The Aga Khan and the IsmailisFilmrezension: "An Islamic Conscience. The Aga Khan and the Ismailis" von Shamir Alibhai

Biographie, Gesellschaftsanalyse, religionsgeschichtliche Zeitläufte – und vor allem eine Huldigung an das Lebenswerk eines Mannes. The Aga Khan and the Ismailis – An Islamic Conscience positioniert die Biographie eines religiösen Führers und seine Arbeit in die Geschichte einer weltweiten muslimischen Gemeinschaft, die in der Öffentlichkeit ein Nischendasein fristet.

Der Dokumentarfilm The Aga Khan and the Ismailis. An Islamic Conscience steht ganz im Zeichen eines Mannes, der als 49. Imam der ismailitischen Muslime verehrt wird – der britischer Staatsbürger, Grossaktionär von mehreren internationalen Konzernen, Besitzer von Bankhäusern, Zeitungsverlagen, Edelsteinbergwerken, Fluggesellschaften und Hotels ist – und der sich dezent und unauffällig für eine aufgeklärte Lesart des Islams einsetzt, den er mit westlichen Ideen und Ansätzen verknüpfen will.

Ein Amt mit langer Tradition

Eine Amtsperiode von fünf Jahrzehnten kommt je seltener vor, je stärker sich demokratische Systeme etablieren. In der Monarchie sind sie noch möglich – Queen Elisabeth regiert tatsächlich fünf Jahre länger als Karim Aga Khan die ismailitische Gemeinschaft führt; dennoch sind die Persönlichkeiten, welche so umfassende Veränderungen wie diejenigen der letzten 50 Jahre mitgestalten, mitverantworten und darauf reagieren mussten, selten.

Die Gemeinschaft der ismailitischen Muslime, denen Karim Aga Khan vorsteht, zählt zur shiitischen Richtung des Islams. Der 1936 in Genf geborene Muslim soll in direkter Linie vom Propheten Muhammad abstammen, was unter der Ismailiten Voraussetzung für das hohe Amt ist. Es hat eine lange Tradition und geht auf den Nachfolgestreit unter Muhammads Anhängern nach seinem Tod zurück. Wie alle Schiiten sehen sie in Ali ibn Abi Talib, dem Neffen und Schwiegersohn Muhammads, den ersten Imam. Bereits 765 spaltete sich die Gruppe in Folge eines weiteren Nachfolgestreits von anderen schiitischen Richtungen ab und nannte sich nach Alis Urenkel im siebten Glied Ismail ibn Djafar. Der Titel 'Aga Khan' dagegen wurde erst im frühen 19. Jahrhundert Hasan Ali Schah vom persischen Schah verliehen und seitdem weitervererbt.

Geschichte einer oft verfolgten Minderheit

Grosse Teile des Dokumentarfilms sind der Geschichte der ismailitischen Muslime gewidmet, schildern sachlich die Gründe für die frühe Spaltung des Islams, schwärmen dann vom fatimidischen Zeitalter, in welches die Gründung der Al-Azhar-Universität in Kairo, das Zentrum geistiger Gelehrsamkeit, fällt. Doch die als Blütezeit eines aufgeklärten Islams beschriebene Epoche währte nur kurz. Unter sunnitischer Herrschaft – die im Film als "grösste islamische Sekte" bezeichnet wird – geraten die Ismailiten jedoch immer wieder in Bedrängnis. Schliesslich sind es aber die Mongolen, die 1257 eine Festung der Ismailiten zerstören und die Gemeinschaft fast gänzlich auslöscht. Zumindest wurde dies bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts angenommen. Erst allmählich wurde klar, dass Anhänger dieser Richtung oft unter Verschleierung ihrer wahren religiösen Identität in islamischen Ländern überlebt hatten und sich erst allmählich wieder gegenüber der Aussenwelt öffneten. Dieser historische Einschnitt wird als Grund herangezogen, um die Zurück- und Geheimhaltung ismailitischer Muslime in Bezug auf ihre Lehren und Praxis zu erklären.

So bemüht sich der Film nicht nur, jahrhundertelang transportierte Vorurteile, wie den angeblichen Drogenkonsum und die Mordbereitschaft der Assasinen, offen zu legen, sondern auch sogleich abzuwehren – was wie an die Adresse eines islamischen Publikums gerichtet wirkt. Aber auch im Westen blieb die negative Propaganda oftmals nicht unbemerkt. Berichte des Seefahrers Marco Polo beispielsweise äussern sich abschätzig über die Ismailiten. Offenbar wurde er von sunnitischen Quellen dementsprechend instruiert. Dieser Sachverhalt kann vielleicht auch die westliche Debatte über die islamischen Strömungen nachhaltig prägen. Vor rund einem Jahr fühlte sich die Gemeinschaft der Aleviten in Deutschland durch eine Tatort-Sendung verunglimpft und protestierte lautstark, weil der Krimi vom Inzest in einer alevitischen Familie handelt – ein Vorurteil, dass die muslimische Minderheit seit Jahrhunderten von sunnitischer Seite erfährt.

