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Wissenswert Religionen: Sturm auf den TurmVeranstaltungsbericht: "Sturm auf den Turm" im Käfigturm

Bis auf den letzten Platz war das Politforum des Käfigturms besetzt: Sturm auf den Turm, eine Impulsveranstaltung zur Minarettfrage, veranstaltet vom Verein WissensWert Religionen, hatte zahlreiche Interessierte angezogen. In der kontroversen Diskussion wurde deutlich: Hinter dem 'Gschtürm' um die Initiative Gegen den Bau von Minaretten steht eine Verunsicherung über den Umgang mit muslimischen Minderheiten in der Schweiz, der mit fundierten Hintergrundinformationen begegnet wurde.

 Seit über 50 Jahren gibt es Moscheen in der Schweiz, einige auch mit Minarett. Heute ist es kaum vorstellbar, dass vor 31 Jahren beim Bau der Moschee Petit-Saconnex in Genf der damalige Bürgermeister die Höhe des geplanten Turms moniert – und eine Erhöhung gefordert haben soll. Stattdessen stösst die Vorstellung, dass Muslime ihre Präsenz auch in der Öffentlichkeit mit deutlichen Zeichen signalisieren, vielerorts auf Widerstand. Längst schon ist das Minarett zum Symbol geworden, an dem sich die Geister scheiden: Die einen sehen in der Initiative die Möglichkeit, gegen die 'Speerspitzen eines radikalen Islams' etwas zu unternehmen, die anderen einen inakzeptablen Verstoss gegen die Religionsfreiheit, der laufende Integrationsbemühungen untergräbt.

Um sachliche Hintergrundinformationen in die aufgeheizte Debatte zu bringen, hatte der Verein WissensWert Religionen, ein Zusammenschluss von Religionswissenschaftlerinnen, die hauptsächlich in Fribourg und Bern studieren oder abgeschlossen haben, am Mittwochabend im Käfigturm eine Impulsveranstaltung organisiert. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Reformierten und Römisch-Katholischen Kirchgemeinde des Kantons Bern.

In vier Kurzreferaten beleuchteten die Referentinnen verschiedene Aspekte des Minarettbaus in der Schweiz und der anstehenden Abstimmung. Karin Hitz, die über muslimische Minderheiten in Europa forscht, legte dar, welche Zielgruppe überhaupt mit der Initiative angesprochen sei. Es handle sich um die äusserst heterogene Gruppe der Schweizer Muslime, auf welche die oft stereotypen Bilder von fundamentalistisch orientierten Gläubigen, die aufgrund ihrer religiösen Grundlage die Rechtsordnung zu untergraben versuchten, schlecht zutreffen. Einen historischen Abriss über den Minarettbau in islamischen Ländern stellte die Journalistin Ann-Katrin Gässlein vor, die sich im interreligiösen Dialog engagiert. Dabei wurde deutlich, dass sich für ein Minarett zwar keine religiöse Begründung oder Notwendigkeit finden lässt, aber umso mehr mit der gesellschaftlichen Realität des muslimischen Lebens zusammenhängt – und ähnlich wie der Kirchturm identitätsstiftende Funktionen übernimmt.

Einen Blick über den Tellerrand, genauer: auf die politische Situation der Nachbarländer Deutschland, Frankreich und Grossbritannien, warf Nina Frei, die sich auf das Verhältnis von Staat und Politik in Europa konzentriert. Je nach nationalem Selbstverständnis gehen diese Länder die Integration muslimischer Minderheiten unterschiedlich an. Aber sie finden Antworten auf die Frage, wie mit der öffentlichen Präsenz gerade auch im Hinblick auf Bauwerke umgegangen werden kann, ohne per Gesetz in der Verfassung jeder Entwicklung einen Riegel vorzuschieben.

Wissenswert Religionen: Sturm auf den TurmBei der anschliessenden Diskussion wurden die gesellschaftlichen Bruchstellen im Umgang mit Muslimen sichtbar, die weit über die Abstimmung zum Minarettbau hinausgehen. Wo sind geeignete Ansprechpartner auf Seiten der muslimischen Religionsgemeinschaften zu finden, wenn es keine schweizweite Dachorganisation gibt? Wer kann in konkreten Fällen vor Ort vermitteln – zum Beispiel, wenn eine Schulbehörde mit einer Familie in der Frage des Schwimmunterrichts aneinander gerät? Die lokalen Netzwerke gilt es zu nutzen. Oftmals sind die Integrationsbeauftragten der Gemeinden auch mit muslimischen Verbänden in Kontakt, oder ein Interreligiöser Arbeitskreis, wie er in den meisten Kantonen existiert, kann erste Anfragen beantworten und weiterhelfen.

Insbesondere die Frage nach der Transparenz muslimischer Religionsgemeinschaften beschäftigte mehrere Besucher. Der Wunsch der Gemeinschaften, ihre Hinterhofmoscheen zu verlassen, könne auch dem Bedürfnis der Gesellschaft entsprechen, mehr über ihre Aktivitäten und Angebote zu erfahren. Eine weitere Verdrängung in die Unsichtbarkeit dagegen würde eher einer unerwünschten Entwicklung Vorschub leisten, nämlich dass fundamentalistische Strömungen Zuwachs erhalten können.

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