Menschenrechte und ReligionenVeranstaltungsbericht: Internationales Menschenrechtsforum Luzern

Am 5. und 6. Mai 2009 fand in Luzern das 6. Internationale Menschenrechtsforum Luzern (IHRF) unter dem Thema Menschenrechte und Religionen statt. Das Ziel des IHRF ist die Unterstützung und die nachhaltige Weiterführung der Menschenrechtsdebatte sowie die Sensibilisierung der Öffentlichkeit in Bezug auf diese Themen. Seit 2004 bietet das IHRF verschiedenen Akteuren aus Wirtschaft, Politik, Medien, Bildung usw. jährlich eine neutrale Plattform, um ein Themengebiet im Bereich der Menschenrechte zu bearbeiten.

Das diesjährige Forum befasste sich mit dem Verhältnis zwischen Religionen und Menschenrechten: Schützen die Menschenrechte Religionen oder schränken sie deren Freiheit ein? Fördern religiöse Gemeinschaften die Menschenrechte? Finden Religionen in den Menschenrechten einen gemeinsamen Nenner oder einen Streitpunkt? Wie soll in der Schule mit Religionen aus menschenrechtlicher Perspektive umgegangen werden? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigten sich prominente Persönlichkeiten sowie renommierte Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland.

"Der Gesetzgebungsprozess ist abgeschlossen, doch es hapert an der Umsetzung"

Prof. Dr. Nevena Vuckovic-Sahovic, Mitglied des UNO-Kinderrechtsausschusses, eröffnete die Vortragsreihe und blickte dabei auf 20 Jahre UNO-Kinderrechtskonvention zurück. Neben Erfolgen sah sie auch ganz klar Verbesserungsbedarf. Der Gesetzgebungsprozess sei zwar abgeschlossen, doch hapere es an der Umsetzung. Prof. Dr. Walter Kälin, ordentlicher Professor für Staats- und Völkerrecht an der Universität in Bern, berichtete aus der Sicht der UNO in Bezug auf die Menschenrechtssituation in der Schweiz und wies ebenso auf verbesserungswürdige Punkte wie Asyl- und Ausländergesetzgebung, Rassismus und Gleichstellung der Frau hin.

Religiös orientierte Schulen als Hindernis für die Erziehung zum Kosmopolitismus?

Einen Themenschwerpunkt setzte der Vortrag von Prof. Dr. Audrey Osler, Professorin für Pädagogik an der Universität Leeds und Gründungsdirektorin des „Centre for Citizenship and Human Rights Education“, bezüglich der langen Tradition der faith-based schools in England. So seien noch heute ein Drittel der Schulen religiös (mehrheitlich christlich) orientiert. Es stelle sich die Frage, ob die Menschenrechte der Kinder bspw. das Recht auf Meinungsfreiheit respektiert werden. Ferner bestehe ein Spannungsverhältnis zwischen der Erziehung zur Demokratie und der Vermittlung exklusiver Werte: „Wie kann ein Schulsystem, dass religiös orientierte Schulen beinhaltet, junge Menschen für ein Leben in einer multikulturellen Gesellschaft erfolgreich vorbereiten? Können religiös orientierte Schulen soziale Kohäsion fördern und ihre Schülerinnen und Schüler zur kosmopolitischen Staatsbürgerschaft und zur Wertschätzung der Menschenrechte erziehen?“ Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass religiös orientierte Schulen dazu tendieren, den Fokus auf das Lehren des von der Schule vertretenen Glaubens legen. Problematische Themen wie Rassismus würden nicht ausreichend angesprochen. Darüber hinaus gäbe es in solchen Schulen weniger Schülerräte, weniger Autonomie und kaum Mitentscheidungsrechte für Schülerinnen und Schüler.

Religionen und ihr Verhältnis zu den Menschenrechten

Ferner informierten Expertenpanels die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Themenkreise wie 'Die Gleichstellung von Mann und Frau in Religionen' und 'Menschenrechte – Konsens oder Streitpunkt zwischen den Religionen'. So nahmen Vertreter und Vertreterinnen unter-schiedlicher Religionen dazu Stellung, wie ihre Religion zu den Menschenrechten steht. Dr. Satish Joshi, Vertreter des Hinduismus in der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft Schweiz, bezog sich auf die Bhagavadgītā, in der die Rechte der Menschen kaum erwähnt werden, jedoch die Pflichten (dharma), die sie erfüllen müssen. Ähnlich verwies Dr. Herbert Winter, President of the Swiss Federation of Jewish Communities (SIG), auf die Verantwortung, die Juden zu tragen haben. Saïda Keller-Messahli, President of the Forum for a Progressive Islam (FFI), legte das problematische Verhältnis zwischen dem Islam und den Menschenrechten offen dar. Das Menschenverständnis hinter den Menschenrechten und im Islam decke sich insoweit nicht, als im Islam die Gemeinschaft betont werde und die Bedürfnisse des Individuums im Gegensatz zu den Menschenrechten erst an zweiter Stelle stehen. Sarah Vader, Vertreterin der Bahā’ī International Community, nahm Bezug auf die religiösen Schriften der Bahā’ī, in denen die Gleichheit aller Menschen verankert ist, weshalb sie auch keine Diskrepanz zwischen ihrem religiösen Verständnis und den Menschenrechten erkennen könne.

Menschenrechte – eine tagtägliche Aufgabe

Den Abschluss des 6. Internationalen Menschenrechtsforums Luzern bildete die Rede von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey. „Die Idee der Menschenwürde impliziert, dass dem Menschen etwas zusteht, weil er Mensch ist, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Geschlecht, seinem sozialen Status und seiner Religionszugehörigkeit“, erklärte Calmy-Rey. Sie erinnerte daran, dass die Verwirklichung der Menschenrechte für viele immer noch ein Wunschtraum darstellt. Angesichts dieser Diskrepanz zwischen den gesetzten Normen und ihrer Implementierung sei die Umsetzung der Menschenrechte eine tagtägliche Aufgabe. Bundesrätin Micheline Calmy-Rey verwies auf den ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: "Der Mensch ist ein mit Vernunft und Gewissen begabtes Wesen" und appellierte: "Danach sollte er auch handeln."

Homepage des IHRF

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