Buchcover, Wallstein Verlag

Die seit 2010 veröffentlichten Erträge des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten innovativen Forschungsprojektes „Charlottengrad und Scheunenviertel“ zur Literatur und Kultur, aber auch zu den religiösen Lebenswelten osteuropäischer Migrant*innen im Berlin der Weimarer Republik, bieten jetzt mit einer umfangreichen Anthologie  unter dem Titel „… die Nacht hat uns verschluckt“ einen auf Primärtexten basierenden Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelten dieser Migrantengruppe. Zwar ist in der Vergangenheit hin und wieder diese Lebenswelt durch Publikationen bekanntgemacht worden, jedoch konnten diese Bücher nicht umfassend von dieser besonderen Facette der Weimarer Republik erzählen. Erinnert sei hier an Eike Geisels 1986 gemeinsam mit Günter Kunert veröffentlichter Band „Im Scheunenviertel.“
Was sich in diesem Buch verdeutlichte und seither im Eindruck immer wieder durch neue Veröffentlichungen bestätigen konnte, ist, dass das Berlin der Weimarer Republik durchaus ein für die deutsche Geschichte einzigartiger melting pot hätte werden können. Das heben auch die Herausgeberinnen der Anthologie „… die Nacht hat uns verschluckt“ bereits auf der ersten Seite ihrer knappen Einleitung hervor. Die historischen Entwicklungen fanden jedoch eine fatale, tödlich endende Wendung. Auf der anderen Seite ist aber in den eindrucksvollen literarischen Texten, die die Anthologie zum größten Teil erstmals veröffentlicht bzw. in einer deutschen Übersetzung zugänglich macht, von einem während der 20er Jahre begonnenen Aneignungsprozess Berlins, in dem die Migrant*innen aus Osteuropa ihre anfängliche Fremdheitserfahrung hätten aufgehen lassen können, doch letztlich nicht viel zu bemerken. Berlin blieb auch der Exilort, der Transitraum.


Die Anthologie versammelt ungefähr 50 Autor*innen, die in Gedichten, in Essays, in Texten historischer oder autobiografischer Art, ihrer Begegnung mit Berlin als Exilort Ausdruck verliehen haben. Die Entstehungszeit ist nicht an die kurze Episode der Weimarer Republik gebunden. Auf diese Weise ist das Stimmenspektrum durch die Diachronie durchaus disparat. Andere Sprachstufen und Reflexionsformen der Erinnerung durch den zeitlichen Abstand geben dadurch eine unterschiedliche Wertung über Berlin ab. Die Mehrzahl der Texte sind jedoch Zeitdokumente, Ausdruck unmittelbarer Konfrontation mit einer Großstadt, die den Exilierten, die sich an fremdem Ort zu orientieren hatten, selbst wiederum das Bild einer sich nach dem Weltkrieg und nach dem Ende des Kaiserreiches neu und gänzlich anders verstehen wollenden Metropole im Aufbruch zu bieten hatte. Die Chance, an diesem Entwicklungsprozess teilzunehmen, haben aber die wenigsten der hier versammelten Autor*innen genutzt. Die Herausgeberinnen betonen, dass die Autor*innen „den Zwischenraum der ephemeren Migrant*innenexistenz nicht verließen, nicht einmal in der zweiten Generation“. (S. 22)
Es stört deshalb ein wenig, dass der Verlag sowohl als Werbeslogan als auch im Klappentext die unzutreffende Formulierung „das osteuropäisch-jüdische Berlin“ verwendet, der von den Herausgeberinnen in ihrer Einleitung selbst nicht gebraucht wird. Er ist zwar einprägsam, aber er geht an dem historischen Phänomen vorbei. Ein „osteuropäisch-jüdisches Berlin“ hat es, so kann man nach der Lektüre der einzelnen Texte, die in acht Kapiteln vorgestellt werden, nicht gegeben. Die Erfahrungen ihrer Exilexistenz in Berlin geben deshalb auch den einzelnen Kapiteln die entsprechenden Titel: „Fremdheitserfahrungen“, „Großstadt und Modernität“, „Kindheiten in Berlin“, „Unter Emigranten – Transitraum und Knotenpunkt“, „Netzwerke: Wissenschaft und Kultur der Migranten“, „Innerjüdische Begegnungen“, „Visionen und Sehnsuchtsorte“ sowie „Blicke auf die Weimarer Republik.“

