Steffen Führding & Peter Antes (Hg.): Sakularitat in religionswissenschaftlicher PerspektiveBuchrezension: "Säkularität in religionswissenschaftlicher Perspektive" von Steffen Führding und Peter Antes (Hg.)

Der von Steffen Führding und Peter Antes herausgegebene Sammelband „Säkularität in religionswissenschaftlicher Perspektive“ ist ein aktueller Beitrag zur religionswissenschaftlichen Erforschung der religiösen «Nones». Ausgehend von der These einer religiösen Pluralisierung konstatieren die Herausgeber in ihrem Vorwort, dass die Zahl der Religionslosen und Konfessionsfreien in Westeuropa stetig wachse. Gleichzeitig gebe es eine "Sprachlosigkeit" zwischen Säkularen und Religiösen zu beobachten, die das Potential habe, für den demokratischen Verfassungsstaat problematisch zu werden (Habermas). Der Band verfolge die Absicht, "Säkularität und säkulare Weltdeutungen in das Blickfeld religionswissenschaftlicher Forschung [zu] rücken […] und damit ein ebenso neues wie wichtiges Forschungsfeld für die Religionswissenschaft [zu] öffnen" (S. 8).

Forschungsansätze und Perspektiven

Wie für die kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft üblich, nähern sich die Autorinnen und Autoren dem Forschungsgegenstand auf einer ähnlichen methodologischen Grundlage. Diese Grundlage basiert einerseits auf einem methodologischen Agnostizismus. Er besagt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich einem Urteil über den Wahrheitsgehalt von religiösen bzw. nicht-religiösen Aussagen enthalten und andererseits, dass damit die Aussagen der Religiösen und Nicht-Religiösen selbst Gegenstand der Forschung werden. Ebenso charakteristisch für die moderne Religionswissenschaft geschieht dies aus unterschiedlichen Perspektiven und mit zu Hilfenahme verschiedener Methoden. Unter den acht Beiträgen befindet sich nur eine historische Abhandlung (Kleine). Die restlichen Arbeiten basieren auf soziologischen (Bochinger, Neumaier, Schröder), psychologischen (Murken) oder ethnologischen (Quack) Forschungsansätzen. Dabei verknüpfen die fünf Aufsätze des ersten Teils theoretische Überlegungen mit der aktuellen Erforschung religiöser «Nones». Die drei Beiträge im zweiten Teil sind ausschliesslich Darstellungen eigener Forschungsergebnisse. 

Würdigung einzelner Beiträge

Herausheben möchte ich den Beitrag von Christoph Kleines, da es ihm sachkundig gelingt, Leserinnen und Leser in eine historisch und kulturell fremde Welt zu entführen, ohne den Bezug zu aktuellen religionswissenschaftlichen Debatten zu verlieren. Wer – wie ich – Spaß an theoretischen und methodischen Reflexionen hat, dem seien die Arbeiten von Kleine, Quack, Bochinger und Führding empfohlen. Der Beitrag Antes’ hat einen eindeutig lebensweltlichen Bezug und greift die Frage Habermas’ wieder auf, welche Konsequenzen eine zunehmende Religionslosigkeit der Individuen auf eine Gesellschaft habe. Schröders Beitrag zum Dialog der Weltanschauungen und die Rolle des Humanistischen Verbands Deutschlands darin, bezieht sich implizit auf dieselbe Frage. Interessant sind so dann auch die Arbeiten von Murken und Neumaier, weil sie anhand der Selbstaussagen von Nichtreligiösen auf diese wissenschaftlich noch unbekannte Lebenswelt Bezug nehmen.

Ein guter Anfang ist gemacht

Die Vorzüge dieser Publikation sind offenkundig. Sie informiert die eigene „scientific community“ und eine interessierte Öffentlichkeit differenziert und kompetent über verschiedene säkulare Lebenswirklichkeiten. Sie erschliesst für die Religionswissenschaft damit ein neues Forschungsfeld und versucht dieses theoretisch und semantisch zu begrenzen. Dies geschieht auf einer ähnlichen methodologischen Grundlage, jedoch in multipler Perspektive und unter der Verwendung den Forschungsinteressen angemessenen Methoden. Die Beiträge sind untereinander anschlussfähig. So dürfte es zukünftig möglich sein, zu einem umfassenderen Bild säkularer Weltdeutungen zu gelangen. Dazu sind allerdings noch perspektivenübergreifende Analysen und Theorien zu entwickeln. Die Publikation verdeutlicht jedoch auch die derzeitigen Schwächen bei der Erforschung der religiösen «Nones». Die Autorinnen und Autoren versäumen es, das Forschungsfeld der Säkularität deutlicher auszudifferenzieren und beispielsweise zwischen Nicht-Religiösen, Konfessionsfreien, Agnostikerinnen bzw. Agnostikern, sowie Atheistinnen bzw. Atheistinnen zu unterscheiden. Säkulare werden immer noch nur als religiös defizitär verstanden. Besonders die Beispiele Bochingers und Antes’ geben dafür ein beredtes Beispiel. Die Forschungsinteressen Neumaiers und Quacks geben jedoch Grund zu der Annahme, dass sich dies zukünftig ändern könnte.

Ein guter Anfang ist gemacht. Jedoch, es ist nur der Anfang.


Führding, Steffen & Antes, Peter (Hg.) (2013): Säkularität in religionswissenschaftlicher Perspektive. Göttingen: V&R unipress.

 

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