Das Christentum lehrt, das Leben nach dem Tod spiele sich im Himmel ab. Der Himmel ist das Gegenstück zur Erde und das ewige Leben, wonach Christen streben, ist doch um einiges angenehmer als unerlöst auf der Erde herumzutappen, oder etwa nicht? Findet der Mensch nicht erst im Himmel seinen Frieden? Ist es demnach egal, wie die Menschen mit der Erde umgehen, wenn sie doch ohnehin erst im Himmel ewiges Leben erlangen?
                  

Gegenspieler Himmel - Erde

Solche provokanten Fragen mögen empören, aber auch zum Nachdenken anregen. Sicherlich, die moderne Kirche ruft heutzutage nicht zur zügellosen Ausbeutung der Erde auf. Sie betrachtet den Menschen auch nicht mehr als Herrscher über Erde und Meere, aber ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt doch, dass das Christentum lange Zeit ein anderes Welt- und Menschenbild vertrat.

„Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“ (Gen, 1,28).

Der Mensch beherrscht die Erde

Dieser Ausspruch Gottes in der Schöpfungsgeschichte kann als Grundübel der menschlichen Übermachtstellung über die Natur angesehen werden. Unterwerfen soll der Mensch die Erde, beherrschen soll er sie, als Mächtiger steht er auf der Erde. „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn“ (Gen, 1,27). Auch dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen wurde, quasi als die höchste Stufe der Lebewesen

auf der Erde lässt den Schluss zu, dass andere Lebensformen wie Tiere und Pflanzen nicht gleich geschätzt werden wie der Mensch. Gottesgleich könnte der Mensch ja geradezu allmächtig sein; sein Wille geschehe, andere hätten sich zu unterwerfen.

Ausbeutung der Umwelt

Lange Zeit war die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Christentum und Umweltschutz nicht relevant. Was sollte eine Religion, die doch primär für das Seelenheil ihrer Anhänger zuständig ist, auch mit derart weltlichen Themen wie Umweltzerstörung, Verlust von Lebensräumen und ähnlichem zu tun haben? Hier möchte man verteidigend einspringen und argumentieren, dass das Interesse an Umweltschutz ohnehin ein Merkmal unserer modernen Zeit ist und erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt diskutiert wird. Dass sich das Christentum aus dieser Diskussion allerdings auch nicht heraushalten kann, ist die andere Seite.

1967 verfasste Lynn White mit seinem Aufsatz „The Historical Roots of Our Ecologic Crisis“ ein Standardwerk, das noch heute oftmals herangezogen wird, um mögliche Zusammenhänge zwischen Religion und Ökologie aufzuzeigen. Seiner Ansicht nach ist das Christentum die anthropozentrischste Religion überhaupt, da es den Menschen als Abbild Gottes in den Mittelpunkt stellt.

Bis zur immer schneller fortschreitenden Industrialisierung war der Mensch in grossem Masse abhängig von dem Boden, den er bewirtschaftete. Der Mensch war TEIL der Erde. Zeitgleich mit der technischen Entwicklung entfernte sich der Mensch fortschreitend von seiner Umwelt und lebte nun immer mehr AUF der Erde, anstatt sich als Teil ihrer zu sehen. Der Dualismus zwischen Mensch und Umwelt, die Ansicht, dass dies zwei gegensätzliche Dinge seien, wird oftmals als tiefgehende Wurzel der Umweltkrise gesehen. Denn wäre der Mensch tatsächlich TEIL der Erde – würde er seine Umwelt dann so ausbeuten, wie wir es in den letzten Jahrhunderten getan haben?

