Esther FouziIch und Religion

Ich wuchs innerhalb der reformierten Landeskirche auf, war aber auch Mitglied einer Freikirche. Schon als Jugendliche fand ich die Dreieinigkeitslehre befremdend. Drei in Einem, das ging nicht auf, und so betete ich sicherheitshalber zu Gottvater, Sohn und dem Heiligen Geist. Durch meine Beschäftigung mit Yoga geriet ich in Kontakt mit fernöstlichen Lehren und fühlte mich vor allem zum Buddhismus und der Reinkarnationslehre hingezogen. Später, durch den Kontakt mit meinem Mann, lernte ich den Islam kennen. Mit dem Islam hatte ich plötzlich eine Alternative und begann das Christentum, dessen Gottesverständnis und die Heilslehre zu hinterfragen. Warum sollte ein liebender Gott seinen eigenen Sohn hingeben müssen und zuschauen, wie dieser auf grausamste Weise sterben muss, nur damit uns Menschen die Sünden vergeben werden können? Könnte der Allmächtige nicht auch ohne Kreuzigung vergeben? So begann ich, einen vernunftgetragenen Zugang zu Gott zu suchen.


Ich und mein Mann

Mit 17 Jahren fing eine Brieffreundschaft der besonderen Art an: Ich korrespondierte mit einem marokkanischen Studenten. Nach einem halben Jahr fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle, und nach kurzem Zögern sagte ich Ja, denn ich war bereits bis über beide Ohren in ihn verliebt. Meine Eltern waren davon gar nicht begeistert und rieten mir, den Antrag abzulehnen. Sie befürchteten einerseits, dass eine solche Ehe zu meinem sozialen Abstieg führen würde und andererseits, dass er vielleicht gar nicht so sehr an mir, sondern an meinem Geld interessiert sei. Obwohl ich ihre Bedenken nachvollziehen konnte, waren mein Vertrauen und meine Liebe in diesen Mann so stark, dass ich bereit war, mich auf das Risiko einzulassen und einen sozialen und finanziellen Abstieg in Kauf zu nehmen. Ich war überzeugt, dass er es gut mit mir meinte, und dass wir eine Chance zusammen haben - und ich habe es bis heute, über dreissig Jahre später, nie bereut.


Ich und Islam

Da Religion auch für ihn etwas Wichtiges war, fragte er mich irgendwann, ob ich mir auch vorstellen könnte, Muslimin zu werden. Zu diesem Zeitpunkt war für mich aber ziemlich klar, dass ich das nicht wollte. Trotzdem begann ich, mich mit dem Islam auseinanderzusetzen. Es ist eigentlich ironisch – ich beschäftigte mich das erste Mal intensiv mit dem Islam, um Gründe gegen diesen zu finden. Ich kaufte mir also eine Koranübersetzung und erhielt von meinem Mann zwei weitere Bücher, die den Islam thematisierten. Anstelle der erwarteten Gegenargumente fand ich in der Auseinandersetzung mit Islam etwas, das mir Eindruck machte, mich berührte und mir viel schlüssiger erschien als die christlichen Lehren. Endlich hatte ich einen einzigen Gott, der mir die Sünden direkt vergeben konnte und in seiner Allmacht nicht mehr eingeschränkt schien. Ausserdem schien hinter dem Islam eine enorme Kraft zu stehen – ich meine – wie sonst lässt sich erklären, dass er als jüngste Religion in einem Umfeld entsteht, wo doch schon so viele Religionen bestehen, und es trotzdem schafft, so viele Menschen anzuziehen. Darüber hinaus verblüffte mich der Koran durch die präzisen Angaben zur Schöpfung, welche erst viel später wissenschaftlich nachvollzogen und bestätigt werden konnten. Wer ausser Gott konnte so etwas wissen dazumal?

Ich und Gott

Wie schon erwähnt, hat mich die islamische Vorstellung von einen Einzigen Gott tief berührt und für mich ist es wichtig, die Beziehung zu Gott zu pflegen. Dafür versuche ich, Gott immer und überall zu spüren und in einer steten Dankbarkeit die Welt um mich herum wahrzunehmen. Für mich ist er der Schöpfer allen Seins, der nur schwierig mit Worten zu fassen ist. Müsste ich es dennoch versuchen, so würde ich Gott mit Begriffen wie Liebe, Licht, Barmherzigkeit, Grosszügigkeit, Gerechtigkeit, Nachsichtigkeit, liebevoll, vergebend, beständig oder absolut zu beschreiben versuchen. Auch Humor wäre eine Eigenschaft, die ich ihm zuschreiben würde – wie sonst liesse sich der menschliche Humor und der Spieltrieb sogar von Tieren erklären? Ausserdem finde ich es wundervoll, dass unser Schöpfer so viel Interesse an uns hat, dass er Kontakt mit uns aufgenommen hat und auch will, dass wir Kontakt zu ihm haben.

Ich und Islamunterricht

Vor nun schon fast 15 Jahren absolvierte ich meine Ausbildung zur islamischen Religionspädagogin und unterrichte seither muslimische Kinder und Jugendliche. Es gibt drei Fächer: 1. Die Schüler lernen, den Koran auf Arabisch zu lesen. 2. Sie lernen kurze Suren auswendig. 3. Sie erhalten Islamunterricht. Dabei geht es mir darum dass sie nicht nur Techniken und Regeln kennen, sondern zuerst eine Beziehung zu Gott aufbauen. Viel zu oft wird einfach eingetrichtert, dass man Gott und Mohammed gern haben muss, ohne den Aufbau einer emotionalen Beziehung zu Gott zu fördern. Ich finde das schade und versuche deshalb, den Kindern zu helfen, ihren eigenen Weg zu Gott zu finden. Ich versuche auch das kritische Mitdenken zu fördern. Es gibt nichts Schlimmeres als gleichgeschaltetes Denken, welches „Soldaten“ statt selbstverantwortlich handelnde Individuen hervorbringt. In diesem Sinne versuche ich auch, den Jugendlichen zu helfen, mit Themen wie Terrorismus umgehen zu können. Terroranschläge „im Namen des Islam“ ziehen die Religion in den Dreck und danach entsteht oft ein Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Von Nicht-Muslimen werden einem Verse um den Kopf geschlagen, die zu Kriegshandlungen aufrufen und viele Muslime wissen selbst nicht, wie sie diese verstehen sollen und schweigen. Ich versuche genau solchen Dingen entgegen zu wirken, thematisiere auch kritische Suren und schaue deren Kontext an. Darüber hinaus plane ich für junge Muslime in naher Zukunft ein Seminar in Moscheen anzubieten, das die Herangehensweise an die Heilige Schrift und die Kriegsverse thematisiert. Ich hoffe, dass ich dadurch sowohl etwas zum Selbstbewusstsein der Musliminnen und Muslime und zu deren Beziehung zu Gott als auch etwas zur Terrorismusprävention beitragen kann.

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