Zwischen Synagoge und KircheBuchrezension: Messianische Juden in Jerusalem von Martin Steiner

Dass Martin Steiner, Assistent am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern, sich entschlossen hat, seine Diplomarbeit, 2015 an der Universität Wien eingereicht, in einer leicht überarbeiteten Fassung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist begrüßenswert. Denn das Thema seiner Arbeit, die religiöse Bewegung der messianischen Juden in Jerusalem, verdient eine breitere Aufmerksamkeit. Die Diversität der Religionen und die Diversität der religiösen Anschauungen ist eine unbestreitbare Tatsache. Sie prägen nicht nur in unserem Zeitalter, sondern schon in der Vergangenheit das Feld des Religiösen. Sichtbar durch die Medien sind jedoch vorwiegend die tradierten positiven Religionen, von denen ein einprägsames, vereinfachtes Bild vermittelt wird. Dabei ist die Bandbreite der Ausrichtungen in den einzelnen Religionen, auch den tradierten, derart groß, dass es hier allenfalls Schnittmengen gibt, aber keine konstanten religiösen Größen.
Dieser Situation wird Martin Steiner gerecht, indem er für die Darstellung eines religiösen Randphänomens, die messianisch-jüdische Bewegung und speziell ihre Präsenz in Jerusalem, auf der einen Seite historische Bezüge, auf der anderen Seite theologische Manifestationen und auf einer dritten Seite empirisches Material aufbereitet, um mit dieser Triangulation (S. 9) ein möglichst umfassendes Bild dieser Bewegung zu vermitteln.

 

Die religionsgeschichtlichen Hintergründe und theologischen Bezüge zeigt Steiner im 2. Kapitel seiner Arbeit, dem er den Titel „Vorverständnis“ gegeben hat. In diesem ausführlichen Kapitel entwirft er zunächst in historischer Perspektive ein Bild von der Pluralität des Judentums. Die verschiedenen Facetten des Judentums bilden zugleich die Abfolge seiner religionsgeschichtlichen Entwicklung. Ausgehend vom biblischen Judentum über das orthodoxe Judentum gelangt dieser Abschnitt schließlich zum Staat Israel, in dem sich religionsgesetzliche und säkulare Aspekte in vielfältiger Weise begegnen. Da sich das Selbstverständnis des Judentums heutzutage hauptsächlich über das jüdische Leben in Israel konstituiert, leitet dieses grundsätzliche Thema zugleich zu der Frage über, wie das Phänomen der messianisch-jüdischen Bewegung von den staatlichen und religionsgesetzlichen Institutionen Israels gesehen bzw. beurteilt wird. Nicht die historischen Anfänge des Christentums als Pendant zum Judentum schließen sich an den ersten Abschnitt des „Vorverständnisses“ an, sondern die Darlegung der wesentlich jüngeren historischen Ursprünge der messianischen Juden, die im 19. Jahrhundert liegen. Erst daran anschließend folgt der „Einblick in die Anfänge des Christentums“. An dessen „christusgläubig-jüdische Gemeinschaft“ aus der Anfangszeit (S. 48) anzuknüpfen, liegt in der Intention der messianisch-jüdischen Bewegung. Weil damit immer auch eine gewisse Form von Judenmission verbunden ist, wie ja auch Judenmission zum Kernbestand der christlichen Lehre gehört, schließt Martin Steiner dieses Kapitel mit einer kontroversen Erörterung dieser Thematik ab. Schon hier wird deutlich, dass die messianisch-jüdische Bewegung aufgrund ihrer Rand- oder Außenseiterstellung in allen Fragen, die Judentum und Christentum im Verhältnis des Gegensatzes sowie im Verhältnis des Dialoges betreffen, eine Herausforderung an die beiden Religionen bedeutet.

Verschiedene Gemeinden der messianisch-jüdischen Bewegung in Jerusalem


Im Hauptteil seines Buches, in den Kapiteln 3-6, stellt Martin Steiner vier verschiedene Gemeinden der messianisch-jüdischen Bewegung in Jerusalem vor. Er stützt sich dabei sowohl auf Veröffentlichungen der leitenden Personen der einzelnen Bewegung sowie wissenschaftliche Darstellungen als auch auf Interviews, die er selbst geführt hat. Seine Ergebnisse und Eindrücke hat er unter ein für alle dargestellten Gemeinden annähernd gleiches Schema systematischer Darstellung der verschiedenen Aspekte gebracht. Zu diesen Aspekten zählen das Selbstverständnis nach innen, also der Aufbau der Gemeinden, das Selbstverständnis nach außen, d.i. das Verhältnis zu den verschiedenen weltlichen und religiösen Institutionen in Israel bzw. Jerusalem, sowie bibeltheologische Glaubensgrundsätze, zu denen vor allem die Stellungnahmen der einzelnen Gemeinden zu den Judentum und Christentum vorrangig unterscheidenden Feiertagen und Gebräuchen gehören. Das Urteil, das Martin Steiner bereits im Vorwort über die messianisch-jüdischen Gemeinden abgibt, dass „sie im Vergleich zu beiden Religionen [d.i. das Judentum und das Christentum] als synkretistisch und divers“ erscheinen, findet man vor allem bei der Lektüre der bibeltheologischen Glaubensgrundsätze wiederholt bestätigt. Während die Gemeinden in der praktischen Seite ihres religiösen Lebens eher dem Judentum zuneigen, prägt sich im theologischen Denken eher die christliche Lehre aus.

