Oliver Demont, Dominik Schenker: Ansichten vom Göttlichen 22 Jugendliche

Buchrezension: "Ansichten vom Göttlichen. 22 Jugendliche" von Oliver Demont und Dominik Schenker

"Die heutige Jugend denkt nur an ihr Vergnügen, will nicht arbeiten und glaubt nicht an die Götter."
Diese Behauptung wurde nicht etwa auf Papier geschrieben, sondern in Ton eingeritzt, auf eine sumerische Keilschrifttafel – und zwar vor gut fünftausend Jahren. Seit jeher sind Jugendliche die Projektionsfläche von vielfach negativen Stereotypen Erwachsener. Doch „die heutige Jugend“ ist nicht weniger religiös als es Jugendliche zu anderen Zeiten waren.

Viel eher ist das verbreitete Schweigen zum Thema Religion – und das fälschlicherweise daraus abgeleitete Desinteresse daran - auf die Intimität des Themas einerseits, sowie auf die im säkularen Europa aktuelle Privatisierung der Religion andererseits, zurückzuführen. In ihren Aufzeichnungen lassen die beiden Autoren 22 Jugendliche zu religiös-spirituellen Themen zu Wort kommen. Diese überraschen dabei mit unterhaltsamen, pragmatischen, widersprüchlichen, differenzierten, oberflächlichen, faszinierenden, und individuellen Gedankengängen und Ansichten zu bewegenden Menschheitsfragen.

"Religionen sind unlogisch…"

Das Buch ist eine Sammlung von 22 Portraits Deutschschweizer Jugendlicher zwischen 16 und 24 Jahren, die sich relativ frei zu vorgegebenen Fragen rund um das Thema Religion äussern. Anhand eines Leitfadeninterviews sinnieren zehn junge Männer und zwölf junge Frauen aus agnostischem, jüdischem, christlichem, atheistischem, buddhistischem, theistischem, muslimischem, und hinduistischem Kontext individuell über Fragen nach Glaube, Religion, Gott, Gebet, Gerechtigkeit, Schicksal und Zufall. Dabei bestechen die Jugendlichen mit ihrer frischen und offenen Art, über das zuweilen intime Thema Religion zu sprechen. Die sehr nahe am gesprochenen Wort gehaltene Wiedergabe der Interviews lässt den Leser ausserdem unmittelbar an teils pragmatischen, teils oberflächlichen oder gar widersprüchlichen Gedankengängen teilhaben, wobei der Lesefluss dank journalistischer Formulierungen erhalten bleibt.

Trotz aller Individualität und Originalität jedes einzelnen Portraits, sind auch einige konfessions- und religionsübergreifende Gemeinsamkeiten in den Aussagen ersichtlich. So sind viele der Jugendlichen überzeugt: „Jeder schafft Gott für sich selbst, meist in Situationen, in denen er Hilfe benötigt“ und sehen darin kein Problem. Die Relativität der eigenen Religiosität ist ihnen bewusst und scheint entgegen der Religionskritik des 19. Jahrhunderts problemlos mit einem Gottglauben vereinbar. Die Religion wird darüber hinaus grösstenteils als persönliche Hilfestellung zur Deutung herausfordernder Situationen angesehen, wobei in den meisten Fällen keine Verpflichtungen bestehen: „auch fühle ich mich ihm (Gott) gegenüber frei von Verpflichtungen, da ich ihn ja selbst definiert habe.“ Nur selten ergeben sich für die Jugendlichen aus der Religion auch ethische Forderungen oder die Begründung zur Solidarität.

Extreme, gar fundamentalistische Ansichten und somit in sich geschlossene Deutungssysteme sucht man in diesem Buch vergebens. Vielmehr zeigen sich das Ringen um Erklärungen sowie Gedankenexperimente, die nicht selten in widersprüchlichen Formulierungen enden. Auch mit Kritik an Religionen oder Religionsgemeinschaften halten sich die Jugendlichen zurück. Stellenweise entsteht gar der Eindruck, der Mainstream der Jugendlichen habe im vorauseilenden Gehorsam und in der Verpflichtung zur Toleranz verlernt, sich selbst klar zu positionieren.

Kontextualisierung

Die Motivation der Autoren, sich mit den Ansichten der Jugend zu beschäftigen, begründen sie mit der Seismografen-Funktion derselben; die Grundbefindlichkeit einer Gesellschaft zeige sich demnach am deutlichsten im Verhalten der Jugend. Das Ziel des Projektes war, den Umgang des Mainstreams der Deutschschweizer Jugendlichen mit religiösen Fragen zu beschreiben. Dies sei gerade als bewusster Gegentrend zum öffentlichen Bild der Religiosität von Jugendlichen zu verstehen, welches von exotischen oder fundamentalistischen Formen einer Minderheit geprägt werde.

Das Buch überzeugt formal durch seine Lesefreundlichkeit dank seines eher ungewöhnlichen Formats sowie der klaren optischen Gliederung in Spalten und Themenabschnitte. Ausserdem tragen die einzelnen Portraitfotografien zur Auflockerung bei. Den kurzen Theorieteil unabhängig von den Interviews zu verfassen erweist sich m.E. als gute Lösung, denn so kann bei Bedarf schnell nachgeschlagen werden.

Wissenschaftlich vermag das Buch allerdings kaum zu überzeugen. Obwohl die Autoren ihr Werk als im Grenzbereich zwischen Journalismus und Sozialwissenschaft angesiedelt wissen wollen, ist es eher Ersterem zuzuschreiben. Daneben implizieren bereits der Titel wie auch die Formulierung der Fragen eine stark christlich geprägte (zuweilen theologisch motivierte) Perspektive. Die Fragestellungen besprechen denn auch typisch christliche Themen und Ansätze wie beispielsweise das Theodizee-Problem, das Leben nach dem Tod, sowie die Nächstenliebe oder ein personales Gottesbild. Ob die durch deduktive Herangehensweise mithilfe von Gatekeepern gewonnene Stichprobe von mehrheitlich Zürcher Jugendlichen wirklich die Haltung des Mainstreams der Deutschschweizer Jugend zu Religion widerspiegelt, bleibt ausserdem offen.

Obwohl im Buch 22mal auf dieselben Fragen geantwortet wird, bleibt es bis zum Schluss hochspannend. Das Buch vermag ein breites Publikum anzusprechen und eignet sich hervorragend als unaufgeregte und unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, weil es an verschiedenen Stellen ein Schmunzeln entlocken, und bestenfalls zum Mitdenken anregen kann.

Demont, Oliver; Schenker, Dominik (2009): Ansichten vom Göttlichen: 22 Jugendliche, Zürich: Salis.

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Marco Messina
Verantwortlicher Blogs
blog(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4