Ein halbes Jahrhundert voll Umbrüche

Die Zeit zwischen 1958 bis 2008 hielt für Muslime, nicht zuletzt in Zentralasien, der Wiege der ismailitischen Bewegung, radikale Umwälzungen bereit: das Ende des Kolonialismus, der Fall der Mauer, der 11. September 2001 … Eine politisch einschneidende Krise bahnte sich 1972 in Uganda an, als der Diktator Idi Amin alle Angehörigen asiatischer Minderheiten aufforderte, innerhalb von 90 Tagen das Land zu verlassen. Besonders ismailitische Muslime waren von der Massnahme betroffen. Den internationalen diplomatischen Bemühungen des Aga Khan ist es zu verdanken, dass die staatenlosen Flüchtlinge in Kanada Aufnahme fanden und die erste Niederlassung im Westen gründeten. Heute sind sie fest in die kanadische Gesellschaft integriert und stellten den ersten Muslim im kanadischen Parlament.

Seit dem 21. Jahrhundert hat sich die weltpolitische Lage für die Gemeinschaft der Ismailiten wiederum verändert, hat eine drastische Wendung genommen. Dem Westen ist oft nicht klar, dass sich der islamistische Terrorismus in besonderem Masse gegen Muslime wendet. Aus Sicht der afghanischen Taliban handelt es sich bei der Schiiten um Ketzer. Aber genauso richten sich terroristische Attacken gegen aufgeklärte Muslime, die angeblich mit dem Westen „kollaborieren“, oder „den Islam verraten“.

Heute leben weltweit zwischen 15 und 18 Millionen Ismailiten, die eine weit liberale und offenere Interpretation islamischer Glaubenssätze vertreten, als dies bei der Mehrheit der Muslime der Fall ist. Der Film hebt den rationalen Zug der ismailitischen Ethik hervor: Von kosmopolitischer Eintracht der menschlichen Spezies ist die Rede, welche das Grundprinzip des muslimischen Glaubens darstellen soll.

Investitionen in Bildung und Entwicklung

Der Schwerpunkt des Films, das darf nicht ausser Acht gelassen werden, liegt aber auf den sozial-ökonomischen Initiativen des Aga Khan in zahlreichen Ländern der islamischen Welt. Auffallend ist das Engagement in Afghanistan, das als Zentrum der Bemühungen des Aga Khan Development Network AKDN mit Sitz in Genf gilt. 80 Millionen soll das grösste private Entwicklungswerk weltweit bereits in das Land investiert haben, beispielsweise mit dem Ausbau des Handy-Netzes Roshan, Schulen, Krankenhäusern und modernen Bildungseinrichtungen.

Insgesamt ist das AKDN in über 35 Ländern aktiv und konzentriert sich auf Entwicklungsprojekte – allerdings mit einem deutlichen Unterschied zur westlichen Entwicklungshilfe: Die Förderprojekte sind gewinnorientiert und haben Wachstum im Blick. Diesen Ansatz innerhalb der islamischen Wirtschaftsethik zu begründen, versucht der Regisseur im Film zu transportieren – und hier wird auch deutlich, dass der Dokumentarstreifen eben doch in erster Linie für ein westliches Publikum gedreht wurde. Fast erscheint es wie eine Rechtfertigung: „Den Armen hilft man am besten, indem man reich wird“, so ein Zitat im Film, "nicht, indem man ihre Armut teilt."

Absage an ein Armutsideal

Wie wirkt eine solche Aussage, eine klare Absage an das franziskanische Armutsideal des Christentums, in den Ohren des westlichen Publikums? Gleich fügt der Filmsprecher Erklärungen an, allgemeine Aussagen über die Schaffung von Arbeitsplätzen, die mit dem wirtschaftlichen Erfolg eines Projekts einhergehen. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik 'Religiöse Ethik – kapitalistischer Ansatz' bleibt leider kein Raum, zurück bleibt der beruhigende Eindruck, dass sich zumindest dieser Aspekt islamischer Ethik ausgezeichnet mit den Anforderungen einer modernen Welt vereinbaren lässt – und von dieser Seite wohl wenig Kritik an kapitalistischen Tendenzen zu erwarten ist.

Vielleicht ist es aber auch gerade dieser praktische, unprätentiöse und gleichzeitig nutzenorientierte Eindruck, den der Aga Khan vermittelt, der seinen Status nicht demjenigen eines Dalai Lama oder Gandhi gleichkommen lässt. Der Aga Khan führt in direkter Linie das Erbe seines Grossvaters fort,  der mit der Szene berühmt wurde, als sein Gewicht von seinen Anhängern in Diamanten im Wert von 2.2 Millionen Dollar aufgewogen wurde. Auch wenn Karim Aga Khan Verschwendungssucht bestimmt nicht nachgesagt werden kann, so lassen ihn seine Aktivitäten als junger Athlet und Alpinist, seine erste Ehe mit dem englischen Topmodel Sally Croker Poole und mit der deutschen Prinzessin Gabriele von Leiningen als Mann von dieser Welt erscheinen.


An Islamic Conscience: The Aga Khan and the Ismailis. Regie: Shamir Allibhai, 2008, 61 Minuten.

Das Interview mit Shamir Alibhai, dem Produzenten des Films: "Der Islam ist ein Mosaik, kein Monolith" - Interview

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