Sabine Berghahn, Petra Rostock: Der Stoff aus dem Konflikte sindBuchrezension: "Der Stoff aus dem Konflikte sind" von Sabin Berghahn und Petra Rostock (Hg.)

Von 2006 bis 2009 wurde in mehreren europäischen Staaten ein von der EU initiiertes Forschungsprojekt zu Debatten um muslimische Kopftücher durchgeführt. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts ist auch der hier besprochene Sammelband entstanden, den die Leiterinnen des deutschen Forschungsteams, die Juristin Sabine Berghahn und die Politologin Petra Rostock, herausgegeben haben. Er beleuchtet rechtliche, soziale und kulturelle Aspekte des muslimischen Kopftuchs.

Das Buch umfasst 20 Beiträge von namhaften Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen und Hintergründe, welche sich mit den rechtlichen, sozialen und kulturellen Aspekten der "Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz" befassen. Anders als es dieser Untertitel des Buches vermuten lässt beleuchtet jedoch nur je ein Beitrag die Verhältnisse in Österreich und der Schweiz. Dennoch verstehen die Herausgeberinnen ihr Buch als "Intervention in die deutschsprachige Debatte", mit der sie zu einer kritischen Auseinandersetzung mit pauschalen Vorurteilen und Verboten bezüglich des islamischen Kopftuches beitragen wollen.

Das Kopftuch der Lehrerin

Anlass für diese Intervention und Bezugspunkt der meisten Beiträge ist das umstrittene 'Kopftuch-Urteil' des deutschen Bundesverfassungsgerichtes, das Berghahn im ersten Beitrag analysiert. Die eingebürgerte Deutsche Fereshta Ludin bewarb sich 1998 in Baden-Württemberg als Lehrerin und wurde explizit wegen ihrer Weigerung abgelehnt, ihr Kopftuch im Unterricht abzunehmen. Ludin gelangte ans Bundesverfassungsgericht, welches 2003 urteilte, für ein Verbot fehle die gesetzliche Grundlage. Als Folge dieses Urteils haben acht der 16 Bundesländer Gesetze erlassen, die religiöse, weltanschauliche und politische Kleidung oder Zeichen am Körper einer Lehrkraft verbieten, wobei fünf der acht Bundesländer Ausnahmen für christliche und jüdische Bezeugungen machen.

Auf Berghahns Beitrag folgen vergleichende Studien zur Situation von Kopftuch tragenden Lehrerinnen in Grossbritannien, Frankreich, Österreich und der Schweiz. In der Schweiz gibt es in dieser Frage kantonale Unterschiede, wie die Berner Juristin Judith Wyttenbach darlegt. Sie analysiert den bisher einzigen Schweizer Fall einer Primarlehrerin, welcher der stark säkular geprägte Kanton Genf untersagte, ein Kopftuch zu tragen. Dieses umstrittene Urteil wurde 1997 vom Bundesgericht und 2001 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt. Auf die Länderstudien folgen Beiträge, die das Ludin-Urteil kommentieren, dessen Folgen in den Bundesländern analysieren und sich dem feministischen, kolonialistischen und muslimischen Diskurs um Kopftücher befassen. 

Bekenntnisfreiheit und Neutralität

Ernst-Wolfgang Böckenförde, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, erinnert in seiner Kritik am deutschen ‚Kopftuch-Urteil’ daran, dass die Bekenntnisfreiheit im Rahmen der allgemeinen Rechtsordnung für alle und für alle in gleicher Weise gelte, auch in einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft. Die Neutralitätspflicht des Staates sei eine Konsequenz aus der Bekenntnisfreiheit: "Der Staat selbst hat und vertritt kein Bekenntnis, er ist nicht mehr christlicher Staat." Der Staat habe aber darauf zu achten, dass durch Bekenntnisäusserungen nicht die Grundrechte Dritter beeinträchtigt würden, wie das bei Indoktrination, suggestiver Einwirkung oder Propaganda für das eigene Bekenntnis der Fall sein könne. Das Tragen eines Kopftuches allein sei aber noch keine Beeinträchtigung von Grundrechten Dritter. Diese Frage müsse immer im Zusammenhang mit der Einstellung und dem Verhalten der Person erörtert werden. Einschränkungen oder Verbote von Kopftüchern seien deshalb ausschliesslich im Einzelfall zu verhängen.

Beweislast bei Kopftuch-Kritikern

Das zentrale Problem in der Kopftuch-Debatte liegt laut Berghahn in der "Diskrepanz zwischen Unterstellungen und tatsächlichen persönlichen Motiven für das Tragen eines an sich harmlosen und auch im Abendland gebräuchlichen Kleidungsstückes (…)." Während die einen das Kopftuch als politisches Symbol der Unterdrückung der Frau und einer fundamentalen Auslegung des Islams deuten, verstehen andere das Kopftuch schlicht als Zeichen einer islamischen Identität, das es zu respektieren gilt.

Der Politologe Bernd Ladwig rät, sich im Umgang mit dem Kopftuch nicht von Vorurteilen leiten zu lassen. Vielmehr sollten wir "bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgehen, dass eine erwachsene Frau muslimischen Glaubens weiss, was sie tut, wenn sie das Kopftuch trägt, und dass sie meint, was sie sagt, wenn sie beteuert, es nicht in missionarischer Absicht und frei von islamistischer Gesinnung zu tragen."


Berghahn, Sabine; Rostock, Petra (Hg.) (2009): Der Stoff aus dem Konflikte sind. Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bielefeld: Transcript Verlag.

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