Al Imfeld: Afrika als WeltreligionBuchrezension: "Afrika als Weltreligion. Zwischen Vereinnahmung und Idealisierung" von Al Imfeld

„Ich wage es, Afrikas Religion als Weltreligion zu nennen; sie darf ruhig und stolz neben Christentum und Islam gesetzt werden.“ Bis heute sei der Blick von aussen auf die afrikanische Spiritualität von Vorurteilen und Unwissenheit geprägt. In den meisten Büchern über die Weltreligionen fehle die afrikanische Religion komplett. Lässt sich daraus schliessen, dass sich in Afrika keine traditionelle, autochthone Religion entwickelt hat? Diesem Befund widerspricht der Schweizer Journalist und Theologe Al Imfeld in seinem neuen Buch vehement.

Al Imfeld zeigt auf, wie es zu diesem Aussenblick kam und wie stark koloniale Vorstellungen bis heute den Blick auf Afrikas Religion prägen. So war es für die meisten europäischen Forscher bis in die Hälfte des 20. Jahrhunderts undenkbar, den Afrikanerinnen und Afrikanern eine Geschichte und eine eigene Kultur zuzugestehen. Skulpturen, Höhlenmalereien und weitere Zeugnisse, die von beeindruckenden Kulturen Zeugnis ablegen, wurden mittels abstrusen Theorien ägyptischen oder gar griechischen Einflüssen zugeschrieben. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.

Eine zentrale Erfahrung für die Entwicklung einer afrikanischen Identität und Religion war die Sklaverei. Dieses imaginäre Afrika, das sich die Sklaven und deren Nachkommen in der Ferne vorgestellt hatten, beeinflusste auch die Vorstellung von Afrika in Afrika selber. Al Imfeld spricht vom Entstehen Afrikas im Exil. Am Beispiel des heutigen Umgangs mit Afrikas Kunst werden weitere Ambivalenzen deutlich: Noch heute werde afrikanische Kunst vorwiegend in Völkerkundemuseen ausgestellt, und nach wie vor gehe man davon aus, dass sie primitiv und autochthon sein müsse. Gleichzeitig werde darauf geachtet, das Spirituelle an der Kunst zu betonen. Afrikanische Kunst, so Al Imfeld, habe primitiv und sakral zu sein. Noch in 1990er Jahren sei in einem US-amerikanischen Kunstmagazin zu lesen gewesen, dass moderne Kunst nicht zu Afrika passe, weil das Sakrale verloren gehe.

Der Kopf schaut nicht nach einem Gott, sondern in ein Fenster der Vielfalt

Im zweiten Kapitel des Buches geht Al Imfeld der Frage nach, was denn nun die afrikanische Religion kennzeichnet. Dabei schlägt er einen weiten Bogen von inhaltlichen Aspekten über die Symbole bis hin zur Manifestierung der Religion im Alltag. Imfeld betont die Bedeutung der Gemeinschaft, die über die Lebenden hinausgeht und ganz zentral die Ahnen miteinschliesst und dem Verborgenen einen wichtigen Platz einräumt. Er geht auf die Bedeutung des Landes und der Fruchtbarkeit ein und beleuchtet dabei auch die andere, katastrophale Seite: In Kriegen werde die Fruchtbarkeit der Feinde gezielt vernichtet. In diesem Zusammenhang sind auch die Massenvergewaltigungen und systematischen Verstümmelungen von Frauen in vielen bewaffneten Konflikten Afrikas zu sehen.

Immer wieder weist Imfeld auf die Andersartigkeit der afrikanischen Religion hin. Weil sie keine verschriftlichte Religion ist, bleibt sie anpassungsfähig und konnte immer wieder neue Einflüsse von aussen aufnehmen und miteinander vermischen. Dieses Herausgreifen verschiedener Elemente und das Hineinstellen in einen afrikanischen Kontext, das Vermischen an sich sei, so Imfeld, für die afrikanische Religion zentral. Er zeigt das insbesondere an der Transformation, welche Christentum und Islam nach ihrer Ankunft auf dem afrikanischen Kontinent erfahren haben, auf.

Auch das Buch selber vermischt und kombiniert verschiedenste Aspekte afrikanischer Kultur und Religion. Neben den bereits erwähnten Ausführungen zur Rezeption der bildenden Kunst Afrikas mischt Imfeld auch Literatur, Ethnologie, Agrar- und Religionswissenschaften zusammen und erarbeitet so ein breites Panorama der afrikanischen Spiritualität und Identität. In diesem Zusammenhang sind auch die Querverweise zu seiner Heimat, dem Luzerner Hinterland erwähnenswert. Al Imfeld macht auch dort schamanistische Einflüsse in der Volkskultur aus. Eine Gemeinsamkeit zwischen zwei Kulturen, die man so nicht erwarten würde.

Der Autor arbeitet mit Kurzkapiteln, die einzelne Aspekte des Themas beleuchten. Zu den bereits erwähnten Themen kommen beispielsweise Texte zur Rolle von Musik und Tanz, zur Bedeutung der afrikanischen Masken, zur Rolle der afrikanischen Häuptlinge (Chief) und der Heiler (N'anga) oder zur Kosmologie in der ghanaischen Peanut-Soup oder der religiösen Dimension der Elektronik.

Eine Weltreligion für Zwischenbereiche

Der dritte Teil des Buches dreht sich schliesslich um das Afrika ausserhalb Afrikas, im Exil, wie Al Imfeld schreibt. Am Beispiel der Indepedent African Church (IAC), von Voodoo, des brasilianischen Candomblé, der Pfingstbewegung und dem Black Islam wird auch in diesem Kapitel die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der afrikanischen Religion deutlich. Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka hebt denn auch die grosse Toleranz der afrikanischen Religion hervor. Gerade durch ihre Indirektheit und die rational schwierige Fassbarkeit werde sie zu einer unabhängigen Religion.
In die afrikanische Religion wurde und wird viel hineinprojiziert, sie ist äusserst vielfältig und heterogen. Müsste daher nicht besser von afrikanischen Religionen im Plural geschrieben werden? Al Imfeld spricht sich dagegen aus, weil er, wie er sagt, keine neuen Untergruppen von Religionen machen will. Zudem sei es eben gerade ein Merkmal afrikanischer Religion, vieles zu umfassen und je nachdem unterschiedliche Elemente in den Vordergrund zu stellen.


Imfeld, Al (2011): Afrika als Weltreligion. Zwischen Vereinnahmung und Idealisierung, Bern: Stämpfli Verlag.

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