Eroffnung Nacht der Religionen, Martin FischerVeranstaltungsbericht: Nacht der Religionen in Bern

Schon zum sechsten Mal fand am letzten Samstag (9. November) die Nacht der Religionen in Bern statt. Gefüllt mit 24 Veranstaltungen und offenen Türen bei insgesamt 29 Organisationen, warb die Nacht für gegenseitiges Verständnis und Toleranz. Das diesjährige Motto "Eins" sorgte dabei erstmal für Klärungsbedarf.

"Das Eine unter dem wir alle stehen." Unter diesem Leitsatz enthüllten Vertreter der verscheiden Religionsgemeinschaften in Bern am Campus Muristalden ein grosses Tuch mit einem Sternenhimmel darauf. Von allen gehalten wurde es langsam in die Höhe gezogen und schwebte schliesslich über den mehreren Hundert Besuchern der Eröffnungsveranstaltung zur Nacht der Religionen 2013. Der Platz in der grossen Eingangshalle hatte nicht für alle Interessierten ausgereicht, so dass die Besucher auf die Treppenaufgänge ausweichen mussten. Vertreten waren alle Altersklassen, von Schülern bis Pensionären. Ein klares Indiz dafür, dass Religion jeden interessieren kann, gleich ob er alt oder jung ist.

Das Motto 2013

Die Gruppe des Hauses der Religionen machte mit ihrem aufgespannten Sterntuch deutlich, dass alle Religionen, aber auch Atheisten und Dialogsuchende unter dem einen und selben Himmel stehen. Die Gestirne, bei denen sich eins um das Andere dreht, sollten den Menschen als Vorbild dienen.

Nacht der ReligionenSchon in seiner Begrüssung machte der Direktor des Campus Muristalden Martin Fischer deutlich, was hinter dem diesjährigen Motto "Eins" stand. Spirituell sind die Menschen auf der Suche nach Einheit. Fischer charakterisierte dabei ein gegenwärtiges Problem: "Heute ist alles dual, gleichzeitig wächst aber auch die Sehnsucht eins zu sein." Dieses Streben nach Einheit treibt auch die Bahá’í, die das diesjährige Motto vorgaben. Vertreter Werner Menzi betonte, wie zentral der Einssein für die Bahá’í ist. Sie streben mit weltweit etwa sechs Millionen Mitgliedern danach eine friedliche und geeinte Weltgesellschaft herzustellen. Dabei stellen sie alle Gottgesandten, wie Jesus, Mohammed oder Buddha in eine aufeinanderer aufbauende Reihe. "Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger", so die Bahá’í.

Die unterschiedlichen Interpretationen des Mottos machten die Veranstaltung bunt: So füllten Hindus eine Wasserschale als Symbol für Einheit mit verschieden farbigen Wasserflaschen. Auch wenn die Quellen unterschiedliche waren: "Der Inhaltsstoff von allem ist der gleiche, nämlich Liebe." Die christlichen Vertreter zogen einen Stern als Zeichen der Hoffnung auf Gott in die Höhe und die Aleviten zeigten eine Flamme als Symbol des einen Gottes. Die Muslime verstanden unter «Eins» auch die seelische und körperliche Reinheit und trugen zur Eröffnung ein Putzset bei. Die jüdische Gemeinde erinnerte durch eine Schweigeminute an die Opfer der Reichsprogromnacht vor 75 Jahren. Durch all diese Beispiele machten die Religionen klar, dass trotz verschiedener Sichtweisen, das Motto "Eins" durch den Einheitsgedanken auch etwas Verbindendes hat.

"Eins nach dem Andern"

Für die folgenden Stunden klang der Hinweis im Programmheft der Nacht der Religionen wie ein Aufruf zur Gelassenheit: "Eins nach dem Andern." Dieser tat auch Not, denn angesichts des breiten Angebots von Stadtrundgang, Ausstellung, Theater, Konzert, Vortrag bis hin zur Podiumsdiskussion fiel die Auswahl schwer. Alles findet gleichzeitig statt. Ein echtes Grundproblem der Nächte der Religionen. Der grosse Vorteil der verschiedenen Orte und Angebote ist aber die Möglichkeit für den Besucher, sich auf seine eigene Art und Weise der jeweiligen Gemeinschaft anzunähern. Wer will, schaut, hört zu oder diskutiert gleich mit. Die Nacht der Religionen bietet die Chance der offenen und vorurteilsfreien Begegnung und Annährung. Ganz im Sinne des interreligiösen Dialogs können Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdeckt werden. Es bilden sich Respekt und Verständnis, auch wenn manches Ritual fremd anmutet.

Nacht der Religionen, AlevitenKultur erlebbar machen

Rund um das Haus der Religionen erfüllten Farben und exotisches Gerüche die Nacht. Hier gab es die Möglichkeit einer tamilischen Puja beizuwohnen. Wer nicht mehr in den bunt gefüllten Raum hineinkam, genoss draussen einen indischen Kaffee mit viel Milch und Zucker und Petha (Süssigkeiten). Auch dies gehört zur Nacht der Religionen: Die eigene Kultur erlebbar machen. Nicht nur durch Räume, Menschen und Worte, sondern auch geschmacklich. So boten die Aleviten in ihrer Teestube orientalischen Pfefferminztee und süsse Köstlichkeiten an. Ein Stockwerk darüber erklärte eine Vorsteher des alevitischen Vereins, was seine Religion ausmache. Der einzelne Gläubige versucht mit seinem inneren Göttlichen ins Gespräch zu kommen. Damit wollen die Aleviten den Hass der Dualität überwinden und «ein» Mensch werden. Um mit Gott (Hakk) zu kommunizieren nutzen sie die Cem Zeremonie mit meditativen Tänzen. Das Publikum nutze hier auch die Gelegenheit Fragen zu stellen: "Sind denn die Aleviten nicht ein Teil des Islam?" Der Vertreter begegnete mit einem entschiedenen "Nein: Die Gottesvorstellung ist eine komplett andere."

Zeit weiter zu ziehen, denn viele Kirchen in der Altstadt boten ein anspruchsvolles Programm. Dabei standen Musik und Gesang im Mittelpunkt. Während im Münster die zeitweise schaurigen Töne von Viktor Ullmann Opern erklangen, sang in der Französichen Kirche der Chor der Nationen. In der christkatholischen Kirche Peter und Paul erlebten die Besucher ein Abendgebet im Stil der Ostkirche. Ein Ort um ruhig zu werden und zu lauschen. Die Abfolge des Gebets in den Chor der Kirche kannten die Besucher nicht. Repektvoll standen sie immer auf, wenn sie das Gefühl hatten, dass es passend wäre.

Spaziergang durchs nächtliche Bern

Vorbei an den leuchtenden Religionsorten führte die letzte Veranstaltung des Abends in die zentrale Heiliggeist Kirche am Bahnhof. Hier gipfelte die Zusammenarbeit der verschiedenen Religionen in einem ebenfalls musikalischen Schlusspunkt, für den eifrige Helfen noch kurzerhand Programme falteten und ihren Gesang probten. Am asiatisch dekorierten Altar versammelte sich derweil eine der vielen Jugendgruppen, die an der «Nacht der Religionen» überall präsent waren. Ihren Lehrern ging es vor allem darum Verständnis für das Fremde zu fördern und Religionen in einem anderen Licht zu präsentieren. An der Nacht der Religionen konnten sie lernen, dass Religionen durchaus nicht ein und dasselbe also beliebig sind, sondern vielmehr dass Einheit trotz aller Unterschiede möglich ist. 

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