Anne-Marie Holenstein: Religionen Potential oder GefahrBuchrezension: "Religionen - Potenzial oder Gefahr?" von Anne-Marie Holenstein

Welche Rolle spielt Religion in der Entwicklungszusammenarbeit? Wie kann mit den Potentialen und Risiken umgegangen werden? Diesen Fragen geht Anne-Marie Holenstein im Buch Religionen – Potential oder Gefahr? Religion und Spiritualität in Theorie und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit nach. Der vorliegenden Publikation liegt ein mehrjähriges Forschungsprojekt zugrunde, welches die Autorin im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) durchgeführt hat. Als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit dem Thema setzt die Autorin die "Tatsache, dass Religionen vitale kulturelle und politische Gestaltungskräfte sind". Trotz dieser wichtigen Rolle, die Religionen in gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen wahrnehmen, sei der Umgang mit Religion – gerade in der Entwicklungszusammenarbeit – aber "zutiefst ambivalent".

Ausblendung von Religion in der frühen Entwicklungspolitik

Im ersten Teil des Buches nähert sich Anne-Marie Holenstein dem Thema unter einem historischen Blickwinkel an. Sie zeigt auf, dass die Entwicklungspolitik, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, vom Fortschrittsglauben der 50er und 60er Jahre geprägt und deshalb stark ökonomisch ausgerichtet war. Einen zentralen Bestandteil dieser Entwicklungsauffassung bildete die Vorstellung eines allgemein gültigen Entwicklungsweges, den einige Länder schon durchlaufen und andere noch vor sich hatten. Diesem Konzept der „nachholenden Entwicklung“ waren die Ähnlichkeiten zu jüdisch-christlichen Heilsvorstellungen deutlich anzusehen. Nur war die Erlösungsidee säkularisiert und einer technisch-wissenschaftlichen Weltsicht verpflichtet. Obwohl die Modernisierungstheorien schon seit den späten 60er Jahren hinterfragt und kritisiert wurden, blieb das Wachstumsparadigma in der Entwicklungspolitik – vor allem auf internationaler Ebene – bis heute bestimmend. Mit den Millenium Developpment Goals (MDG) wurde zwar versucht, die Probleme globaler Armut und sozialer Ungerechtigkeit ins Zentrum der Bemühungen zu stellen, ob die Ziele wie vorgesehen bis 2015 erreicht werden können, ist mittlerweile aber sehr fraglich.

Religion als ambivalenter gesellschaftlicher Faktor

Der "partiellen Blindheit" der Entwicklungspolitik gegenüber religiösen Faktoren setzt Anne-Marie Holenstein die Wirkungsmächtigkeit der "Tatsache Religion" gegenüber. Dabei weist sie aber darauf hin, dass der Begriff 'Religion' im Gebrauch nicht unproblematisch ist, weil er europäisch geprägt ist und dieses Religionskonzept beispielsweise im indischen oder afrikanischen Kontext schnell an seine Grenzen kommt.

Die gesellschaftliche Bedeutung von Religion drückt sich etwa in der engen Verflechtung mit Kultur aus. Religiöse Vorstellungen spielen bei den prägenden und ordnenden Funktionen, die Kulturen im menschlichen Zusammenleben einnehmen, einen wichtigen Einfluss. In der Darstellung dieser Zusammenhänge orientiert sich Anne-Marie Holenstein am Drei-Ebenen-Modell von Thomas Meyer, welcher Religion an der Konstruktion gesellschaftlicher Realitäten auf folgenden drei Ebenen beteiligt sieht: Auf der Ebene der metaphysischen Sinngebung und Heilserwartungen, auf der Ebene der individuellen und kollektiven Lebensführung und schliesslich auf der Ebene der sozialen und politischen Grundwerte des Zusammenlebens mit Anderen.

Wirkungsmächtigkeit wird den Religionen aber auch in anderer Hinsicht zugestanden. Neben ihrer gesellschaftlichen Funktion nach innen als Identitätsstifterin dienen Religionen auch als ausschliessendes und abgrenzendes Element gegen aussen. Dabei stellt sich die Frage nach der Rolle von Religionen noch präziser: Sind sie Brandursache oder Brandbeschleuniger? Anhand dieser zwei Aspekte sieht Anne-Marie Holenstein die Religionen in einer ambivalenten Rolle, die Potentiale und Risiken bietet. Potentiale etwa im Sozial- und Bildungsbereich oder im Einsatz für Menschenrechte und Frieden. Risiken beinhalten demgegenüber die hierarchischen Strukturen und die damit verbundene Macht, wenn die Religion damit einen Absolutheitsanspruch verbindet und die Mittel um ihn zu erreichen legitimiert.

Religion ist also eine ambivalente Sache, die gleichzeitig Potentiale und Risiken bietet. Es besteht deshalb die Tendenz, den religiösen Faktor auszublenden. Anne-Marie Holenstein plädiert hingegen dafür, sich die Ambivalenzen bewusst zu machen und mit ihnen zu arbeiten.

