Denise Plattner ist Mitglied der Französischen Kirche in Bern und erzählt in ihrem Beitrag von einem persönlichen Erlebnis, dass sie näher zur Religion führte und sie dazu inspirierte, ein Treuebekenntnis zu verfassen. Mittlerweile hat sie dieses Bekenntnis schon in neun Sprachen übersetzen lassen.
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 Ich habe mich in Bern in den TGV nach Paris gesetzt. Von meinem Fensterplatz aus zieht die Landschaft an mir vorbei. Bin ich bereits in Frankreich? Ich glaube schon, denn über der Ebene erhebt sich weiträumig der Himmel. Wie im Traum lasse ich meinen Gedanken freien Lauf: zu den Bildern gesellen sich Worte. Ich fühle mich wie in der unermesslichen Weite des Universums. Denke ich an Hotelaufenthalte vergangener Zeiten, als in der Schublade des Nachttisches ganz hinten noch eine Bibel lag? Wer weiss das genau! Kurz entschlossen nehme ich ein Papier hervor und beginne eilig einige Gedanken hinzukritzeln. Als der Zug in Paris einfährt, liegt ein Text in meiner Tasche, den ich praktisch nicht mehr überarbeitet habe.
 

Werden die Mitglieder der „Andachtsgruppe der Französischen Kirche in Bern“ diesen Text gutheissen? Dank einer Choristin, die wie ich im Chor der französischen Kirche singt, bin ich zu dieser Gruppe gekommen. Mein Text stösst bei ihnen auf grosse Zustimmung und nimmt alle weiteren Reaktionen vorweg. Eine Kollegin schlägt vor, den Text auf der Homepage der Französischen Kirchgemeinde in Bern unter der Rubrik „Meditation“ aufzuschalten, wo er auch heute noch abgerufen werden kann.

Dann wird „Das Treuebekenntnis“ in einem Gottesdienst vorgetragen, wo es sehr viele positive Rückmeldungen auslöst. Im Laufe der Zeit, ist mir bewusst geworden, dass dieses Bekenntnis alle Bewohner dieser Erde betrifft, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Daher habe ich es in die zwei anderen offiziellen Sprachen der Schweiz übersetzen lassen, nämlich ins Deutsche und Italienische sowie in die Sprachen der Vereinigten Nationen, d.h. neben Französisch ins Englische, Chinesische, Spanische, Arabische und ins Russische. Als Wertschätzung der ursprünglichen Sprache des Alten Testaments habe ich es auch ins Hebräische übertragen lassen. Und - angesichts der grossen Anzahl japanischer Personen in der Schweiz - gibt es eine Übersetzung in deren Sprache. Mit der Unterstützung eines mir bekannten Typografen, konnte im August 2014 ein Flyer entworfen und gedruckt werden.

Nach meiner Pensionierung im Jahr 2015, begann ich als ehemalige Juristin an der Universität Bern Theologie im Nebenfach zu studieren. Erst spät praktizierend, habe ich die katholische Religion für mich entdeckt. Jetzt habe ich häufiger Kontakte mit den Reformierten. Deshalb beschreibe ich mich oft als “ökumenisch“. Wahrscheinlich entspreche ich der Mehrheit der Schweizer Bürger, da ich eine lockere Beziehung zur Kirche pflege. Es scheint mir, dass es geeigneter ist, an der Universität den Inhalt des Glaubens zu hinterfragen, als in der Kirche. Deshalb ziehe ich die Universität der Kirche vor.

Das Treuebekenntnis habe ich als religiöses Wesen konzipiert, das versucht, seine Identität angesichts einer globalisierten Welt, die von vielfältigen kulturellen und religiösen Traditionen sowie der Anerkennung ihrer Würde geprägt ist, zu bestimmen.

