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Gregor Ahn, Nadja Miczek & Katja Rakow: Diesseits, Jenseits und dazwischen?Buchrezension:  "Diesseits, Jenseits und Dazwischen?" von Gregor Ahn, Nadja Miczek und Katja Rakow (Hg.)

Normalerweise, und damit sind vor allem wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Lebensende gemeint, werden hauptsächlich zwei Kategorien genannt: das Lebendige und das Tote – als zwei sich entgegengesetzte, sich in Gegenteilen beschreibende Welten, die im Kreislauf des Lebens beinhaltet sind. Aus spirituell-religiösen Traditionen heraus kennen wir vielfach aber auch das "Dazwischen", die Grauschattierung zwischen Leben und dem endgültigen Zustand des Todes; sie scheint die Hauptrolle zu spielen in dem vorliegenden Buch über Vorstellungen postmortaler Zustände. Was allerdings in diesem Dazwischen passiert, wird je nach Tradition und religiöser Prägung anders verstanden; oder davon gänzlich gelöst, als Erscheinung zeitgenössisch-kultureller Phänomene gedeutet.

Das von Gregor Ahn, Nadja Miczek und Katja Rakow herausgegebene Buch zum Ringseminar zu Tod und Postmortalität, das im Sommersemester 2009 am Institut für Religionswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg gehalten wurde, berichtet in einzelnen Abschnitten über Vorstellungen von Mortalität und deren postmortalen Zuständen und Zwischenwelten zwischen der Welt der Lebenden und der davon getrennten Welt der Toten in Medien, Literatur und religiöser Praktiken.

In religiösen Traditionen gibt es Ansichten zu sogenannten Schattenwelten, seien es die Fegefeuervorstellungen oder die vom tibetischen Buddhismus herkommende Zeitspanne in der Zwischenwelt, zwischen leiblichem Tod und der Wiedergeburt in eine der sechs möglichen Welten oder sogar dem Austritt aus dem Kreis der Wiedergeburt. Besonders interessant sind aber auch die zahlreichen Beiträge über die modernen Unterhaltungsmedien, Computerspiele, Comics und TV-Sendungen. Sie beschreiben Phänomene über postmortale Welten, Schattenwesen, Multivitalität und –mortalität und vergegenwärtigen dem Lesenden wie selbstverständlich der Mensch von heute mit besagten Themenfeldern umgeht; die Vampire aus Twilight oder die Unmöglichkeit eines Todes in World of Warcraft sind uns bestens vertraut.

Tod: Eine perspektivenabhängige Konstruktion

Bereits im 19. Jahrhundert befasste man sich in der Literatur als auch in Wissenschaften wie beispielsweise der Psychologie oder der Medizin ganz selbstverständlich damit. So schildert auch Sebastian Emling in seinem Beitrag über perspektivenabhängige Konstruktionen postmortaler Transformationen, Grenzen und Zustände in Edgar Allen Poes LIGEIA. Poes beschreibt in seiner Kurzgeschichte aus der Ich-Perspektive die Reinkarnation seiner geliebten ersten Frau Lady Ligeia auf dem Sterbebett seiner zweiten Frau Lady Rowena. Im Moment des Sterbens kommen Charaktere und äusserliche Merkmale der einzig wahren grossen Liebe des namenlosen Erzählers für einen Augenblick ins Leben zurück, bis schliesslich Lady Rowena und somit auch Ligeia ganz im Reich des Todes verschwinden. Im Bericht von Sebastian Emling geht es aber nicht nur um die Aufrollung der Geschichte Poes, sondern hauptsächlich um deren Qualifikation im Hinblick auf eine authentische Erzählerschaft. Aufgrund vielerlei Hinweise deutet die Erzählperspektive auf Poes selbst hin, scheint bei genauerer Betrachtung jedoch nicht wirklich autobiografisch zu sein. Die Frage stellt sich, in wie weit Poes und seiner Erzählung tatsächlich Glaubwürdigkeit zugeschrieben werden kann. Weiter schreibt Emling in seinem Fazit: "der literaturwissenschaftliche Topos des unreliable narratior spielt bei der Beschäftigung mit vielen von Edgar Allan Poes Kurzgeschichten eine zentrale Rolle und stellt ein wichtiges hermeneutisches Hilfsmittel zur Beschreibung potentieller Wirkfaktoren auf die perspektivenabhängige Konstruktion des Todes sowie postmortaler Transformationen, Grenzen und Zuständen innerhalb fiktionaler Szenarien dar."

Antworten und neue Fragehorizonte

Die jeweiligen Beiträge im vorliegenden Buch geben einen adäquaten Einstieg in die Thematik. Problematisch ist jedoch, dass eine tiefgreifende Auseinandersetzung oder Diskussion aufgrund der Länge der Beiträge ausbleibt. Diese sind sehr vortragsmässig gestaltet. Auf wenigen Seiten erhält der Lesende Einblick in einen Aspekt der Thematik. Im Unterschied zu zahlreichen anderen wissenschaftlichen Büchern, ist dieses Werk in einer angenehmen Sprache verfasst, welche auch fachfernen Interessierten einen Zugang zum Sachverhalt ermöglicht. Zudem werden die von den Autoren in der Einleitung vorgegebenen Fragegestellungen in einer Diskussion im Hauptteil aufgegriffen und angemessen diskutiert. In der Konklusion schliesst sich der Kreis wieder und dem Lesenden stehen auch die Antworten bereit. Es ist also nicht nur ein Buch, welches Fragehorizonte öffnet, sondern seinen eigenen Ansprüchen durchaus gerecht wird.

Sehr empfehlenswert ist die Lektüre auf jeden Fall, wenn man sich kurz und überblickend über ein einzelnes oder auch mehrere behandelte Themen informieren möchte. Die zusätzlichen Quellenangaben und Literaturhinweise bieten desweiteren einen idealen Einstieg in das Thema von Sterben, Tod und Leben und deren scheinbar (un-)überwindbare Grenzen.


Ahn, Gregor; Miczek, Nadja; Rakow, Katja (Hg.) (2011): Diesseits, Jenseits und Dazwischen? Die Transformation und Konstruktion von Sterben, Tod und Postmortalität, Bielefeld: transcript,

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