Macht der MedienVeranstaltungsbericht: Jahrestagung des EDA

Die diesjährige Jahreskonferenz des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten bot den vielen Besuchern aus aller Welt eine breite Palette von Informations- und Diskussionsmöglichkeiten an. Wurde am Vormittag durch verschiedene Referenten die allgemeine Problematik sowie mögliche Lösungsansätze des Zusammenlebens in pluralistischen Gesellschaften diskutiert, konnten sich die Gäste am Nachmittag in verschiedenen Podiumsdiskussionen einem spezifischen Thema widmen. Im Workshop Die Macht der Medien wurde der Frage nachgegangen, wie die Medien in einer durch religiöse und kulturelle Weltanschauungen geprägten Welt das Zusammenleben fördern können.

Die Verantwortung der Medien

Fachreferenten aus Medien und Journalismus gingen zunächst auf die allgemeine Verantwortung der Medien gegenüber der Öffentlichkeit ein. Die Medien, so waren sich die Referenten einig, hätten zwar der Öffentlichkeit ein reales Bild von Religionen zu vermitteln, es gäbe jedoch oft einen Konflikt zwischen qualitativem Journalismus und kommerziellen Interessen eines Medienunternehmens. Dem Absatz einer Zeitung beispielsweise sei es nützlicher, über einen Skandal zu berichten, als über das alltägliche normale Leben, so Jean-Jacques Roth, Direktor des Nachrichtenbereichs bei Radio Télévision Suisse (RTS).

Dieser Meinung war auch Nagwan al-Ashwal, ägyptische Journalistin und Partnerin des Religioscope-Projekts Medien und Religion. Es gäbe eigentlich nicht den einen Islam an und für sich, die Medien würden jedoch ein solches Bild vermitteln, das hauptsächlich negativ konnotiert sei. Die Medien sollten vielmehr den Dialog fördern, anstatt den Leuten Angst einzujagen und sie gegeneinander aufzuhetzen. Dies sei möglich, so waren sich die Referenten einig, indem die Medien tradierte Vorurteile aus der Gesellschaft nicht ständig wiederholten und damit festigten, sondern diese durch einen differenzierten Journalismus korrigierten.

Die 'Anderen' – Fremdbezeichnung und Selbstbezeichnung

Einerseits zeichnen Berichterstatungen das 'Fremde' – häufig basierend auf Stereotypen, die sich aufgrund einzelner Negativbeispiele generierten. Solche weit verbreiteten Wahrnehmungen sind durch einen einzelnen Medienkanal kaum wieder korrigierbar, so J.J. Roth. Er sieht insbesondere in der Thematik der 'Minderheiten' ein grundsätzliches Problem. Plötzlich würden Menschen oder Gruppierungen mit diesem Begriff konfrontiert, obwohl sie sich nicht primär über die Religionszugehörigkeit definierten. Trotzdem werden sie gerade dadurch in diesen Minderheitenstatus gedrängt. Diesbezüglich sei es wichtig, die Selbstwahrnehmung und die Selbstbezeichnung ins Zentrum zu rücken – und nicht die Fremdbezeichnung. 

Macht der Medien

Perspektiven eines verantwortungsvollen Journalismus 

Das negativ gezeichnete Bild des Islam bestätigt auch Prof. Dr. Urs Dahinden, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Fachhochschule in Chur und Privatdozent an der Universität Zürich, und betont das grundsätzlich friedliche Zusammenleben mit den Muslimen in der Schweiz. Die Medien müssten sich auch darum bemühen, die positiven Ereignisse entsprechend zu erwähnen. Andererseits, so stellt Dahinden fest, würden die Muslime mediale Auftritte häufig meiden und auf Öffentlichkeitsarbeit meist gänzlich verzichten. Hinzu kommt, dass sich die verschiedenen islamischen Gruppierungen innerhalb "eines Islams" formieren würden. Es sei aber wichtig, sich von Splittergruppen explizit zu distanzieren. 

Daanish Masood, Direktor für Medien und Partnerschaften für die Vereinten Nationen für die Allianz der Zivilisationen, glaubt, dass sich die Verantwortung auf alle Beteiligten verteilen müsse: Journalisten hätten die Aufgabe, sämtliche Aspekte der Thematik abzubilden. Das u. a. von ihm geleitete Onlineportal bietet den Journalisten an, in Form einer Datenbank Experten zu kontaktieren, um spezifisches Fachwissen abrufen zu können. Gleichzeitig müsse aber auch die Zivilgesellschaft genauso ihren Beitrag leisten, die Medien könnten hier nicht die alleinige Verantwortung tragen. Experten und Akademiker müssten ihre Stimme erheben und ihren Beitrag zur Diskussion leisten. Dabei müssten die Journalisten, so auch die Meinung von Dahinden, zusätzlich ausgebildet werden; eine Grundausbildung über Religion sei nötig, denn die meisten Journalisten hätten keine Ahnung davon. 

Zwischen Täter- und Opferrolle

Neben ausgewogener Berichterstattung, die sämtliche Aspekte eines Themas beleuchtet, braucht es auch einen Kompromiss zwischen Redefreiheit und Einschränkungen der Medien. Den verschiedenen Medienkanälen muss auch bewusst sein, dass sie für die Anzettelung von Konflikten ausgenutzt oder auch falsch verstanden werden können. Hier ist Selbstregulation und vor allem Selbstreflexion nötig. Der jeweilige Medienkanal muss sich öfters bewusst werden, wo die Gefahren liegen, was mit entsprechender Berichterstattung und mit jeweiligen Darstellungen von Themenkomplexen erreicht und ausgelöst werden kann.

Die Diskussion zeigte aber auch, wie leicht Konflikte aus unterschiedlichen Weltanschauungen entstehen können. Als es wiederholt um die Mohammed-Karrikaturen ging, traten die Meinungen eines aus Ägypten stammenden Gastes und der ebenfalls ägyptischen Referentin Nagwan al-Ashwal auseinander, wobei jeder auf seinem Standpunkt beharrte. Schliesslich boten die Diskussionen und die Workshops einen vielfältigen Einblick in die möglichen Konflikte des multireligiösen Zusammenlebens. Die Konferenz bot dem Publikum diesbezüglich die Möglichkeit, einen etwas differenzierteren Blick zu entwickeln. Als Lösung für die Konflikte wurde immer wieder auf den nötigen Dialog zwischen den Religionen hingewiesen – die Konferenz des EDA ging als gutes Beispiel voran.


"Wenn Religionen und Weltbilder aufeinander treffen" - Artikel religion.ch

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