Margret Bürgisser: Interreligiöser DialogRezension: "Interreligiöser Dialog" von Margret Bürgisser

Ein 50-Millionen teures Bauprojekt mit kommerzieller Mantelnutzung – nein, es handelt sich nicht um ein Fussballstadion, sondern um das geplante Haus der Religionen in Bern. Eine Schar Gläubiger, die zu später Stunde durch die Gegend pilgert? Auch kein Ranfftreffen, sondern die lange Nacht der Religionen im Zürcher Fluntern-Quartier.

So unterschiedlich die beiden Projekte in ihrer Grösse und ihrem Aufwand sind, zwei Dinge haben sie gemeinsam: beide haben sie sich dem interreligiösen Dialog verschrieben und beide werden sie im gleichnamigen Buch von Margret Bürgisser vorgestellt. Die Sozialforscherin hat die Praxis des interreligiösen Dialoges in der Schweiz wissenschaftlich untersucht und analysiert. Das Buch fasst die Ergebnisse der Befragung von 44 im Feld tätigen Personen zusammen und bildet die bisher erste und einzige Bestandesaufnahme des interreligiösen Dialogs in der Schweiz.

Im Alltag unausweichlichBuchvernissage Margret Bürgisser: Interreligiöser Dialog

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, einen grösseren theoretischen Teil sowie einen kürzeren mit Praxisbeispielen. Im ersten Teil wird das Thema definiert, die Ziele beschrieben und aufgezeigt, worauf es für eine erfolgreiche Auseinandersetzung ankommt. Dabei wird schnell klar, dass interreligiöser Dialog mehr ist, als einfach ein bisschen miteinander sprechen. Es ist eine offene Auseinandersetzung mit dem gleichberechtigten Gegenüber.
Die Autorin hält fest, dass der Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften im Christentum dank der Ökumene schon länger besteht. Durch die Migrationsgesellschaft wird auch der Austausch zwischen den Religionen unausweichlich. Nicht nur, damit das Verständnis füreinander besser wird, sondern auch in ganz alltäglichen rechtlichen Belangen wie Schwimmunterricht, gemischte Ehen oder muslimische Friedhöfe. Jedes Kapitel ist am Ende zusammengefasst, was es dem Leser erleichtert, Informationen nachzuschlagen.
Für aktiv Tätige besonders hilfreich – weil erprobt und zur Nachahmung empfohlen – sind die 25 Praxisbeispiele. Darunter befinden sich nebst den beiden eingangs aufgezählten auch mehrere, teils sogar staatliche Bildungsprojekte sowie unsere Internetplattform www.religion.ch. Viele von ihnen können relativ leicht adaptiert und übernommen werden. Andere eigenen sich auch einfach zur persönlichen Weiterbildung. Insofern ist die Liste eine Ideenbörse, die sich für kirchliche und staatliche Institutionen genauso eignet wie für freiwillig Engagierte.

Am Ende hängt alles am Mensch

Trotz allen Anregungen für den Alltag, das Buch „Interreligiöser Dialog“ ist zuallererst eine wissenschaftliche Analyse. Es verschweigt auch nicht die Schwierigkeiten dieser Arbeit: unterschiedliche Machtverhältnisse, fehlendes Wissen oder gar zuviel Anstand sind nur einige davon. Aber konkrete Rezepte zu deren Vermeidung findet man höchstens zwischen den Zeilen. Das Buch bietet eine Übersicht, was überhaupt alles interreligiöser Dialog ist und macht im besten Fall sogar Mut, selber etwas dafür zu tun. Doch am Ende bleibt die Erkenntnis, dass interreligiöser Dialog vor allem mit den beteiligten Leuten steht oder fällt – und die findet man kaum in einem Buch.

Bürgisser, Margret  (2009): Interreligiöser Dialog. Grundlagen - Erfahrungen - Perspektiven. Bern: HEP-Verlag

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
  info@religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
  redaktion@religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk "religion.ch"
CH69 0900 0000 6069 3663 4