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Ich, der Ungetaufte

Philipp Höhener

Bis im April 2012 war ich Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten. Schon meine Eltern und väterlicherseits meine Grosseltern gehörten, bzw. gehören dieser weltweiten Glaubensgemeinschaft an, die sich in den 1850er-Jahren aus der sogenannten Miller-Bewegung in den USA heraus entwickelte. Grundlage des adventistischen Glaubens bildet laut Aussagen der Kirche vor allem die Bibel, jedoch werden je nach Strömung und individueller Ausrichtung die Schriften von Ellen G. White enorm stark gewichtet. Sie war eines der Gründungsmitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten und gilt offiziell als deren Prophetin, die zu Lebzeiten angeblich auch mit Jesus und Engeln in Kontakt stand. Die biblische Interpretation steht und fällt mit Ellen G. White. Wie bereits angetönt gibt es innerhalb der Siebenten-Tags-Adventisten verschiedene Strömungen und als ich sechsjährig war, hörte meine Familie auf, die Ortsgemeinde zu besuchen, schloss sich einer adventistischen Reformbewegung an und die samstäglichen Versammlungen am jüdischen Ruhetag "Sabbat" fanden fortan jeweils im kleinen Rahmen zuhause statt.

Im Sommer besuchten wir jeweils das "Camp-Meeting" der bis heute existierenden Sabbatruhe-Adventgemeinschaft oder später auch organisierte Sommertreffen von Reformadventisten der "Elia Stiftung" auf Het Kervel in Holland. Für mich war dies eine Zeit, in der wir als Familie sehr isoliert waren, da der wöchentliche Kontakt zur Ortsgemeinde in Thun komplett abgebrochen wurde. In meiner Kindheit wurde mir oft mit dem Teufel gedroht, ein sehr effizientes Mittel um Angst aufzubauen und zu manipulieren. Meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf, sie setzten lediglich den Erziehungsstil von Ellen G. White um, den sie selbst kannten und der ihnen als richtig beigebracht wurde. Als ich zwölf war, wechselte meine Mutter zurück in die Ortsgemeinde und ich begann aktiv an verschiedenen Programmen teilzunehmen. Mit ca.16 Jahren besuchte ich erstmals den Taufunterricht. Dieser soll auf die Taufe und die Vollmitgliedschaft, welche man durch Bezeugen der 28. Glaubenspunkte vor versammelter Gemeinde erlangt, vorbereitend dienen. Adventisten taufen offiziell keine Kinder. Zwar gilt die Taufe als freiwillig, indirekt wird – bewusst oder nicht – aber schon auch Druck aufgebaut. So hörte ich z.B. als Jugendleiter öfters einmal die Bemerkung, dass die Aufgabe eigentlich schon nur von Getauften übernommen würde.  Auch in Bezug auf Beziehungen bestand ein immenser Druck, innerhalb der Gemeinschaft eine Partnerin zu finden. Als ich dann mit 21 Jahren eine längere, feste Beziehung zu einer "ungläubigen" Frau hatte, kam der Gemeindeleiter auf mich zu und fragte, ob ich denn nicht lieber Nägel mit Köpfen machen wollte. Sexuelle Intimität ist von meiner ehemaligen Kirche ganz klar nur für Verheiratete vorgesehen und ich wurde aufgrund dieses "Vergehens" selbst von Leuten innerhalb meines engsten Familienkreises gefühlt wie ein «Schwerverbrecher» behandelt.

Ich, der Siebenten-Tags-Adventist

Natürlich ist es schwierig zu sagen, wie bewusst dieser Druck von Familien- und auch Gemeindemitgliedern aufgebaut und wahrgenommen wird. Klar ist, dass ich mich damals von meiner Freundin trennte, mich drei Wochen nach meinem 22. Geburtstag taufen liess und offiziell Siebenten-Tags Adventist wurde. Meine Mutter sagte am Tag meiner Taufe, dass sie nun sterben könnte. Ihr grösster Wunsch war erfüllt. Damit begann meine wirklich aktive Zeit in der Gemeinschaft und nebst Gottesdienstbegleitung am Klavier und der Leitung der örtlichen Jugendarbeit war ich später auch darin involviert, an Hausgemeindetreffen im Oberwallis teilzunehmen. Ziel damals war, eine deutschsprachige adventistische Ortsgemeinde im Wallis zu gründen. Klar hatte ich noch meinen Beruf und wenige Freunde ausserhalb der Gemeinschaft, blockte aber gut gemeinte Kritik an meinem Glaubensleben ziemlich ab. Ich war überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Schliesslich war ich ja in einer Gemeinschaft, die mir Rettung "garantierte", wenn Jesus wieder auf diese Erde kommen würde. In dieser Zeit schaute ich mir auch die DVD-Serie "OFFENBARUNG - GOTTES 'ROADMAP' ZUM EWIGEN FRIEDEN" von Prof. Dr. Walter J. Veith an, ein adventistischer Evangelist und der wohl bekannteste Sprecher beim Verein "amazing discoveries". Er spricht viel über die Rolle der Adventgemeinde in der Endzeit, thematisiert in seinen Präsentationen "Verschwörungstheorien" und verhöhnt die Freimaurerei, die nach ihm etwas "Teuflisches" sei.