 

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Ganzheitliche Sicht von Mensch und Umwelt

Eine ganz andere Denkweise bieten alternativ-spirituelle Religionen an. «Was ist heilig?» bezieht sich dabei oft nicht nur auf übersinnliche Phänomene, sondern Heiliges kann überall gefunden werden. Ein Baum, der einen besonders berührt. Spezielle Orte in der Natur, die Kraft geben. Steine, welche Mut machen oder in anderer Weise belebend wirken. Heilig kann demnach vieles sein. Und würde man rücksichtslos ganze Wälder fällen, wenn Bäume doch heilig sein können? Würden wir Quellen und Flüsse verseuchen, die doch das Wasser des Lebens sind? Allein dieser veränderte Blickwinkel kann dazu führen, dass sich der Mensch wieder mehr als Teil der Erde fühlen kann, anstatt sie zu beherrschen. Manche gehen sogar so weit zu sagen, jemand sei spirituell, wenn er/sie umweltbewusst lebt. Spiritualität wird oftmals verstanden als ein Sich-Zurückziehen aus der materialistischen Welt, als eine andere Umgangsform mit dem Status der Menschheit. Der Holismus, die Ganzheitlichkeit ist in alternativ-spirituellen Formen stark ausgeprägt und betont, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind, zueinander in Beziehung stehen.

Nun stellt sich jedoch die Frage: Muss ich dafür in die Esoterik gehen? Kann das Christentum nicht auch Impulse dafür liefern, den Menschen wieder etwas ganzheitlicher zu betrachten?

Grosses Potenzial von Kirchen

So strikt wie die Schöpfungsgeschichte noch zu Zeiten der Industrialisierung Europas ausgelegt wurde, wird sie heute nicht mehr betrachtet. Moderne Auslegungen fokussieren auf die wunderbare Schöpfung, die Gott den Menschen schenkt. Man muss sich die Erde nicht untertan machen, um sie zu nutzen. Blinde Zerstörung und Ausbeutung ist wohl nicht im Sinne Gottes, sondern eher ein respektvolles Nutzen der natürlichen Ressourcen. Indem die Kirche stärker die Schönheit und Vielfalt der Schöpfung betont, kann sie das Bewusstsein für das Wundervolle, das Ganze schärfen und dem Umweltschutz damit sehr dienen.

Woher kommt dieser Sinneswandel, der Mensch solle sich die Erde nicht mehr sprichwörtlich untertan machen? Eine Antwortmöglichkeit liegt in der Interpretation des fraglichen Bibeltextes. Es ist wichtig, die gesellschaftlichen Umstände und die Zeit zu beachten, in der die Interpretation stattfindet. Zweifelsohne hat sich die Menschheit in den letzten Jahrhunderten rasant entwickelt und viele überholte Weltbilder und Wertevorstellungen zugunsten moderner Ansichten abgelegt.

Ein Herrscher muss auch nicht notwendigerweise nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein und möglichst viel aus seiner Herrschaft profitieren. Zur selben Zeit ist ein Herrscher auch für das von ihm beherrschte Gebiet verantwortlich. Er hat es zu schützen und zu bewahren. Verantwortungsvolle Herrschaft ist demnach nicht ausbeuterisch, sondern sieht in ihrer Macht vor allem die Aufgabe, bewusst mit den beherrschten Gebieten umzugehen. So gilt es auch für die Natur. Der Mensch mag sie zwar in dem Sinne beherrschen, dass er ihre Ressourcen für seine Zwecke nutzt, aber gleichzeitig hat er auch die Verantwortung, die Natur zu schützen.

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Ökotheologie: Harmonie oder Humbug?

Eine Sparte der Theologie, die sich intensiv mit theologischen Fragen zum Umweltbewusstsein auseinandersetzt, ist die Ökotheologie. Das Ziel der Ökotheologie ist die Schaffung einer theologischen Basis für eine gesunde Beziehung zwischen Gott, der Menschheit und dem Kosmos. Dazu ist es notwendig, dem Menschen einen geeigneten Platz auf der Erde zuzuweisen und das Bewusstsein zu schärfen, dass Erde und Menschen nicht voneinander getrennt werden können.

