MARE NOSTRUM. Ein Konzert. Eine ReiseFilmrezension: "MARE NOSTRUM. Ein Konzert. Eine Reise" von Michelle Brun und Stefan Haupt

Der Plot des Films ist schnell erzählt: Jordi Savall und sein Ensemble Hespèrion XXI kommen nach Buchs SG für ein Konzert, in dem Schüler_innen der Scuola Vivante bei vier Stücken mitsingen. Einen Monat nach dem Konzert unternehmen die Schüler_innen eine Bildungsreise nach Ait Bouguemez, einem Berber_innendorf im hohen Atlas Marokkos und berichten von ihren Erlebnissen.

Ein Schüler_innenprojekt

Weniger schnell erzählen lässt sich, wie der Film entstanden ist. Veronika Müller Mäder und Jürg Mäder, Schulleiter_innen der Scuola Vivante, schwebt vor, das Konzert von Jordi Savall und die Bildungsreise nach Marokko in einem Film festzuhalten, um ein Erinnerungsdokument zu erschaffen, das selbst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Stefan Haupt, die eine Hälfte des Regisseur_innenduos erklärt sich bereit, das Konzert aufzunehmen. Und die Schüler_innen der Scuola Vivante beginnen das Einmaleins des Film- und Tontechnik zu erlernen. Einen Monat später begeben sie sich, ausgestattet mit Kameras, auf die Reise nach Marokko – und hielten ihre Eindrücke filmisch sowie in Tagebüchern fest. Nach der Rückkehr sichtet Michelle Brun, die zweite Regisseurin, das umfassende Aufnahmematerial, die Tagebucheinträge sowie die entstandenen Zeichnungen. In der Scuola Vivante nimmt sie die Schnittarbeiten in Angriff. Mit den Schüler_innen stellt sie die Gedanken aus deren Tagebüchern, welche in Form der Off-Voice (ebenfalls von einer Schülerin gesprochen) in den Film einfliessen sollen, zusammen. Die Finanzierung des Filmprojekts geschieht dabei rollend. Anfangs wird Geld aufgetrieben für Stefan Haupt, danach für den zweiten Teil des Projektes. Die hauseigene Stiftung der Scuola Vivante und viele private Gönner_innen ermöglichen das Projekt letztlich. Entstanden ist ein Film, in dem das Konzert von Jordi Savall, die Reise nach Marokko, die Arbeit zweier professioneller Filmschaffenden und jene von Schüler_innen gekonnt miteinander verwoben wird – insbesondere durch die musikalische Untermauerung.

MARE NOSTRUM. Konzert mit Jordi Savall, Hespèrion XXI, Scuola Vivante

MARE NOSTRUM. Ein Konzert

Jordi Savall und sein Ensemble Hespèrion XXI treten am 12. April 2014 in Buchs SG auf. Beim Konzert in Buchs SG präsentiert er mittelalterliche Lieder aus Regionen rund ums Mittelmer. Es sind Lieder, die im gesamten Mittelmeerraum gesungen werden, aber überall eine andere Geschichte erzählen. Das Ensemble besteht aus 17 Musikern und einer Sängerin. Auf die Frage einer Schülerin, weshalb nur eine Frau dabei sei, antwortet Savall, dass er für dieses Konzert viele Musiker aus dem orientalischen Raum engagieren musste. Die Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen seien dort leider noch sehr gering, deshalb fände er kaum Musikerinnen. Sein Orchester setzt sich aus elf Nationalitäten, verschiedenen Religionen und unterschiedlichsten Sprachkenntnissen zusammen. Es sind Vollblutmusiker_innen aus Leidenschaft, die sämtliche Barrieren dank der Musik zu überwinden wissen.

MARE NOSTRUM. Eine Reise

Am 16. Mai 2014 starten die Schüler_innen der Scuola Vivante ihre Reise nach Ait Bouguemez, wo sich die Partner_innenschule der Scuola Vivante, die École vivante, befindet. Über Land- und Seewege werden viele jener Regionen durchquert, in welchen Jordi Savall seine Lieder für die MARE NOSTRUM-Tournee entdeckt hat. Nach sechs Tagen erreicht die Schulklasse Ait Bouguemez. Das Dorf und die Schüler_innen begegnen sich ohne Vorurteile und sehr herzlich. Eine Schülerin stellt fest, so anders sei der Unterricht in Marokko eigentlich nicht. „Nur die Schrift ist anders. Und die Leserichtung. Und das Gebet, das während dem Unterricht gehalten wird.“ Aber der Aufenthalt im Berber_innendorf ist nicht das zentrale Element des Films. Vielmehr stehen Musik und die Reise im Vordergrund. Wie ein Musiker aus Hespèrion XXI sein Instrument als Mittel zur Selbstfindung bezeichnet, erleben die Schüler_innen ihre Reise nach Marokko als ein Mittel zur Selbstfindung: „Reisen bedeutet Ungewissheit. Das schärft meine Wahrnehmung. So fühle ich mich lebendig.“ (Off-Voice-Kommentar)

MARE NOSTRUM. Ein Konzert. Eine ReiseEntschleunigung

Das Leben in Ait Bouguemez spielt sich gemächlich ab. Leistungsdruck, Erfolgszwang, Materialismus, Lärm und Stress sind weit entfernt. Es bleibt noch Zeit, um nicht zu arbeiten, zum Träumen, zum Innehalten, zum Staunen, für die Stille. Ähnlich sei auch der Film entstanden, meinen die Produzent_innen und Jürg Mäder unisono. Es hätte keinen Zeitdruck gegeben, weil keine Deadline festgesetzt worden sei im Voraus. „Und die Arbeitszeiten haben sich nach den Unterrichtszeiten gerichtet, da ich den Grossteil der Arbeit in der Scuola Vivante erledigt habe“, so Michelle Brun.

Der Film widersetzt sich auch anderen Zwängen. Zum Beispiel jenem nach Perfektion. Einige Aufnahmen sind verwackelt, durch eine Autoscheibe aufgenommen oder körnig. Die atemberaubende Musik von Joris Savall und seinen Musiker_innen lässt die Zuschauer_innen aber gerne darüber hinwegsehen.

Das Filmprojekt wirkt sich auch jetzt noch auf den Schulalltag der Schüler_innen aus. Eine Mutter erzählt, dass Michelle Brun den Kindern ein Mal die Woche Schnitttechniken und andere Filmskills beibringe. In der Zwischenzeit hätten die Kinder im Unterricht und Freizeit (Lehr-)Filme zu diversen Themen erstellt.


 MARE NOSTRUM. Ein Konzert. Eine Reise. Regie: Michelle Brun & Stefan Haupt. CH, 2015, 57 Min.

Trailer:

 

Aufführungsdaten

MARE NOSTRUM: Dialogue des musiques chrétiennes, musulamnes et juives autour de la Méditerranée

Scuola Vivante

École Vivante

 

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