Andreas Pichler: Der Pfad des KriegesFilmrezension: "Der Pfad des Kriegers" von Andreas Pichler

"Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Matthäus 10.34

Ein junger Ministrant aus Europa will Priester werden, engagiert sich für soziale Gerechtigkeit in einem der ärmsten Länder der Welt – und wird zum Commandanten Miguel, der in den Untergrund geht und bei einer Entführungsaktion ums Leben kommt. Der Pfad des Kriegers ist eine Film-Dokumentation, die Verwandte, Freunde und ehemalige Weggefährten von Michael Nothdurfter zu Wort kommen lässt. Der Regisseur selbst erklärt sich zu Beginn des Films in der Erzählstimme als ehemaliger Jugendfreund; schafft damit eine Atmosphäre von Nähe und Vertrautheit.

Eine nostalgische Kindheit und Jugend im Südtirol in den 70er Jahren: Das katholische Christentum prägt die Bevölkerung; die Kinder ministrieren und singen am Lagerfeuer Lieder von Aufbruch und Versöhnung. Das Jesusbild seiner Kindheit, so schildert es der Bruder von Michael Nothdurfter in der Rückschau, sei milde und sanft. Michael sieht im Gegensatz zu seinen Geschwistern in der Biographie des Mannes aus Nazareth ein Modell für ein Leben, das nach Taten verlangt. Für seine Sicht auf die Welt birgt die religiöse Botschaft anderes Potential: Es bringt ihn zunächst zum Wunsch, den Priesterberuf zu ergreifen; die Heimat zu verlassen, um sein Leben Gott zu widmen.

Das Thema des Films ist klar: Auch das vermeintlich pazifistische Neue Testament kann auf radikale Äusserungen untersucht und auf Aufrufe zu gewaltsamen Handlungen hin gelesen werden. Auch die christliche Botschaft kann – unter bestimmten Umständen – mit einem terroristischen Verhalten konform gehen. Diesen möglichen Umständen geht der Film Der Pfad des Kriegers nach.

Gottes Reich und Revolution

Von Beginn an zeigt der Film das Wechselspiel zwischen 'äusseren' und 'inneren' Faktoren einer religiös-politischen Radikalisierung. Der psychischen Disposition von Michael Nothdurfter wird genug Platz eingeräumt, um jedem Zuschauer klar zu machen, dass es nicht einfach eine Bibel und eine Prise Sozialkritik braucht, um einen christlichen Terroristen zu formen. Nothdurfter wird als eine Persönlichkeit gezeigt, die sich mit Radikalität mit den 'letzten Fragen' beschäftigt, die sich vom Leiden der Menschen mehr als andere berühren lässt, aber gleichzeitig auch kaum spirituelle Bodenhaftung besitzt.Andreas Pichler: Pfad des Kriegers

Michael Nothdurfter studiert Theologie in England, tritt jedoch während seines Studiums dem Jesuitenorden bei. Er schreibt seiner Mutter, wie er die Mitglieder des Ordens bewundert, die sich in Lateinamerika für die Schwachen und Unterdrückten einsetzen – und dabei auch ihr Leben riskieren. Vielleicht ist das der Moment, in dem die Märtyrerthematik erstmals greifbar wird. In Bolivien, das in den 80er Jahren von einer würgenden Militärdiktatur am Boden gehalten wird, kämpft die Kirche dieser Zeit an der armen Bevölkerung. Es sind Gestalten wie der Erzbischof Oscar Romero, der in seinen Predigten betonte, dass Armut nicht durch Gott bestimmt sei und weltweit Bekanntheit durch seinen Kampf für soziale Reformen erhielt – nicht zuletzt durch seine Ermordung durch einen Auftragsmörder während der Messfeier. Nicht wenige Kirchenleute prägen eine Theologie mit marxistischen Akzenten, setzen die Hoffnung auf eine Revolution mit der christlichen Hoffnung gleich. Ernesto Cardinal: "Der einzige Weg ist der Glaube an die Revolution, der identisch ist mit dem Glauben an das Reich Gottes."