Die Ziele der Ökotheologie können begeistern und manche kritische Stimmen zum Christentum mögen nun meinen, die christliche Theologie würde alte, ausgediente Ansichten zum Status des Menschen endlich über Bord werfen. Andererseits wird auch die Ökotheologie selbst heftig kritisiert, weil sie zu vereinfachend sei und evolutionstheoretische Konzepte nicht berücksichtige. Lisa Sideris meint, die Ökotheologie mache es sich zu einfach, wenn sie von einer Gleichrangigkeit aller Lebewesen ausgeht. Seit Darwin gilt das Naturgesetz des Stärkeren als anerkannt. Der Löwe reisst die Gazelle, der Adler fängt das Murmeltier. Das schwächere Tier stirbt in diesem Fall – von Gleichrangigkeit keine Spur. In der Natur passieren zweifelsohne auch unschöne Dinge; ein Paradies ist die Natur für viele Tiere keineswegs, sondern vielmehr ein Kampfplatz ums Überleben. Sideris wehrt sich vehement gegen die ökotheologische Annahme, dass solche unerfreulichen Fälle die Folge des alttestamentarischen Sündenfalls seien. In der Biologie hätten biblische Geschichten nichts verloren. Wenn Gott es so eingerichtet hat, dass manche Tiere sich von anderen ernähren, sei dies so anzuerkennen. Sich selbst ein idealistisches Weltbild zu stricken würde demnach heissen, Gottes Willen nicht zu respektieren.

Wie hat’s die Natur also mit der Religion?

Ansätze zum Umgang zwischen Natur und Religion gibt es unzählige. Dieser Artikel beleuchtet nur einen kleinen Ausschnitt der Thematik und ist auch nur auf das Christentum beschränkt. Andere Religionen haben andere Zugänge zur Umwelt, haben ein unterschiedliches Menschenbild und stehen in einer anderen Beziehung zur Natur.

Dass sich Religionen mit dem Thema Umweltschutz beschäftigten, ist nur begrüssenswert, da Religionen ein wichtiger Gesellschaftsplayer sind und ihren Teil dazu beisteuern können, die weltweite Umweltzerstörung zu verringern.

Das Christentum – und andere Religionen – gelten als Experten für moralische Fragen. Mit ihrem Know-how können sie auch Antworten auf komplexe Fragen finden. «WIE möchte der Mensch leben?» ist eine Frage, auf die es keine einzig richtige Antwort gibt. Religionen können aber im Dschungel unzähliger Lebensentwürfe Wegweiser dafür sein, in welche Richtung es gehen könnte.


 Literatur:

Bloch, Jon P. „Alternative Spirituality and Environmentalism“. In Religion and the environment, herausgegeben von Roger S. Gottlieb, 301–22. Critical concepts in religious studies 4. London ; New York: Routledge, 2010.                                                     

Carroll, John E. Sustainability and spirituality. Albany: State University of New York Press, 2004.

Deane-Drummond, Celia. Eco-theology. London: Darton, Longman and Todd, 2008.

Gardner, Gary T. Inspiring progress: religions’ contributions to sustainable development. New York: W.W. Norton, 2006.

Gottlieb, Roger. „You Gonna Be Here Long? Religion and Sustainability“. Worldviews: Global Religions, Culture, and Ecology 12, Nr. 2 (2008): 163–78. doi:10.1163/156853508X359967.

Sideris, Lisa H. „Religion, Environmentalism, and the Meaning of Ecology“. In The Oxford handbook of religion and ecology, herausgegeben von Roger S. Gottlieb und Mary Evelyn Tucker, 446–64. New York: Oxford University Press, 2006.

Thomas, Lyn, Hrsg. Religion, consumerism and sustainability: paradise lost? Consumption and public life. Houndmills, Basingstoke, Hampshire ; New York: Palgrave Macmillan, 2011.

White, Lynn. „The Historical Roots of Our Ecologic Crisis“. Science 155, Nr. 3767 (3. Oktober 1967): 1203–7. doi:10.1126/science.155.3767.1203.


 

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