Martin Baumann & Frank Neubert: Religionspolitik - Öffentlichkeit - WissenschaftBuchrezension: "Religionspolitik – Öffentlichkeit – Wissenschaft" von Martin Baumann und Frank Neubert 

Der Religion droht die Irrelevanz und ein nahes Ende. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war diese Ansicht in der Wissenschaft weit verbreitet. Mit Thomas Luckmanns These der Privatisierung der Religion, die er 1967 in Die unsichtbare Religion veröffentlichte, änderte sich diese Sicht. Als nicht mehr nur die organisierten Religionen untersucht wurden, zeigte sich, dass Religion keineswegs aus dem Leben der Menschen verschwand. Im kürzlich erschienenen Sammelband „Religionspolitik – Öffentlichkeit – Wissenschaft“ zeigen verschiedene (Religions-)Wissenschaftler, dass sich Religion und Religionen in gegenwärtigen Gesellschaften neu formieren und in den drei Bereichen Religionspolitik, Öffentlichkeit und Wissenschaft wieder vermehrt eine Rolle spielen.

14 Artikel von verschiedenen Autoren, die meisten Religionswissenschaftler, zeigen in Einzelfällen auf, wie Religion in den drei Spannungsfeldern Religionspolitik, Öffentlichkeit und Wissenschaft neu positioniert wird.

Spannungsfeld Religionspolitik

So wird im ersten Teil des Buches zum Bereich Religionspolitik deutlich, dass sich die Religionspolitik an die neue Präsenz der Religionen in der Öffentlichkeit anpassen muss. Das wird unter anderem in der Schweizer Debatte um die Rolle der Muslime sichtbar. Antonius Liedhegener zum Beispiel untersucht in seinem Artikel Mehr als Binnenmarkt und Laizismus? Die neue Religionspolitik der Europäischen Union das Zusammenspiel zwischen Religion und Politik in der Europäischen Union. Er zeigt auf, dass es in der EU Diskussionen um den Status der Religion im europäischen Recht, um den Gottesbezug in der Präambel und um Kompetenzen in der Religionspolitik gab.

Spannungsfeld Öffentlichkeit

Im Teil zum Bereich Öffentlichkeit wird näher darauf eingegangen, wie diese neue Präsenz der Religionen in der Öffentlichkeit eigentlich aussieht. Besonders erwähnenswert scheint mir dabei der Artikel von Samuel M. Behloul zu sein. In seinem Aufsatz Vom öffentlichen Thema zur öffentlichen Religion? Probleme und Perspektiven des Islam im Westen am Beispiel der Schweiz stellt Behloul dar, wie in der Schweiz über Religion und speziell über den Islam in der Schweiz diskutiert wird und wie deren Verständnis in das Konzept der Öffentlichen Religion eingeordnet werden kann. Behloul stellt dar, dass in der Schweiz der Islam, und auch Religion allgemein, zur Deutung von sozialen Zusammenhängen dient. Der Islam wird dabei oft negativ essentialisiert, das heisst zum Beispiel, dass er mit Terrorismus gleichgesetzt wird. Dies hat zur Folge, dass sich muslimische Organisationen verstärkt in der Öffentlichkeit zu Wort melden, um dieses negative Bild zu verändern.

Spannungsfeld Wissenschaft und Säkularismus

Wissenschaft wird oft als Gegensatz zu Religion dargestellt, und oft wurde postuliert, dass die Wissenschaft die Religion ablösen würde. Die vier Artikel im dritten Teil des Buches versuchen exemplarisch aufzuzeigen, wie die Wechselbeziehung zwischen Religion und Wissenschaft bzw. Säkularismus aussehen kann. So untersucht Frank Neubert in seinem Artikel Religionen als (die besseren) Wissenschaften? Überlegungen zur modernen Selbstverortung von religiösen Bewegungen am Beispiel von ISKCON die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmung von Religion und Wissenschaft in der Gesellschaft. Als Beispiel dient ihm die ISKCON, die Internationale Gesellschaft für Krishna Bewusstsein, welche versucht, sich als ideale Wissenschaft zu positionieren.

Religion behält ihre gesellschaftliche Bedeutung

Diese Einzelbeispiele bieten interessante Einsichten darüber, wie Religionen und säkulare Bewegungen in verschiedenen Gesellschaften heute agieren und miteinbezogen werden. Durch diese breite Darstellung fehlt dem Buch aber ein wenig der Zusammenhalt und die Einzelbeispiele stehen ein wenig leer im Raum. Das führt dazu, dass gewisse theoretische Hintergründe fehlen und beispielsweise José Casanovas Buch Public Religions in the Modern World (1994) mehrmals erwähnt wird, ohne dass näher darauf eingegangen wird. Die einzelnen Artikel in Religionspolitik – Öffentlichkeit – Wissenschaft tragen somit zu einem besseren Verständnis der Rolle von Religion bzw. Religionen in der Gegenwart bei, sind jedoch für Leser ohne theoretisches Hintergrundwissen eher schwer verständlich. Für die Forschung oder für konkrete Informationen zu einem Einzelfall ist das Buch auf jeden Fall lesenswert und zeigt: In ihrer Neuformierung ist Religion auch in modernen Gesellschaften nach wie vor relevant.


Baumann, Martin & Neubert, Frank (Hg.) (2011): Religionspolitik – Öffentlichkeit – Wissenschaft. Studien zur Neuformierung von Religion in der Gegenwart, CULTuREL Bd. 1. Zürich: TVZ.

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