Veranstaltungsbericht:  Tagung „Religion und gesellschaftliche Integration in Europa“, Luzern, 14.-16. Juni 2012

Religion und gesellschaftliche Integration in Europa, REGIE

Religion und Integration – zwei vermeintlich unterschiedliche Dinge, führen in der heutigen Zeit auch in der Schweiz immer wieder zu politischen und gesellschaftlichen Diskussionen. Doch was ist eigentlich Integration? Kann Religion integrationsfördernd bzw. hindernd sein? Was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen in Europa für die Integration andersgläubiger Zuwanderer? – Diese und viele weitere Fragen waren Thema der dreitägigen Tagung des Luzerner Forschungsschwerpunktes „Religion und gesellschaftliche Integration in Europa“, kurz: REGIE.

Über drei Tage verteilt erwartete die durchschnittlich 90 Zuhörerinnen und Zuhörer ein Rundgang durch die wichtigsten Aspekte des weit gefassten Themas. Er begann mit der Erörterung des unterschiedlich verwendeten Integrationsbegriffes. Der Schweizer Religionswissenschaftler Jörg Stolz wies darauf hin, dass eine Definition des Integrationsbegriffes nie wertfrei sein könne, die Wissenschaft könne jedoch, um dieses Problem zu umgehen, die Mechanismen messen, welche die Politik als wichtig bestimme. Über einzelne historische, sowie aktuelle Beispiele und juristische Rahmenbedingungen führte der Rundgang weiter zum Umgang mit religiös-pluralistischen Gesellschaften. Gerhard Robbers, der sich in seinem Vortrag dem Thema der rechtlichen Regelungen religiöser Konflikte widmete, stellte fest, dass religiöse Konflikte immer mit anderen Konflikten verbunden auftreten. Er meinte der Islam beispielsweise müsse in Europa öffentlicher werden, damit mit solchen Konflikten besser umgegangen werden könne.

Europa und sein Säkularisierungsprozess

Das Highlight der Tagung fand am Samstag statt, als die zwei renommierten Professoren José Casanova und Heiner Bielefeldt sich dem Thema: „Religion und Integration: Europa als Sonderweg?“ widmeten. José Casanova verglich an der Tagung Europa mit den Vereinigten Staaten, um grundsätzliche Unterschiede bezüglich Integration und Religion aufzuzeigen. Für ihn liegt ein grosser Unterschied schon historisch bedingt in der Säkularisierungsgeschichte Europas. Man habe zwar Staat und Kirche als Folge dieser Zeit klar getrennt, jedoch werde das Christentum zumeist als Staatskirche vom Staate weiterhin unterstützt und sei von da an allen anderen Religionen gegenüber besser gestellt. Die Vereinigten Staaten wiederum waren von Anfang an durch eine religiös-pluralistische Gesellschaft geprägt. Daher sei für die Amerikaner die Religionsfreiheit auch ein höheres Gut. Für Casanova folgt aus diesen Betrachtungen, dass das Verhältnis von Staat und Kirche in Europa neu bestimmt werden muss, um bessere Strukturen für die Integration anderer Religionen zu schaffen. Heiner Bielefeldt, UN-Sonderberichterstatter über Religions- und Weltanschauungsfreiheit, führte den Teilnehmern vor, wie sich die Debatten um die Menschenrechte und die Religionsfreiheit in den internationalen Gremien entwickeln. Er wies darauf hin, dass die Religionsfreiheit schnell in Konkurrenz mit anderen Menschenrechten geraten könne, so werde sie in einigen Debatten als Gegenrecht zur Meinungsfreiheit ausgelegt. Bielefeldt plädierte vehement dafür, Religionsfreiheit analog zu den übrigen Menschenrechten zu interpretieren und sie stets als Teil einer umfassenden Lösung zu betrachten. 

In einer abschliessenden Diskussion zeigte sich wie schon die beiden Tage davor: Die Fragen, welche uns unsere modernen Gesellschaften rund um Religion und Integration aufwerfen, können nicht undifferenziert beantwortet werden. Vielmehr ist es wichtig, sich diesen Fragen auf unterschiedlichen Wegen zu nähern, um ein besseres Verständnis für das sensible Thema zu erlangen.

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