KörperweltenAusstellungsbericht: Körperwelten

Gunther von Hagens' Interpretation des Zyklus des Lebens lädt zurzeit ins Puls5 in Zürich, womit die bereits seit zehn Jahren existierende und heftig umstrittene Ausstellung nun zum zweiten Mal in der Schweiz gastiert. Was verbirgt sich hinter den medialen Anschuldigen, die diesbezüglich von einem "Gruselkabinett" oder gar von einer "Verletzung der Menschenwürde" berichten?

Im Gegensatz zur Ausstellung vor einigen Jahren wird der Besucher dieses Mal durch einen parcoursähnlichen Gang geführt, was somit ganz dem Konzept des Themas dient: Der Zyklus des Lebens: Beginnend bei verschiedenen Fötus-Stadien, über die Thematisierung von Jugend, Alter, Krankheit und vor allem einen generellen Überblick über sämtliche Organe des Menschen in unterschiedlichsten Blickwinkeln bietend – bis hin zum sexuellen Akt, womit der Zyklus dann wieder geschlossen werden soll.

Ein Lehrpfad der Medizin?

Die eigentliche Präsentation der plastinierten Präparate zeigt sich auf eine durch und durch nüchterne Art; die Organe werden beschrieben, ihr Nutzen kurz erklärt und es wird – was auffallend ist – immer wieder betont, wie wichtig es ist, dem Körper(organ) Sorge zu halten – durch ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung, Verzicht auf übermässigen Konsum von Genussmitteln jedweder Art. Die Darstellung der Organe an sich erinnert in der plastinierten Form hauptsächlich an Illustrationen aus Lehrbüchern. Die meist dynamische Präsentation der meist abgehäuteten (und somit stark verfremdend wirkenden) Menschen, häufig an einer oder mehreren Stellen aufgespalten (damit entsprechende Organe besser sichtbar werden), ist aber doch eher ungewöhnlich. Handelte es sich dabei um keine Verstorbenen, würden sich wohl weniger Leute daran stören. Aber wo liegt der Stein des Anstosses?Körperwelten

Der religiöse Stellenwert des Körpers

Wie bereits die Bibel in Genesis 1 deutlich macht, wird der menschliche Körper oftmals als eine Schöpfung einer Gottheit betrachtet. Somit wird ihm in vielen religiösen Handlungen, vor allem Initiationsriten, eine besondere Rolle zugeschrieben. Während nach hinduistischen und buddhistischen Bräuchen die Körper der Verstorbenen meist verbrannt werden, war die Kremation bei den Katholiken bis Anfang des 19. Jahrhunderts verboten, wobei im orthodoxen Judentum bis heute Argumente gegen die Einäscherung bemüht werden. Die christliche Achtung vor dem Körper gründet in der Erwartung der Auferstehung – ganz nach dem Vorbild Jesu. Auch im Judentum existiert der Glaube an eine Auferstehung und an ein jenseitiges Leben, jedoch aber nicht im körperlichen Sinne; demzufolge sollte der Leichnam in seiner Vollständigkeit begraben werden. Eine besondere Bedeutung wird dem Körper – oder besser gesagt Teilen davon – bei der Reliquienverehrung beigemessen, was sich beispielsweise an der Verehrung und Anbetung der Gebeine oder Grabtücher von Heiligen zeigt.

Der Körper als 'Wunder'

Diese Verehrung des Körpers spiegelt sich auch in der Ausstellung der Körperwelten und auch in der Debatte um die Ausstellung wieder. Obwohl dabei nicht das religiöse Verständnis an sich thematisiert wird, stellen die plastinierten Präparate die Komplexität des menschlichen Körpers als ein 'Wunder' dar. Auch die Beweggründe einer Entscheidung für eine Körperspende scheinen der religiösen Vorstellung nicht ganz so fern zu sein, wie es auf den ersten Blick scheint. So begründete ein Spender seine Entscheidung damit, dass er über seinen Tod hinaus etwas für die Medizin leisten kann und somit weniger schnell in Vergessenheit gerät.Körperwelten

Tradition und Kunst

Als explizite Botschaft der Ausstellung gilt, dass der Körper nicht nur "göttliches Geschenk", sondern eine "persönliche Aufgabe" sei, diesen durch entsprechende Massnahmen so lange als möglich zu erhalten. Dienen nun die aufsehenerregenden Darstellungen dazu, als werbeträchtiger Effekt möglichst viele Besucher in die Ausstellung zu locken, um sie von dieser Absicht zu unterrichten oder haben die Präsentationen auch rein künstlerischen Anspruch, mit der Erfindung der Plastination aus Verstorbenen ästhetische Kunstwerke zu schaffen? Oder ist der Zuschauer durch das Wissen um die eigene Sterblichkeit zu sehr selber involviert, wenn zwei „Leichen“ miteinander den Akt vollziehen? Oder liegt es wohl eher an der traditionellen Verankerung in Bezug auf den Umgang und die Verehrung, beziehungsweise Respekterweisung den Toten gegenüber, die solche Darstellungen nicht zulassen will? „Der menschliche Körper ist fragile, verbliebene Natur in einer vom Menschen bestimmte und durch Technik geprägten künstlichen Umwelt“, so von Hagens. "Die Ausstellung KÖRPERWELTEN ist ein Ort der Aufklärung und der inneren Einkehr, ein Ort philosophischer und religiöser Selbsterkenntnis. Kein illegaler Friedhof, kein postmortaler Schönheitssalon. Sie zeigt den Körper als besten Repräsentanten der Seele, der sich dem Besucher deutungsoffen entgegenstellt."


Körperwelten,  11.09.2009-28.02.2010 im Puls5 in Zürich.

Biographie Gunther von Hagens' und Quelle des Zitats

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