Martin RiesenbrodtVeranstaltungsbericht: Vortrag von Prof. Dr. Martin Riesebrodt an der Universität Zürich am 14. Mai 2013

Die Universität Zürich durfte am 14.5.13 einen der bekanntesten Religionssoziologen der Gegenwart willkommen heissen. Im Rahmen einer Masterveranstaltung des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) wurde Prof. Dr. Martin Riesebrodt eingeladen, um einen öffentlichen Vortrag über Religion zu halten. Seine Rede transformierte nicht nur zunächst banal erscheinende Ansätze in bedeutende Theorien, sondern galt auch regelrecht als ein Plädoyer für den allgemeinen Religionsbegriff – zum Trotz aller Skepsis.

Was ist Religion?

Der Begriff 'Religion' ist ein westliches Produkt und muss deshalb aufgegeben werden. Er wurde in der Kolonialzeit durch die politische Interessenlage des Westens verformt und zur Kategorisierung fremder, meist als primitiv empfundener Gesellschaften sowie zur Rechtfertigung der eigenen Macht benutzt – so die Meinung einiger Wissenschaftler. Es stellt sich dabei aber die Frage, wovon denn nun stattdessen die Rede sein soll: Diskurs, Weltbild oder doch Tradition? Eine bessere Alternative zum Religionsbegriff scheint nie gefunden worden zu sein. Sollte er also trotzdem beibehalten werden, wie ist er dann zu rechtfertigen?

Der Religionsbegriff

In seiner Forschung zur Religion in verschiedenen Ländern stützte sich Riesebrodt vorwiegend auf die vergleichende Empirie und suchte nach ähnlichen Begriffen oder Ideen. Dabei kam er zur Erkenntnis, dass eine Unterscheidung zwischen dem Religiösen und dem Nicht-Religiösen universal ist. Zudem haben sich religiöse Akteure schon in der Vormoderne als solche wahrgenommen, was das Argument zur Religion als ein westliches Produkt falsifiziert. Anstatt den Religionsbegriff völlig zurückzuweisen, grenzt ihn Riesebrodt von der Religiosität und von religiösen Traditionen wie beispielsweise dem Christentum ab und formuliert folgende Definition: Religion ist ein System sinnhafter Praktiken, die sich auf übermenschliche Mächte beziehen. Dieser Fokus auf religiöse Praktiken lässt sich noch weiter unterscheiden zwischen der Beziehung der Menschen zu den übermenschlichen Mächten, die Kommunikation zwischen Menschen über übermenschliche Mächte und dem menschlichen Verhalten, das sich an übermenschlichen Mächten orientiert. Bedingungen für solch eine Religionstheorie sind einerseits, sich an der Sinnhaftigkeit der Religion zu orientieren, und andererseits, Religion als ein eigenständiges Forschungsgegenstand darzustellen sowie neue Fragen für die Empirie aufzuwerfen. Demnach ist eine empirische Aufnahme von religiösen Praxissystemen und der Interaktionsfähigkeit der Gläubigen mit übermenschlichen Mächten zentral, und nicht die blosse Beschreibung der Grossbegriffe wie das Christentum oder der Islam.

Religion verspricht Heil zu stiften

Duygu Dogru & Martin RiesenbrodtAus diesem Verständnis der Religion lässt sich das Hauptargument Riesebrodts ableiten: Religion verspricht Heil zu stiften, beziehungsweise Unheil abzuwenden. Ein ziemlich banaler Ansatz, könnte man denken, doch er bietet uns die geeignetste Perspektive, um das Verhalten von Menschen hinsichtlich der Angst in Krisenzeiten oder der Hoffnung auf ewiges Glück zu analysieren. Der Glaube an die Möglichkeit, durch eine bestimmte Handlung übermenschliche Macht jenseits menschlicher Kontrolle zu erfahren, legitimiert die religiösen Praktiken. Diese setzen die "Spielregeln" einer Religion fest, die zunächst von einem Religionswissenschaftler zu verstehen sind. Erst dann kann das Verhalten der Menschen im Rahmen der Praktiken und somit das System der Religion erklärt werden. Eine witzige Anlehnung am Sport als Religion kann hierfür als Veranschaulichung dienen: Zum einen ist religiöse Ekstase nicht zu vergleichen mit sportlichem Fanatismus. Zum anderen antwortete Riesebrodt auf die Frage, ob eine Pilgerreise zum Maradona-Heiligenschrein in Neapel als religiös gewertet werden muss: "Wenn sie heilstiftend wirkt, wieso nicht?"

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