Ein Radikaler mit priesterlicher Prägung

Michael Nothdurfter findet in der ersten Zeit in Bolivien Erfüllung in der Arbeit mit behinderten Kindern, bei der Unterstützung armer und hungernder Menschen. Immer mehr solidarisiert er sich mit den landlosen Bauern, den geschundenen Minenarbeitern, und den rechtlosen Indios – und immer mehr entfernt er sich von seiner eigenen Ordensgemeinschaft, kritisiert ihren theologischen Diskurs, verurteilt ihre Haltung als Passivität. Der Scheidepunkt ist seine Entscheidung, den Orden zu verlassen. Nun ist er nicht länger ein Priester mit radikalen Ideen, sondern ein Radikaler mit priesterlicher Prägung – Miguel. Den Horizont der biblischen Botschaft verlässt er nie – auch nicht, als er an der soziologischen Fakultät eine marxistische Ideologie entwickelt, die ihn zuerst in ein Trainingscamp nach Nicaragua bringt und anschliessend zur Gründung einer terroristischen Zelle motiviert. Hier liegt ein wichtiger Unterschied zu den RAF-Protagonisten der 70er Jahre: Auch Ulrike Meinhof und Gudrin Ensslin leiteten ihre frühe Kritik an den Verhältnissen aus ihrem christlichen Weltbild ab, legten dieses aber während des Strassenkampfes ab. Miguel nicht.

Die konkreten Ereignisse bleiben im Film angedeutet: Die Gruppe legt Bomben und entführt den Coca-Cola-Chef von Bolivien mit dem Ziel, für seine Freilassung das notwendige Geld für weitere Aktionen zu erpressen. Ein krimineller Tatbestand. Die wenigen Mitglieder der Zelle, welche die Befreiungsaktion der bolivianischen Polizei überleben, vermitteln glaubhaft ihr eigenes Unverständnis und können ihre Motive aus der Rückschau schwer nachvollziehen. Von Verblendung kann man aber bei Michael in den letzten Monaten vor seinem Tod nicht sprechen. Er weiss, wie sein Verhalten bewertet wird, verheimlicht vieles in den Briefen an seine Mutter. Stattdessen tritt die Eigendynamik des geplanten Anschlags hervor: Zuviel wurde investiert, der ganze Lebensentwurf steht auf dem Spiel, so dass es kein Zurück für den Märtyrer mehr geben kann.

Befreiungstheologie und Islamismus

Für die religionsgeschichtliche Diskussion liefert Pfad des Kriegers mehrere Impulse; hier sei einmal die innerkirchliche Auseinandersetzung um die Befreiungstheologie genannt. Nicht wenige katholische Theologen Lateinamerikas erhielten in diesen Jahren eine Lehrverurteilung von Seiten der vatikanischen Glaubenskongregation, darunter Jon Sobrino und Leonardo Boff, die in Europa hohe Popularität geniessen. Die Rehabilitation von Geistlichen, welche die christliche Lehre mit einer Gesellschaftskritik und einer sozialistischen Gesellschaftsordnung verknüpfen, wird seit Jahren lautstark gefordert – aktuell wieder in der Debatte um die Aufhebung der Exkommunikation von vier Lefèbvre-Bischöfen. In Pichlers Film findet die zwiespältige Haltung der Kirche zur marxistisch geprägten Theologie kaum Eingang.

Ebenso unvollendet müssen dem Zuschauer die Andeutungen auf dem islamischen Terrorismus erscheinen. Gerade einmal zwei Sätze sind es, die auf die Auferstehung des religiös geprägten Terrorismus gerade einmal zehn Jahre später verweisen. Zusammen mit der Information, dass Pichler den Impuls für seine Dokumentation aus den Anschlägen in der Londoner U-Bahn zog, kann man in Gedanken den Faden weiter spinnen. Doch lassen sich höchstens mit den Attentätern der Generation von 2001 Gemeinsamkeiten finden. Das Phänomen des Home-Grown-Terrorist, des Migranten, der sich in einer fremd empfundenen Umgebung radikalisiert und gegen die 'neue Heimat' wendet, hat mit dem 'Krieger' Miguel nichts zu tun.


Der Pfad des Kriegers. Regie & Drehbuch: Andreas Pichler. GER / SUI / ITA, 2008, 86 Minuten.

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