Enttabuisierung des Faktors Religion

Ausgehend von diesen Ausführungen wird im dritten Teil die Gretchenfrage gestellt: Entwicklungszusammenarbeit – "nun sag, wie hast du's mit der Religion?" Dabei kommt zum Ausdruck, was bereits im ersten Teil deutlich wurde: dass Religion und Spiritualität in der Entwicklungszusammenarbeit bisher nur eine vernachlässigbare Rolle gespielt haben. Diese fehlende Auseinandersetzung verortet Anne-Marie Holenstein sowohl in der theoretischen Diskussion über Entwicklungsfragen als auch in der konkreten Praxis. Ab Mitte der 90er Jahre wurde die Rolle von persönlicher Spiritualität und institutionalisierter Religion in der Entwicklungszusammenarbeit zunehmend thematisiert. Das heisst es wurde vor allem auf ihr Fehlen aufmerksam gemacht, man sprach von Spiritualität als einem Tabu in der Entwicklungsdiskussion. Internationale Organisationen, zum Beispiel die Weltbank, der UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA) oder die UNESCO, unternahmen konkrete Schritte zur Zusammenarbeit mit religiösen Institutionen. Allerdings war die Zusammenarbeit oft kompliziert und von Vorurteilen geprägt.

Fallstudien zum Umgang mit Risiken und Potentialen von Religion

In der Schweiz stellte sich die DEZA, die sowohl mit Partnern aus dem säkularen als auch aus dem kirchlichen Umfeld zusammenarbeitet, die Frage nach der Bedeutung von Religion und Spiritualität in der Entwicklungszusammenarbeit. Im Zentrum des Projekts Religion und Entwicklung, welches aus dieser Fragestellung heraus entstanden ist, stehen mehrere Fallstudien, die in verschiedenen religiösen Kontexten angesiedelt sind. An den 14 Fallstudien des Projekts beteiligten sich sowohl konfessionelle als auch säkulare Organisationen.

Die acht in der Publikation vorgestellten Studien bilden ein breites Spektrum von Projekten ab, in denen der Umgang mit Risiken und Potentialen von Religion thematisiert wird. So wird in einem Beispiel aus Haiti anhand von Bibellektüregruppen der Umgang und die Offenheit gegenüber anderen Religionen, insbesondere dem einheimischen Voudou thematisiert. Dabei wird deutlich, dass zwischen den Projektverantwortlichen aus der Schweiz und den Mitarbeitenden vor Ort Missverständnisse aufgrund verschiedener Auffassungen entstehen, die aber mit offener Kommunikation ausgeräumt werden können. Ein Projekt aus Ecuador stellt die Bedeutung der eigenen Kultur, Geschichte und Spiritualität für die afroecuadorianische Bevölkerung ins Zentrum. Die konfliktverschärfende Rolle von Religion, gleichzeitig aber auch ein Beispiel wie eine ökumenische Zusammenarbeit trotzdem möglich sein kann, thematisiert ein Projekt des HEKS im früheren Jugoslawien. Das Beispiel von Swisspeace schliesslich zeigt die Bedeutung, aber auch die Gefahren auf, die die Zusammenarbeit mit religiösen Institutionen bietet. So war bei einem Projekt zur politischen Bildung der Bevölkerung in Afghanistan  der Kontakt zu Geistlichen oft der einzige Zugang zur lokalen Bevölkerung. In dieser Rolle wurden die Geistlichen aber auch zu Zielscheiben von Extremisten, insbesondere wenn es um die Bildung von Frauen ging. 

Instrumente für die künftige Praxis

Im Anschluss an die Fallstudien stellt Anne-Marie Holenstein konkrete Instrumente und Methoden für die Praxis vor, die einen konstruktiven Umgang mit Religion und Spiritualität in der Projekt- und Programmarbeit ermöglichen sollen. Die Richtlinien, Qualitätskriterien und Leitfragen, die aus dem Projekt der DEZA heraus entstanden sind und jetzt einen Bestandteil des Programmdialogs zwischen der DEZA und den Nichtregierungsorganisationen bilden, finden sich ganz am Schluss.

Das Buch stellt den Umgang mit Religion und Spiritualität in der Entwicklungszusammenarbeit in einen breiten Kontext. Vor allem die historische Einführung im ersten Teil verhilft zu einem guten Überblick über die Geschichte der Entwicklungspolitik. Mit Hilfe der Fallstudien wird die Thematik anschaulich vermittelt. Obwohl die klare Unterscheidung zwischen (institutionalisierter) Religion und Spiritualität aus europäischer Sicht nachvollziehbar ist, stellt sich die Frage, ob diese aus Sicht der Menschen im Süden ebenfalls so deutlich getrennt werden kann.


Holenstein, Anne-Marie (2010): Religionen – Potential oder Gefahr? Religion und Spiritualität in Theorie und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit, ReligionsRecht im Dialog Bd. 9. Münster: LIT Verlag.

 

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