 Historisches Lesebuch

Die Herausgeberinnen haben sich für eine kurze, gerade einmal zehn Seiten umfassende Einleitung entschieden, in denen die wichtigsten Begriffe und Auseinanderlegungen des Themas versammelt sind. Die Einleitung betont die „soziale Außenseiterposition“ (S. 12) der Exilierten, den Heimatverlust, die Fremdheitserfahrung, die diasporische Lebenswelt (S. 15). Dass auf dieser Grundlage „konkurrierende Identitätsentwürfe und Diaspora-Konzepte“ (S. 23) entstanden sind, geben die Herausgeberinnen den Leser*innen für die Lektüre mit auf den Weg. Ausführlich können sie diese Konzepte nicht vorstellen. Das bleibt den originalen Texten der Anthologie überlassen. Wer eine umfassende Aufarbeitung dieser Konzepte kennenlernen möchte, sei auf die anderen Veröffentlichungen der Reihe verwiesen, besonders auf die hervorragenden Monografien von Anne-Christin Saß „Berliner Luftmenschen“ (2012) und von Britta Korkowsky „Selbstverortung ohne Ort“ (2013), deren Titel als Programmworte ihrer Forschungen dienen können. Das Weimarer Berlin war ein Transitraum, indem man sich nur vorübergehend verorten konnte.

Für die einzelnen Kapitel der Anthologie haben die Herausgeberinnen die Form des Einzelkommentars zu dem jeweils vorgestellten Text gewählt. Auf diese Weise können detaillierte, wertvolle Informationen stückweise ein facettenreiches Bild des Exilorts Berlin bieten. Die Mehrzahl der Autor*innen ist im deutschen Sprachraum wenig bekannt und bedarf darum der eingehenderen Vorstellung.  
Die Anthologie ist jedoch weniger eine Sammlung literarischer Texte, die die poetische Aneignung lebensgeschichtlicher Erfahrungen am Exilort Berlin widerspiegelt. Sie ist letztlich doch eher als ein historisches Lesebuch anzusehen,  als zeitgeschichtliches Dokument in seiner Zusammenstellung von Texten unterschiedlicher Autor*innen von hohem Wert. Literarische Eindrücke oder Anreize, die Autor*innen in ihrem Werk näher kennenzulernen, vermag sie jedoch kaum zu vermitteln. Die bemerkenswertesten, auch literarisch wertvollsten Texte stammen zudem von Autor*innen, deren Werke hier zum wiederholten Male abgedruckt sind. Joseph Roths Feuilletons und Mascha Kalékos Gedichte gehören dazu. Sie sind stets ein literarischer Genuss. Auch die Texte von Mischket Liebermann, Angelika Hurwicz und Alexandra Ramm-Pfemfert sowie Ilja Ehrenburg, hier erneut abgedruckt, sind mehr als historische Dokumente.

"Fremdheitserfahrungen"

Die Anthologie beginnt mit dem Kapitel „Fremdheitserfahrungen“, in dem hauptsächlich Gedichte dieses elementare Lebensgefühl der Exilant*innen vermitteln. Diese Gedichte sind zum größten Teil als Erstveröffentlichungen der deutschen Übersetzung aus dem Russischen und Jiddischen zu verstehen. Bei dem Berlin-Zyklus von Jacob David Kamson, 17 Gedichte aus den frühen 20er Jahren, werden literaturkundige Leser*innen an die zahlreichen Berlin-Gedichte von Georg Heym aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erinnert. Ein Vergleich bietet sich hier an. Jedoch sind diese Gedichte von Kamson ein etwas schwieriger Einstieg in eine Anthologie, die später eher autobiografische Erinnerungen zu Wort kommen lässt, die leichter zugänglich sind als die Gedichte des ersten Kapitels „Fremdheitserfahrungen“.
Bemerkenswert ist die Stellungnahme einiger Autor*innen zum Zionismus und zu einem möglichen Staat in Palästina. Die kritische bis ablehnende Haltung in den Äußerungen von Alexandra Ramm-Pfemfert und Joseph Roth sollte als differenzierter Beitrag zur damaligen Diskussion gelesen werden. Die Hervorhebung, dass die Zionisten nicht das Mandat besitzen, „im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen“ (Ramm-Pfemfert, S. 307), sowie der Hinweis darauf, dass das Judentum die „groben Formen der ‚Nationalität‘ abgestreift“ hätte (Roth, S. 310), dienen auch der Stärkung einer Aufrechterhaltung des selbständigen Wertes der jüdischen Diasporaexistenz. (Simon Rawidowicz, S. 325)