Ich, der Zweifler

Am 11.04.2012 hütete eine gute Freundin, damals auch noch Siebenten-Tags-Adventistin, unsere Tochter, während ich mit meiner Frau weg war. Als wir zurückkamen, schien sie aufgeregt und nahm mich zur Seite: "Philipp, ich muss dir etwas zeigen." Sie zeigte mir ein Video im Netz, welches Ellen G. White und die Kirche in Zusammenhang mit der Freimaurerei brachte, die mir wiederum ja als teuflisch bekannt war. Obwohl ich bis dahin Kritik nie durchgelassen hatte, schaute ich mir das Video an und war zuerst wie elektrisiert. Ich entschloss mich, der Geschichte selbst auf den Grund zu gehen und wollte diese unfassbaren Vorwürfe damit eigentlich entkräften. Doch es passierte genau das Gegenteil. Es begann eine kurze Zeit des intensiven Hinterfragens und ich las mich durch alles, was ich zum Thema finden konnte. Ich benutzte das Internet, las kritische Informationen über die Adventgemeinde und deren Gründer und Leiterschaft, verglich die Schriften Ellen Whites mit der Bibel und so weiter. Mir wurde bewusst, wie wenig innerhalb der Gemeinschaft wirklich freie Meinungsbildung zugelassen wurde, und wie viele Dinge ich durch "das Auge des Adventisten" sah. Ich ging bis dahin völlig unkritisch mit den Schriften  Ellen G. Whites um. Wer kann mir schon die Originalität ihrer Literatur beweisen? So stellte ich auch fest, dass ältere Werke im Verlaufe der Zeit ganz klar abgeändert wurden und heute mit abgeschwächten Inhalten verkauft werden. Ich bekam plötzlich ein komplett anderes Bild, sah deshalb vieles aus einer nun ganz anderen Perspektive. Ende April 2012 reichte ich bereits meinen Kirchenaustritt ein, verliess damit meinen vorgespurten Weg. Einerseits fühlte ich mich erleichtert, andererseits aber auch sehr schlecht. Ich befand mich wie im "freien Fall", bodenlos. Man kann sich das auch vorstellen wie ein Zug, der entgleist ist und wieder zurück auf die Schienen gebracht werden muss. Doch wo waren die Schienen?

Ich, der an die Öffentlichkeit geht

Zu meinem Austritt ist noch zu sagen, dass ich zwei Schreiben eingereicht habe. Eines, mit der Information über meinen Kirchenaustritt, und ein Begleitschreiben, welches u.a. die Verbindung von Freimaurerei und Ellen G. White thematisierte. Ich schrieb damals aufgrund meiner Konfusion ein wahrlich wirres Schreiben, welches zum heutigen Zeitpunkt sicher anders aussehen würde. Schon drei Monate zuvor sah sich der Mediensprecher der deutschsprachigen Adventisten aufgrund kritischer Anfragen bezüglich der Freimaurersymbolik innerhalb der Kirche veranlasst, ein Erklärungsschreiben an die örtlichen Gemeinden zu schicken. Ich bekam dieses Schreiben im Anhang eines Mails später auch. Darin stand mitunter, dass Adventisten zwar zur Meinungsfreiheit stehen würden, die Kirche aber im Ausnahmefall jedoch gerichtlich gegen Falschaussagen und Anschuldigungen vorgegangen würde. Für mich ist dies im Nachhinein ein reines Druckmittel, um Kritiker wie mich Mundtot zu machen. Doch schweigen wollte ich nicht und ich begann, in Internetforen aktiv zu werden und über meine Erfahrungen zu berichten. Im Herbst des letzten Jahres wurden dann auch die beiden Fernsehsendungen (n-tv und TeleBärn) ausgestrahlt, an denen ich als ehemaliges Mitglied der Freikirche der Siebenten-Tags Adventisten mitgewirkt habe. Freunde haben mich auch schon gefragt, warum ich das tue, oder mir geraten, doch einfach das Leben zu geniessen und solche Dinge zu lassen. Aber das will ich nicht. Nicht, weil ich irgendwie Aufmerksamkeit benötige, sondern weil ich mich anderen "Zweiflern" und "Ausgetretenen" zeigen und mich als Anlaufstelle sichtbar machen will. Ich selber wurde beispielsweise irgendwann auf die Schweizer Apostaten aufmerksam, einer Gruppe von Leuten, die aus einer religiösen Gemeinschaft ausgetreten sind und sich ab und an zu offenen Gesprächsrunden treffen. Auch ich habe an einer solchen Gesprächsrunde teilgenommen. Eine für mich neue, hochspannende Erfahrung, die mir vor allem auch zeigte, dass ich mit meinen Erlebnissen und Erfahrungen nicht alleine bin. Mit meiner Öffentlichkeitsarbeit kann ich nicht nur meine Geschichte verarbeiten, sondern auch anderen dabei helfen, ihre Geschichte zu verarbeiten.

