ZRWP LogoSeit der Gründung des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) sind 10 Jahre vergangen. An der Jubiläumsveranstaltung in Zürich haben acht Referent_innen in die Vergangenheit geschaut, die Gegenwart analysiert und ein Blick in die Zukunft gewagt.

Das ZRWP hatte keinen leichten Start: Die Idee eines trans- und interdisziplinären geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiengangs in Zürich stiess in gewissen Kreisen der naturwissenschaftlich und technisch ausgerichteten Universität auf wenig ideelle und kaum finanzielle Unterstützung. Doch liessen die Initiator_innen des ZRWPs sich nicht entmutigen. Aus der Not heraus entwickelten sie einen schweizweit einzigartigen Plan: den RWP-Master gemeinsam mit den Universitäten Luzern und Basel anzubieten. Dank tatkräftigem Mitwirken dieser Universitäten sowie anderer Institutionen (Universität Fribourg, Universität Lausanne, Collegium Helveticum), konnte das ZRWP 2006 lanciert werden.

Legitimierungszwang

Seit der Aufnahme des Unterrichts 2008, musste sich der Studiengang in den vergangenen Jahren abermals beweisen und legitimieren. Ergibt ein transdisziplinäres Studium denn Sinn, wenn zu Beginn des Masters nur in einer der drei Disziplinen fundierte Kenntnisse vorhanden sind? Lassen sich Religions-, Wirtschafts- und Politikwissenschaft methodisch, hermeneutisch und analytisch überhaupt verbinden? Prof. Dr. Antonius Liedhegener von der Universität Luzern bejahte diese Fragen. „Im ersten Semester erwerben unsere Studierenden vor allem Orientierungswissen im Hinblick auf die Schnittstellen der gelehrten Disziplinen, danach folgen die Vertiefungssemester.“ Die Studierenden würden lernen vernetzt und lösungsorientiert zu denken, Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und Probleme mehrdimensional zu analysieren.

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Starker Bezug zur Gegenwart

Das ZRWP behandelt komplexe nationale und geopolitische Fragestellungen. Im Unterschied zu vielen anderen akademischen Disziplinen wird allerdings grosser Wert auf gesellschaftsnahe Forschung gelegt. Darauf weisen nicht nur die Publikationstitel der eigenen Buchreihe hin, sondern auch die Veranstaltungen, welche von kritischen Filmbesprechungen, über Diskussionen zum Karikaturenstreit bis hin zur Flüchtlingsthematik reichen. „Die Weltlage sollte nicht so sein, dass das ZRWP noch dringender gebraucht wird als bei seiner Gründung 2006. Arbeit und Analysematerial gibt’s momentan mehr als genug, obwohl es aus politischer Sicht anders herum wünschenswerter wäre,“ resümiert Prof. Dr. Reiner Anselm. Auch Simone Weiler, RWP-Studentin, zufolge wird die Relevanz des ZRWPs in Zukunft nicht abnehmen. Es würden sich Fragen aufdrängen, die sich ins Blickfeld von trans- und interdisziplinärer Forscher_innen drängen:

  • Wie sieht Europas Zukunft aus angesichts der vielen Geflohenen und Vertriebenen, die auf ein neues Zuhause warten?
  • Wie gehen wir mit unseren Ressourcen um? Und was verändert sich, wenn wir die Umwelt als Schöpfung denken?
  • Was bedeuten die fortschreitende Technisierung und Digitalisierung für Gemeinschaften, Beziehungen und Arbeitsplätze?

