Willi Bühler, Benno Bühlmann und Andreas Kessler: Sachbuch ReligionenBuchrezension: "Sachbuch Religionen" von Willi Bühler, Benno Bühlmann und Andreas Kessler (Hg.)

Das Sachbuch Religionen ist mehr als eine Einführung in die grossen Religionen der Welt. Es spricht sowohl aktuelle Problematiken als auch die durch die Massenmedien beeinflusste veränderte Wahrnehmung von Religionen an. Weiter gibt es einen Einblick in die gelebte religiöse Vielfalt in der Schweiz.

Die religiöse Landschaft in Europa und in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Das Christentum ist längst nicht mehr die dominierende Religion. Während die Zahl der Kirchengänger abnimmt und die der Konfessionslosen steigt, wächst die Vielfalt der Religionen in unserer Gesellschaft. Das Sachbuch Religionen zeigt auf, wie diesem religiösen Pluralismus in der Schweiz begegnet wird. Während die einen die vielen Religionen als Bereicherung der eigenen Kultur erleben, empfinden andere sie als Bedrohung. 

Was sind Gründe für die Faszination oder Ablehnung einer anderen Religion? Wie sieht die religiöse Landschaft in der Schweiz aus? Was versteht man überhaupt unter „Religion“? Auf diese und weitere Fragen liefert das Buch in Form von Reportagen, Interviews, Porträts, Zitaten und Quellentexten viele Antworten. Innerhalb der einführenden Kapitel in die fünf grossen Religionen der Welt werden historische und aktuelle Fragestellungen thematisiert. Dabei wird die Diskussion um das Minarettverbot ebenso aufgegriffen wie der Konflikt in Israel oder die Verstösse der Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges.

Gesichter der Religionen

Auch wenn die Frage „Was ist Religion?“ eingangs gestellt wird, ist es nicht die Absicht der Autoren, eine Definition von Religion zu geben. Vielmehr versuchen sie über verschiedene Gesichtspunkte zu beleuchten, was das Wesen der Religion ausmacht: Wie zeigt sich Religion, wie wirkt sie, woher kommt sie, was ist ihre ethische, politische und weltanschauliche Funktion? Religionen sind sinnstiftend und weisen ideologische, rituelle, psychische und sogar ästhetische Dimensionen auf. Religionen lassen sich vielleicht eher über sinnliche Eindrücke als über Worte erfassen. "Jede Religion hat ihren eigenen 'Geruch', ihre typischen Farben, Klänge, Stoffe, Kleider, Räume und Landschaften", schreiben die Autoren in der Einleitung.

So ist die lebhafte Darstellung des Buches mit seinen verschiedenen Textsorten und zahlreichen Bildern nicht zufällig gewählt. Durch seine Form bringt das Buch die Vielseitigkeit der Religionen zum Ausdruck. Dies veranschaulichen vor allem die Bilder: Sie zeigen religiöse Symbole, Feste und Bauten, ein Rockkonzert bei einem freikirchlichen Gottesdienst, eine Friedensdemonstration, ein Stop-AIDS-Werbeplakat oder ein menschlicher Arm mit einer im Konzentrationslager eintätowierten Nummer. So unterschiedlich sind die Aspekte, die wir mit Religion verbinden.

Sachbuch Religionen SabbatAllem voran sind die Bilder Zeugnisse von Menschen, die ihre Religion leben. In den als „Gesichter der Religionen“ betitelten Reportagen kommen vor allem jugendliche Gläubige zu Wort, welche über die Bedeutung, die Religion für sie hat, berichten. Im Kapitel „Christentum“ wird das Porträt einer jungen Katholikin vorgestellt, welche sich für die Lockerung der konservativen Tendenzen der katholischen Kirche einsetzt. Ferner dokumentieren die Reportagen religiöse Feste und Rituale. Im Kapitel 'Hindu-Religionen' wird das Tempelfest in Adliswil beschrieben, an dem jährlich über 4000 Tamilen aus der Schweiz und Deutschland teilnehmen.

Veränderte Aufmerksamkeit von Religionen

Religionen sind in unserer Gesellschaft gegenwärtig und aktuell. In einem Interview mit dem Soziologieprofessor Gaetano Romano wird der Frage nachgegangen, ob es eine "Rückkehr der Religon(en)" gebe. Das Bedürfnis nach Spiritualität oder die zunehmenden fundamentalistischen Tendenzen seien nie verschwunden, sagt Romano. Vielmehr habe dieser Eindruck einer Wiederkehr der Religion mit einer veränderten Wahrnehmung zu tun. In jüngster Zeit wurden Religionen durch die Massenmedien stärker ins Zentrum des Interesses gerückt. Wenn die Medien gewisse Erscheinung wie das Kopftuch pauschal als religiöse Phänomene codieren, führt das zu einer veränderten Aufmerksamkeit einer Religion wie dem Islam.

Sachbuch Religionen GebetsketteAuch das Bedürfnis nach Religion und Spiritualität sei nichts Neues. Neu ist nur, dass im Zuge der Säkularisierung religiöse Gemeinschaften sich vermehrt von Institutionen wie der Kirche lösen und eigene Organisationsformen suchen. Weiter spricht das Sachbuch Religionen von der Faszination, welche andere Religionen in uns auslösen, etwa der Buddhismus, der sich vielleicht gerade als gottlose Religion in Mitteleuropa grosser Beliebtheit erfreut.

Aufruf zur Toleranz

Die Verknüpfung einer Einführung in die Welt der Religionen mit aktuellen Themen macht das Sachbuch Religionen zu einem beeindruckenden und spannenden Lehrbuch. In erster Linie dient es einem bekenntnisfreien Religionsunterricht am Gymnasium, richtet sich aber darüber hinaus an alle, die sich für Religionen interessieren. Neben vielen weiterführenden Links und Literaturhinweisen rufen die Autoren auf der Internetplattform zum Feedback und Dialog auf.

Schliesslich sei nochmals betont, dass die Autoren mit ihrem Buch einen wichtigen gesellschaftspolitischen Fokus setzen: Sie möchten einen Beitrag zur Toleranz leisten, zur Akzeptanz der religiösen Vielfalt in unserer zunehmend multikulturellen Gesellschaft. Oder um es mit dem im Buch vorgestellten Hindu-Priester Sasitharan Ramakrishnasarma zu sagen: "In Sri Lanka ist es üblich, dass Hindus nicht nur ihre Tempel, sondern auch katholische Kirchen besuchen. Das muss sich nicht gegenseitig ausschliessen."


Bühler, Willi; Bühlmann, Benno; Kessler, Andreas (Hrsg.) (2009): Sachbuch Religionen. Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam. Luzern: db-verlag. Das Buch kann direkt beim Verlag bestellt werden (portofreie Zustellung).

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