Als ich eine Veranstaltung über Dogmatik besucht habe, ist mir bewusst geworden, dass dieses Treuebekenntnis zum Grundmodell des Pluralismus gehört. Dieses Modell sieht gemäss des katholischen Professors und Autors Klaus von Stosch neben Atheismus, Exklusivismus und inklusivistischer Modelle eine vierte Positionierung gegenüber der Vielfalt an Religionen vor (Von Stosch, Klaus: Einführung in die Systematische Theologie, 3. Auflage, 2014, Paderborn, S. 319 und ff.). Nach all den positiven Echos, die ich bei der Ausarbeitung dieses Treuebekenntnisses erlebt hatte, kann ich mir nun nicht vorstellen, dass es noch andere Haltungen als eine „genuine Wertschätzung religiöser Vielfalt“ (Ebd.) geben kann.

Allein, die Aussage im „Treuebekenntnis“, dass die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen „heilig zu halten“ ist, mag nach meiner Meinung in Frage gestellt werden. Wie einen Lehrsatz möchte ich diesen Satz gerne logisch beweisen können. Zurzeit kann ich jedoch nur eines bemerken: Unser Handeln kann zur unwiderruflichen Schädigungen der Umwelt führen und diese lösen Schuldgefühle in uns aus. Ein ähnliches Schuldgefühl empfinden wir, wenn wir einen Menschen nicht respektieren. Zwar gibt es mehrere religiöse und nicht religiöse Erklärungen bezüglich des Ursprungs des Gesetzes oder des Gewissens, aber ihre Erklärungen unterscheiden sich je nachdem, ob ein religiöser Gesichtspunkt angenommen wird oder nicht.

Mein Treuebekenntnis ist auf die religiöse Identität in einer globalisierten Welt ausgerichtet, die von vielfältigen kulturellen und religiösen Traditionen sowie von der Anerkennung gleicher Würde aller ausgeht. Ich möchte meine Überlegungen über Vernunft und Emotionen im religiösen Bereich und deren bestehende Beziehungen fortsetzen. Ich bin der Meinung, dass „Glaube“ durch „Wahrheitssuche“ ersetzt werden sollte, auf der Vernunft basierend, vielleicht sogar auch anhand von naturwissenschaftlichen Methoden. Es scheint mir tatsächlich, dass, solange die Erkenntnis nicht zu einem Ende gelangt ist, die Frage nach dem Sinn der Welt nicht endgültig beantwortet werden kann. Diese Suche sollte gemeinsam mit unserer Affektivität, der die volle Legitimität zurück erstattet werden sollte, artikuliert werden. Diese Klärungen, so scheint es mir, sollten in der religiösen Praxis die Vorstellungen der gegenwärtigen Gesellschaft - vielleicht auf Anhieb ein wenig widersprüchlich - zu Freiheit und Autonomie einerseits und zu Nähe und zwischenmenschlichen Beziehungen andererseits in Einklang bringen.

 

Unser Treuebekenntnis

Für uns Christen offenbart sich Gott im Alten und Neuen Testament

Für uns Christen hat Christus die Gnade Gottes durch seine Liebe und sein Leiden personifiziert

Wir Reformierten versuchen selbst und mithilfe unserer Pastoren den Sinn der Heiligen Schriften zu verstehen

Für uns Praktizierende verbinden die Riten uns mit all jenen, die sich vor uns Christen genannt haben

Für uns Gläubige zeigen die Güte und Schönheit der Welt die Anwesenheit des Göttlichen

Für uns Frauen und Männer dieser Erde entspricht die Verschiedenheit der Religionen einem Reichtum für die Menschheit

Wir Frauen und Männer dieser Erde fühlen uns solidarisch mit allen, die auf der Sinnsuche sind

Wir Frauen und Männer dieser Erde bemühen uns, jederzeit das Leben und die Würde eines jeden Lebewesens zu achten

Für uns Frauen und Männer dieser Erde bedeutet die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen, diese zu schützen und heilig zu halten

Amen

 
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