Zukunft ungewiss

Trotz der grossen Wichtigkeit für Gesellschaft und Politik, trotz der beachtlichen Erfolge des noch jungen Studiengangs, trotz der immerhin 48 MA-Studierenden, ist die Zukunft des ZRWPs unsicher. Ab 2017 wird der RWP-Studiengang nur noch in reduzierter Form angeboten werden können – wichtige Gelder fielen der universitären Sparpolitik zum Opfer. Da diverse Mittelbaustellen gestrichen werden, verlieren mehrere Forscher_innen der einzelnen Forschungsteams ab Ende Dezember ihren Arbeitsplatz. Aufgrund dieser Tatsache wirkten die Worte von Prof. Dr. Paul Richli, Rektor der Universität Luzern, wie Hohn: „Das ZRWP hatte viel zu Kämpfen in den vergangenen zehn Jahren. Die nächsten zehn Jahre sollten dagegen kein Problem darstellen, sind die Weichen nun gestellt.“ Und weiter: „Die RWP-Absolvent_innen geniessen auf dem Arbeitsmarkt hervorragende Karrierechancen und sind in einem breiten Arbeitsfeld einsetzbar.“ Realistischer ist, dass dem ZRWP innert Kürze seine (Nachwuchs-)Forscher_innen ausgehen, weil aus sparpolitischen Gründen keine neuen Stellen mehr vergeben werden können. Oder dass das ZRWP in Zukunft noch grössere Existenzängste plagen. Oder dass der Kampf ums Geld noch verbissener, noch zeitraubender geführt werden muss, sodass die Forschungsarbeit auf der Strecke bleibt.

Ein trans- und interdisziplinärer Studiengang, der von drei Universitäten gemeinsam angeboten wird, verlangt allen Beteiligten viel Organisationstalent, Stressresistenz, Geduld und einen klaren Blick ab. Diese Herausforderung kann gut gemeistert werden. Die politischen Querelen und die finanziellen Entscheide sind hingegen schwerer verdauliche Kost.


Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik

Publikationen der Buchreihe "Religion – Wirtschaft – Politik"

  • Liedhegener, Antonius; Tunger-Zanetti, Andreas; Wirz; Stephan (Hg.) (2011): Religion – Wirtschaft – Politik. Forschungszugänge zu einem aktuellen transdisziplinären Feld, Zürich: Pano Verlag.
  • Pfleiderer, Georg; Heit, Alexander (Hg.) (2011): Sphärendynamik. Zur Analyse postsäkularer Gesellschaften, Bd. 1 und 2, Zürich: Pano Verlag.
  • Allenbach, Brigit; Goel, Urmila; Hummrich, Merle; Weissköppel, Cordula (Hg.) (2011): Jugend, Migration und Religion. Interdisziplinäre Perspektiven, Zürich: Pano Verlag.
  • Pfleiderer, Georg; Seele, Peter (Hg.) (2012): Wirtschaftsethik kontrovers, Zürich: Pano Verlag.
  • Pfleiderer, Georg; Heit, Alexander (Hg.) (2013): Religionspolitik. Zur historischen Semantik europäischer Legitimationsdiskurse, Bd. 1 und 2, Zürich: Pano Verlag.
  • Seele, Peter; Pfleiderer, Georg (Hg.) (2013): Kapitalismus – eine Religion in der Krise. Grundprobleme von Risiko, Vertrauen, Schuld, Bd. 1 und 2, Zürich: Pano Verlag.
  • Arens, Edmund; Baumann, Martin; Müller, Wolfgang; Liedhegener, Antonius; Ries, Markus (Hg.) (2014): Integration durch Religion? Geschichtliche Befunde, gesellschaftliche Analysen, rechtliche Perspektiven, Zürich: Pano Verlag.
  • D. Ornella, Alexander; Knauss, Stefanie; Höpflinger, Anna-Katharina (Hg.) (2014): Commun(icat)ing Bodies. Body as a Medium in Religious Symbol Systems, Zürich: Pano Verlag.
  • Zapf, Lucas (2015): Religiöse Deutungen der marktwirtschaftlichen Arbeit. Grundlegung einer institutionenbasierten Religionsökonomie anhand der vergleichenden Analyse von Arbeitsdeutungen Martin Luthers und der gegenwärtigen Marktwirtschaft, Zürich: Pano Verlag.
  • Daria Pezzoli-Olgiati (Hg.) (2015): Religion in Cultural Imaginary. Explorations in Visual und Material Practices, Zürich: Pano Verlag.

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