Schonungslose Zeitdiagnose des Dritten Reiches 1933

Ob eine Anthologie eine Zusammenstellung von Texten sein sollte oder ob sie eine Komposition von Texten ist, lässt sich nicht abschließend entscheiden. Die Herausgeberinnen geben – wie sie selbst im Vorwort schreiben – einen „Querschnitt durch die Vielfalt jüdischer Migrationserfahrungen“ (S. 19). Sie verstehen ihre Anthologie als einen „Chor mit vielen Stimmen“ (S. 19). Im letzten Kapitel „Blicke auf die Weimarer Republik“ zeichnet sich aber doch eine Tendenz ab. David Eynhorns „Berlin tanzt einen neuen Tanz – den Totentanz“ von 1924 führt seine Gedanken aus dem im 4. Kapitel „Unter Emigranten – Transitraum und Knotenpunkt“ untergebrachten Text „Warum jetzt so viele Juden nach Paris gehen“ (1925) für die Leser*innen weiter. „Emigration ist eine Krankheit“, „Emigration auf kurze Zeit“ (S. 174) heißt es in diesem Text. „Du glaubst nicht in Paris zu sein. Zeitweilig hat man das Gefühl, sich in einem Knäuel zu befinden.“ (S. 172) Der Exilort vermag für den Exilanten keine ortsspezifischen Akzente, keine zeittypischen kulturellen Momente zu bieten. Er ist ein unspezifischer Ort, der die Emigration als Krankheit erscheinen lässt. Als wessen Krankheit? Nur des Exilanten? Oder nicht auch des Transitraums Berlin?

Jakob Lestschinskys „Die Pogrome in Deutschland und die Pogrome im zaristischen Russland“ (S. 364ff.) ist eine schonungslose Zeitdiagnose des Dritten Reiches im April 1933. Die Anthologie schließt ein Gedicht von Ilya Dijour „Berlin 1946“ ab, hier erstmals auf Deutsch veröffentlicht, nachdem es 1947 in New York auf Jiddisch erschienen ist. Ist das Gedicht hier als Klammer, als Schlusspunkt, zu verstehen, das Kamsons Berlin-Zyklus in einem einzigen Gedicht antwortet? Dijour, der in den 20er Jahren in Berlin lebte und für jüdische Migrationsorganisationen arbeitete, lässt in seinem Gedicht jede Reminiszenz an das Weimarer Berlin aus. Es ist stattdessen eine bittere Bilanz des Krieges und der Shoa. Auch diese Zeit gehört noch zur kurzen Zeit einer Emigration, in der es wohl mehr Fremdheit als Hoffnung auf Assimilation gegeben hat.

Rezension von Prof. Dr. Daniel Hoffmann, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

„… die Nacht hat uns verschluckt“. Poesie und Prosa jüdischer Migrant*innen im Berlin der 1920er und 30er Jahre. Eine Anthologie.
Hrsg. von Anne-Christin Saß, Verena Dohrn und Britta Korkowsky unter Mitarbeit von Tamara Or, Band 6 der Reihe „Charlottengrad und Scheunenviertel“, hrsg. von Gertrud Pickhan und Verena Dohrn, Wallstein-Verlag: Göttingen 2018, ISBN 9783835331334, Gebunden, 396 Seiten, 29,90 EUR

 

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