Anne-Marie HolensteinVeranstaltungsbericht: Vortrag von Anne-Marie Holenstein vom 10. März 2010

Seit ihrer Lancierung nach dem Zweiten Weltkrieg spielen in der internationalen Entwicklungspolitik Religion und Spiritualität nur eine marginale Rolle. Die 'Unterentwicklung' der Länder im Süden wurde als Rückstand auf einer Stufenleiter aufgefasst, deren oberste Plätze durch die 'entwickelten' Länder in Westeuropa und Nordamerika eingenommen wurden. Wirtschaftswachstum sollte den 'unterentwickelten' Gebieten helfen, diesen Rückstand aufzuholen. Dieses Modell ging von einer Entwicklung aus, die sich auf der Basis der technologisch-industriellen Produktion entwickelt. Religiöse oder spirituelle Fragen fanden in dieser Konzeption keinen Platz.

 

Diese Erläuterungen standen am Anfang der Ausführungen von Anne-Marie Holenstein zur Rolle von Religion und Spiritualität in der Entwicklungszusammenarbeit. Warum stellt sich diese Frage, wenn Religion und Spiritualität eben keine oder nur eine vernachlässigbare Rolle spielen? Einerseits, so Holenstein, habe es neben dem säkularen Wachstumsglauben, der die Entwicklungspolitik dominiert habe, immer auch Gegenposition gegeben. Namentlich an den Weltkonferenzen des Ökumenischen Kirchenrates, in den päpstlichen Enzykliken der späten 60er Jahre und in der Befreiungstheologie mit ihrer Option für die Armen seien Entwicklungskonzepte umrissen worden, die die Spiritualität miteinbezogen haben. In der Schweiz standen diese Konzepte beispielsweise am Anfang der Weltladenbewegung und damit des Fairen Handels. Vor allem  seien Religion und Spiritualität eine "wirkungsmächtige Tatsache", die das Leben und Denken vieler Menschen stark präge. Eine Tatsache jedoch, die in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verstanden und stark von der jeweiligen Kultur geprägt wird, diese aber umgekehrt auch mitgestaltet und das Leben der Menschen stark beeinflusst, auf gesellschaftlicher wie auch  individueller Ebene - zum Beispiel als Überlebenshilfe im schwierigen Alltag.

"Religion und Spiritualität"

Weil die Unterschiede sehr gross sein können, plädiert Anne-Marie Holenstein dafür, zwischen Formen institutionalisierter Religion und der individuellen Spiritualität  zu unterscheiden und deshalb den Doppelbegriff Religion und Spiritualität zu verwenden. Sie betont, dass Religionen in der Geschichte ihre Wirkungsmacht sowohl positiv als auch negativ entfaltet haben, einerseits im Einsatz für Frieden und Menschenrechte und andererseits als Quelle der Gewalt. Seit dem 11. September 2001 werde aber vor allem das Gewaltpotential wahrgenommen. Laut der Friedensforschung wird die Rolle der Religionen in Gewaltkonflikten oft überschätzt. Sicher ist, dass Religionen und ihre Symbole oft erfolgreich für politische Ziele instrumentalisiert werden. Auch in der Schweiz verfügen wir seit dem letzten November über ein konkretes Beispiel für diesen Befund.

 Potential oder Gefahr? Eine Frage der Balance. Figur aus Kamerun (Quelle: Anne-Marie Holenstein)Religionen sind in ihrer Wirkung also eine ambivalente Erscheinung, der Umgang mit ihnen ist anspruchsvoll und oft schwierig. Ist das ein Grund, Religion aus Diskussionen und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit auszublenden? Kann man den Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, wenn in der Entwicklungszusammenarbeit diese Themen keine Rolle spielen? Nein, meint Anne-Marie Holenstein, dies wird der Situation nicht gerecht und bedeutet einen gravierenden Realitätsverlust. Hingegen soll mit den Ambivalenzen gearbeitet, die Risiken und Chancen ausbalanciert werden.

Potential und Risiken von Religion und Spiritualität

Die Gretchenfrage nach der Religion in der Entwicklungszusammenarbeit stellte auch die Schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Von 2003 bis 2009 leitete die Referentin ein Projekt, welches die Entwicklungsrelevanz von Religion in Projekten der DEZA und von Partnerhilfswerken untersuchte.

Anhand mehrerer Fallstudien aus christlich und islamisch geprägten Kontexten sowie Erfahrungen aus der kirchlichen Zusammenarbeit und endogenen Kulturen wurde versucht, Potential und Risiken von Religion und Spiritualität zu analysieren. In einem zweiten Schritt wurden Methoden und Instrumente zur Wirkungsbeobachtung untersucht und als drittes die Frage nach dem Umgang mit Instrumentalisierungstendenzen respektive der Ambivalenz von Religion und Spiritualität gestellt. Eines dieser Fallbeispiele – ein Fastenopferprojekt in Haiti – beschäftigt sich mit der Rolle des Vodou. Dessen positive Elemente gehen aufgrund von Instrumentalisierungen für Machtinteressen oft vergessen. Vor allem aus westlicher Sicht wird Vodou als entwicklungshemmend angeschaut, während es im täglichen Leben der Haitianerinnen und Haitier als Ressource im täglichen Überlebenskampf eine wichtige Rolle einnimmt. Die Ambivalenz von Vodou und die Kommunikationsfilter zwischen lokalen Mitarbeitenden und einem, in diesem Fall christlichen Hilfswerk, die zu einer selbstauferlegten Zensur führte, wurden an diesem Beispiel deutlich.

Religion und Spiritualität bieten für Anne-Marie Holenstein sowohl Potential als auch Gefahren. Für sie rückt darum die Frage nach dem konstruktiven Umgang mit der religiösen Ambivalenz in den Vordergrund. Wie für die Figur aus Kamerun, die auf dem Flyer zum Vortrag abgedruckt ist, muss auch in diesem Dilemma eine Balance gefunden werden. Dies erfordert eine Auseinandersetzung sowohl mit dem eigenen religiösen Hintergrund als auch mit demjenigen der Anderen. Als Voraussetzungen für einen konstruktiven Umgang mit Religion und Spiritualität in der Entwicklungszusammenarbeit dienen deshalb eine Reflexion über die eigene religionskulturelle Herkunft, ein religiöses Grundwissen, die Überwindung religiösen Analphabetentums und gute Methoden im Umgang mit den Ambivalenzen. Für Anne-Marie Holenstein steht fest, dass man diesen Fragen nicht ausweichen kann. Es brauche eine kultursensible Annäherung an dieses Thema von Fall zu Fall.


Holenstein, Anne-Marie (2010): Religionen – Potential oder Gefahr? Religion und Spiritualität in Theorie und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit, ReligionsRecht im Dialog Bd. 9. Münster: LIT Verlag

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