immer wieder abschweifte, erkannte ich damals zum ersten Mal, dass Religion kein rationales Konstrukt von Regeln und unverständlichen Handlungen ist, sondern dass es um die Erfahrung geht. Das Finden des Selbst und des eigenen Weges sind wichtig, weshalb ich eine Religion gerne auch als Landkarte bezeichne, wie dies zum Beispiel auch der Mystiker Willigis Jäger tut.

Palmen

Meine kindlichen Erlebnisse haben mir einen persönlichen Zugang zu mir selbst offen gelassen. Es ist eine Art innerer Einstellung, die ich gegenüber religiösen Erfahrungen habe. Ich betrachte die Welt mit einer Offenheit und lasse meinen Verstand nicht immer gleich eine Sache als unrealistisch oder unmöglich abtun. So habe ich mir durch die Anerkennung der Existenz der Engel eine gewisse Offenheit bewahrt und somit einen Zugang zu  „unwissenschaftlichen“ religiösen Phänomenen verschafft. So hatte ich zum Beispiel keine Mühe, den vorchristlichen Schamanismus Westeuropas zu erkunden, mich mit Pflanzengottheiten und Hexen auseinanderzusetzen; einfach dadurch, dass es in meinem Leben Platz für sogenanntes Unerklärliches gibt. Ist nicht gerade das Leben selbst ein Wunder, welches in seiner Ganzheit nur erfahrbar, nicht aber rational fassbar ist?

Gott als Mann auf einer Wolke

Mit dem Begriff „Gott“ geht meiner Erfahrung nach oftmals Ablehnung oder ein dogmatisches Festhalten einher. In Gesprächen mit Freunden, Bekannten oder auch einfach Menschen, die über Religion sprechen wollen, stelle ich immer wieder fest, dass sie unter „Gott“ einen leicht bekleideten Mann mit Bart auf einer Wolke verstehen. Was als Kinderglaube mehr oder weniger funktioniert, wirkte für mich im Erwachsenenalter irgendwann befremdend und undienlich. Wenn ich als junge Frau meinen Lebensweg suche, möchte ich mich nicht an der Vorstellung eines unbekannten halbnackten Mannes auf einer Wolke orientieren. Da dieses Bild die Kommunikation über „Gott“ und den Glauben schwierig macht, reflektierte ich, was ich denn genau unter „Gott“ verstehe. Was gibt es für Weltbilder in schamanischen oder in buddhistischen Traditionen? Was hilft mir mein Leben unabhängig und frei zu gestalten? Was hilft mir, glücklich zu sein? Dies klingt vielleicht vorerst sehr pragmatisch, doch sehe ich die Gestaltung eines Sinnkontexts des Lebens als wichtige Funktion einer Religion. So stellte ich fest, dass „Gott“ für mich eine tiefe Verbundenheit mit allem Leben heißt, mit allem, was existiert. Dadurch kann ich urteilsfrei und mit offenem Herzen, mit Menschen und Situationen umgehen. Darin liegt für mich der Wert meiner Auseinandersetzung mit Religion.

Erdmännchen

 Wie Tina Turner los lassen

Mit 13 Jahren kam ich zum ersten Mal bewusst in Berührung mit dem Buddhismus durch Tina Turners Film „What’s love got to do with it.“ Es ist ein biografischer Film über die Sängerin, der  erzählt, wie sie Frieden durch Meditation findet. Ich ging daraufhin in eine Buchhandlung und kaufte mir ein 700 seitiges Fachbuch über Buddhismus von dem Autor Fred von Allmen. Halte ich das Buch heute in den Händen muss ich lächeln; das Buch ist sehr empfehlenswert, jedoch fand ich darin nicht das, was ich damals suchte. Ich erarbeitete mir also als 13 jähriges Mädchen sachliches Wissen über den Buddhismus, dessen historische Entstehung, die philosophischen Lehren, Handlungen und Glaubenssätze. Dies war zwar sehr spannend, auch wenn ich damals vieles nicht verstand, so wie ich auch heute nicht alles verstehe. Doch ich erfuhr nichts über den Buddhismus. Ich wusste nicht, was ich tun musste, um wie Tina Turner loszulassen, Kraft zu schöpfen und Frieden zu finden. Erst ungefähr 5 Jahre später begann ich, regelmäßig zu meditieren. Somit konnte ich erstmals eigene Erfahrungen sammeln, in dem ich praktizierte. Ich hatte eigene Einsichten und verstand immer mehr von den Schriften, konnte verschiedene religiöse Systeme und Glaubensinhalte vergleichen, reflektieren und ausprobieren.

Es gibt meiner Ansicht nach nicht die richtige Religion. Ich sehe nur kulturell und geografisch geprägte Wege. Religionszugehörigkeiten lassen sich jedoch frei wählen. Deshalb ist es mir möglich, als Europäerin einen Weg aus einer fremden Religion zu begehen Doch muss es keineswegs gleich exotisch sein; in der christlichen Mystik, sowie in sämtlichen anderen Religionen, die ich bis jetzt kennengelernt habe, finde ich wertvolle Elemente. Vor allem finde ich in jeder Religion Hilfsmittel, um ein sinnvolles Leben zu führen. Wichtig ist, dass man sich nicht von dogmatischen Aussagen und Gesetzten stumm schalten lässt, sondern dass man stets selbst überprüft, ob man etwas als sinnvoll und heilsam erachtet oder eben nicht.

Der Wert einer Religion

Ich habe von Engeln, von innerer Haltung und von dem Wert, der allen Religionen gemeinsam zugrunde liegt, gesprochen. Ich glaube, den Wert von dem, was wir als „Religion“ bezeichnen liegt darin, dass wir erkennen können, das Verständnis nicht im Kopf geschehen muss, sondern sich im Herzen entfalten kann. In dieser Offenheit ist das Leben auf der Erde unmittelbar erkennbar, nicht über den Verstand, sondern einfach in dem ich bewusst wahrnehme, was in mir und um mich herum geschieht. Diese Offenheit lässt eine Verbundenheit und ein Verständnis zu. Dies ist für mich der Wert einer Religion. Doch dazu muss ich mich zu keiner Religion bekennen. Es ist ein innerer Weg, die bewusste Erfahrung. Der religiöse Kontext stellt im besten Fall einen Wegweiser dar, denn auf jedem Weg gibt es Abzweigungen und Irrwege. Doch kein Weg ist besser oder schlechter als der Andere. Gerade die Akzeptanz und die Urteilsfreiheit erlauben es mir, das Leben zu lieben und die Schönheit der Natur zu erkennen. Das bewusste Erfahren eröffnet mir neue Perspektiven, neue Wege und darin ein Gefühl von Geborgenheit und Schutz. Die Engel begleiten mich heute noch in den Schlaf. Auch wenn ich sie nicht sehen kann, spüre ich die Geborgenheit und der Schutz, der mir dadurch zu Teil wird.

 

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