Christian Labhart: Zwischen Himmel und ErdeFilrezension: "Zwischen Himmel und Erde - Anthroposophie heute" von Christian Labhart

Was assoziiert man nicht alles mit Steiners Anthroposophie: Schulen, in denen die Kinder von selig lächelnden Birkenstockträgerinnen unterrichtet werden, Toilettenartikel von Weleda oder Biomüesli von Demeter. Doch was steckt dahinter? Wer war dieser Rudolf Steiner und wie ist der Umgang mit seinem Erbe 85 Jahre nach dessen Tod? Handelt es sich bei der Anthroposophie um eine Weltanschauung, um eine Philosophie oder eben doch um eine Religion?

Eigene Interesse als Antrieb 

Den Regisseur Christian Labhart – selbst Vater zweier Kinder, die ihre gesamte  Schulzeit in der Steinerschule Wetzikon verbrachten – bewog seine eigene Ambivalenz zwischen Bewunderung und Ablehnung für die Anthroposophie dazu, sich dieser auf eine dokumentarische Weise anzunähern. Labhardt lässt in seinem Film sieben Menschen, vom Biobauer aus dem Zürcher Oberland bis zum Eurythmisten in Ägypten,  von ihrer Erfahrung mit der Anthroposophie sprechen. Neben seiner eigenen Faszination für Anthroposophen und deren Lebenswelt, gibt es für den Regisseur auch kritische Fragen, denen er auf den Grund gehen möchte:

"Kann ein Mensch (Rudolf Steiner) in praktisch allen Lebensgebieten allgemeingültige Erkenntnisse entwickeln, ohne als Guru missbraucht zu werden? Beruht Anthroposophie, wie sie behauptet, wirklich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, oder ist sie nicht doch eine Art Religion? Wird ein Gedankengebäude, das den Anspruch hat, auf eine Frage nur eine gültige Antwort zu geben, in seiner Grundstruktur nicht dogmatisch und sektiererisch?" (Quelle: Presseheft Zwischen Himmel und Erde)

Zwischen Himmel und Erde

Am Arbeitsplatz des Anthroposophen und Autors Sebastian Gronbach hängt neben einer Buddhafigur ein mit einem Rosenkranz geschmücktes Bild Rudolf Steiners. Gronbach sieht in der Anthroposophie die "wunderbare Verbindung von Buddhismus und Christentum". Gerne gibt er zu, durch sein Wirken die Erfüllung einer Mission zu erkennen, die ihm die Gewissheit gibt, den richtigen Weg zu beschreiten. Christoph Homberger, ehemaliger Steinerschüler und Leiter experimenteller Musiktheater-Projekte, bedauert es trotz allem, was ihm die Anthroposophie für sein Leben gegeben hat, bei Kritik oder unangenehmen Fragen an die Lehre Steiners auf verschlossene Türen zu treffen. Selbst Bodo von Plato, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum in Dornach, gibt zu bedenken, dass die Anthroposophie Gefahr laufen könne, sich in ihrer eigenen Welt abzukapseln. Bestimmte Auffassungen werden als Wahrheit erklärt und stehen damit einem Diskurs nicht mehr zur Verfügung. Ebenfalls kontrovers bleibt der Vorwurf des Eurozentrismus und den teils rassistischen und antisemitischen Aussagen in Steiners Gesamtwerk, die zwar offen in Frage gestellt werden, gegen die aber von anthroposophischer Seite her nicht immer klar Stellung bezogen wird.

Unterschiedliche Gesichtspunkte

Andere Protagonisten wiederum stellen nicht so sehr die Lehre oder einzelne Aussagen Steiners in den Mittelpunkt. Die Anthroposophie vermittelt ihnen eine allumfassende Weltsicht, in der das Handeln eines jeden einzelnen in die Pflicht genommen wird. Die gesamte Erde wird so, wie Claudine Nierth, Politaktivistin für die direkte Demokratie in Deutschland, sagt, zum 'künstlerischen Gestaltungsprozess'.Zwischen Himmel und Erde

Obwohl das Gesagte immer unkommentiert bleibt, ergibt die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Aussagen der Protagonisten einen vielschichtigen Zugang zu dem, was Anthroposophie sein kann. Der Film entstand aus den Gesprächen und der Regisseur lässt sich auf die Situation ein, ohne die Geschichten in eine bestimmte Richtung zu lenken, oder die eine oder andere Ansicht in den Vordergrund zu stellen oder sie gar zu diffamieren. Auf der anderen Seite fehlt dadurch ein gewisser Spannungsbogen bzw. ein eigentlicher Höhepunkt. Nichtsdestotrotz gewinnt "Zwischen Himmel und Erde" dank seiner Bildsprache, mit wunderschönen Landschaftsaufnahmen, und der Musik von Mich Gerber, die den Bildern eine starke Intensität verleiht, an Aufmerksamkeit vom Anfang bis zum Ende.Zwischen Himmel und Erde


Christian Labhart: Zwischen Himmel und Erde - Anthroposophie heute. Regie: Christian Labhart. SUI, 2009, 82 Minuten.

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