Ich, der ehemalige Adventist

Auf dem Papier bin ich heute konfessionslos. Ich würde sagen, dass ich auf die Religion bezogen nicht mehr kategorisierbar bin. Ich kam vor knapp sechs Jahren zur befreienden Erkenntnis, dass jener Gott Jahwe, der im Alten Testament des von der Kirche festgelegten Bibelkanons so grausam und rachsüchtig auftritt, eigentlich böse ist und vielmehr einem Demiurgen, einem Durcheinanderwerfer, einem Teufel entspricht als einem liebenden, barmherzigen und guten Vater. Ich habe mich von diesem Gott, welcher gleichzeitig mein Glaubensfundament darstellte, getrennt. Ich bin heute nicht sicher, ob es diesen Gott überhaupt gibt oder ob der Glaube an ihn nur auf einem geistigen Prinzip beruht. Fest steht, dass die adventistische Trinitätslehre sich nur immer um diesen EINEN Gott dreht. Ich bin also weder gnostischer Christ, noch Jude, noch sonst irgendwo zu verorten. Am liebsten bin ich eigentlich ehemaliger Siebenten-Tags-Adventist. Auch die Frage nach einem Leben nach dem Tod, lasse ich heute offen. Innerhalb der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten habe ich krampfhaft auf mein ewiges Leben hingearbeitet, wohlwissend, dass es doch nicht reichen könnte. Für mich ist es nach wie vor unvorstellbar, dass nach dem irdischen Tod einfach alles fertig sein soll. Die Angst vor dem "Verlorengehen" kenne ich aber nicht mehr. Ich informiere mich heute über Themen wie Reinkarnation oder Quantenphysik, und finde dies sehr spannend und horizonterweiternd.  Ich erhebe heute keinen absoluten Wahrheitsanspruch mehr und kann im Gegensatz zu früher vieles problemlos stehen lassen. Wie sagte schon Sokrates? "Ich weiss, dass ich nichts weiss." Wovon ich aber überzeugt bin ist, dass durch religiöse Bewusstseinskontrolle Millionen von Menschen manipuliert und damit nicht nur in finanzieller, sondern auch psychischer Abhängigkeit gehalten werden.


Philipp Höhener, geboren 1978 in Thun, zweifacher Familienvater und in der Region wohnhaft, arbeitete bis vor kurzem als Experte Notfallpflege im Notfallzentrum des Spitals Thun. Beruflich tätig ist er heute als Berater ausserhalb des Spitals. Im April 2012 stand seine Welt als Mitglied der weltweiten Freikirche der Siebenten-Tags Adventisten ganz plötzlich auf dem Kopf. Dafür verantwortlich waren eigene Recherchen und die darauffolgende veränderte  Wahrnehmung kritischer Informationen. Eine tiefgreifende Bewusstseinsveränderung fand statt.  Er kam zum Schluss, dass er jahrelang manipuliert und indoktriniert wurde, in vollständiger psychischer Abhängigkeit gefangen war. Er ist einer jener Aussteiger, welche ihre Gedanken und Ansichten publizieren, und diese nicht für sich behalten wollen. Philipp Höhener betreibt ausserdem seine eigene Website.

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