Religiöses Selbstverständnis


„Das Neue an messianischen Juden im 19. Jahrhundert ist, dass sie sich den eigenen religiösen Bedürfnissen entsprechend nicht mehr oder nur teilweise den etablierten Kirchen […] anschließen.“ (S. 124) Diese Äußerung gibt Martin Steiner aus dem Interview mit David Neuhaus SJ von den „Hebräisch sprechenden Katholiken“ wieder. Die religiösen Bedürfnisse haben neue oder andere Ausdrucksformen gesucht und zum Teil auch gefunden. Dass es hier immer noch Suchbewegungen im Felde eines religiösen Selbstverständnisses gibt, wird aus den Kapiteln zu den einzelnen Gemeinden deutlich. Leider fehlt jedoch in der Systematik von Martin Steiner ein eigener Unterpunkt zu den Vorstellungen oder praktischen Überlegungen der Tradierung des Glaubensgutes der einzelnen Gemeinden. Wie wird in der Gemeinde die Erziehung der Kinder bzw. die Übermittlung der Lehre an sie gehandhabt? Jedoch dies nur am Rande.
Martin Steiner hat ein schwieriges, schillerndes Phänomen im Bereich Judentum-Christentum anhand einer überzeugenden und übersichtlichen Systematik dargestellt. Diese Systematik ist auch notwendig, da die messianisch-jüdische Bewegung weder als vermittelndes Element dienen kann noch eine „Brückenfunktion“ (S. 1) innehat, auf der anderen Seite aber einer nachvollziehbaren Bestimmung ihrer Position bedarf. Ob es zwischen den beiden Religionen überhaupt vom theologischen Standpunkt aus ein vermittelndes Element in Form einer religiösen Bewegung geben kann, bleibt sowieso fraglich. Ein wechselseitiger Transfer religiösen Gedankengutes scheint theologisch nicht möglich zu sein. Insofern steht eine religiöse Bewegung wie die messianisch-jüdische dem Dialog der großen Religionen, der sich aus deren eigenen jeweiligen Selbstverständnis entwickelt hat, nur störend im Weg. Ihr Anspruch in Kontinuität zu den antiken Judenchristen zu stehen (S. 135), könnte zu religiösen Träumereien führen. Aufgrund seiner systematischen Darstellung gibt Steiner solchen Gedanken keine Nahrung. Seine sachlichen Einblicke in die institutionelle Gestalt und die theologischen Vorstellungen der Gemeinden vermitteln eher Eindrücke vom alltäglichen Leben einer religiösen Bewegung. Die messianisch-jüdischen Gemeinden „existieren“ (S. 48). Das ist ein Faktum. Dieses Faktum entsprechend religionsgeschichtlich und theologisch eingeordnet zu haben, ohne eine Zuordnung vorgenommen zu haben, die sich selbst Judentum und Christentum nicht zutrauen, ist das große Verdienst von Steiners Buch.

Rezension von Prof. Dr. Daniel Hoffmann, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Martin Steiner: Zwischen Kirche und Synagoge. Messianische Juden in Jerusalem (Forum Christen und Juden, hrsg. v. Uri R. Kaufmann u.a., Bd. 18).
Wien: LIT-Verlag, 2019, 160 Seiten, 29,90 €, ISBN 978-3-643-50909-3

Martin Steiner, geb. 1988 in Linz (Österreich), studierte Religionspädagogik und Katholische Theologie in Wien, Jerusalem und Fribourg. Seit 2017 ist er Assistent am Institut für Jüdisch‑Christliche Forschung der Universität Luzern. Im Rahmen eines SNF‑Forschungsprojekts zum Thema „Die Konferenz von Seelisberg (1947) als ein internationales Gründungsereignis des jüdisch‑christlichen Dialogs im 20. Jahrhundert“ von Prof. Dr. Verena Lenzen promoviert er am Institut für Jüdisch‑Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern. Für religion.ch hat er bereits einen Beitrag über das Messianische Judentum verfasst.

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Marco Messina
Verantwortlicher Blogs
blog(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4