Als Mormonen werden Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bezeichnet. Da die Religionsgemeinschaft aus den USA stammt, ist deren ursprüngliche Bezeichnung englisch (Latter-Day-Saints). Auch die Abkürzung LDS ist sehr gebräuchlich und wird von den Mitgliedern selbst so verwendet.

Mormonen glauben, dass sich die ersten Christen nach Jesus während der „Grossen Apostasie“ (griechisch: Abfall, Wegtreten) von der „wahren Lehre“ abwandten. Diese sogenannte „Fülle des Evangeliums“ war danach 1500 Jahre verschollen und wurde erst durch den Gründer des Mormonentums – Joseph Smith – wiederhergestellt. Der Begriff „Heilige der letzten Tage“ deutet auf die Unterscheidung zu den Heiligen der ersten Tage hin, womit die ersten Christen zur Zeit der Apostel gemeint sind.

Verbreitung und Organisation

Zu den Mormonen können etwa 70 Religionsgemeinschaften gezählt werden, die sich im Laufe der Zeit nach der Gründung der ersten Mormonengemeinschaft (1830) abgespalten hatten. Heute sind die Mormonen hauptsächlich im Westen der USA beheimatet, vor allem im Staat Utah, wo beinahe 70 % der Bevölkerung den Latter-Day-Saints angehören. Dies hat historische Gründe, da die frühen Mormonen aus dem Osten der USA, wo sie ihre Kirche gegründet hatten, vertrieben wurden und im Laufe des „Grossen Zugs nach Westen“ am Great Salt Lake eine neue Heimat fanden. Utah wurde als „Zion“, als ihr gelobtes Land angesehen. Dort bewirtschafteten die Mormonen die unwirtliche Gegend sehr erfolgreich und nannten ihre neue Heimat „Deseret-Terretorium“. Erst 1896 wurde Deseret unter dem Namen „Utah“ als Bundestaat in die Vereinigten Staaten aufgenommen. Salt Lake City, die heutige Hauptstadt, wurde zum Zentrum der Mormonen und beherbergt noch heute den Haupttempel.

 

Historische Entwicklung

Im frühen 19. Jahrhundert fand man in den USA eine grosse Vielfalt an Religionsgemeinschaften. Zahlreiche Erweckungsbewegungen, Offenbarungen und Verkündigungen eines erneuten Kommens Jesu Christi versetzten das Land in einen religiösen Taumel und die Vielzahl an Presbyterianern, Methodisten, Siebenten-Tags-Adventisten, Baptisten usw. war nicht mehr überschaubar. Inmitten dieser religiösen Unsicherheit stellte Joseph Smith die Frage nach der „wahren Religion“.

Joseph Smith wurde 1805 als Kind einer armen Farmersfamilie in Vermont (USA) geboren. Seine Eltern waren tief religiös, aber nicht einheitlich einer Kirche angeschlossen. Mit 14 Jahren geht Joseph in den Wald, um dort im Gebet Gott zu fragen, welcher Religionsgemeinschaft er sich anschliessen solle. Im Wald erscheinen ihm zwei gleissend helle Lichtgestalten, die Gott und Jesus Christus darstellen. Sie sagen Joseph, dass er sich im Moment keiner Kirche anschliessen dürfe, da deren wahre Botschaft im Laufe der Zeit verfälscht wurde. Drei Jahre später hat Joseph wieder eine Vision, in der ihm der Engel Moroni als Bote Gottes erscheint und ihm aufträgt, die Fülle des wahren Evangeliums wiederherzustellen.

Mit der Veröffentlichung des Buches Mormon 1830 wurde die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Fayette im Bundestaat New York offiziell gegründet. Durch Taufen wuchs die kleine Gemeinschaft rasch. Ihr wurde aber auch feindselig begegnet, da sie mit dem Buch Mormon quasi eine „zweite Bibel“ geschaffen hatte, was manche als ungeheuerliche Anmassung betrachteten. Andere jedoch fanden in ihrem Inhalt Antworten auf Fragen, die ihnen die Bibel nicht geben konnte. mormonen

 

Lehre

Ein zentrales Element des Glaubens der Mormonen ist das Buch Mormon. Gemäss der Vision Joseph Smiths erzählt ihm der Engel Moroni von Goldplatten, die ganz in der Nähe seines Hauses versteckt sind. Auf diesen Goldplatten befinden sich Berichte der Ureinwohner Amerikas, die schon vor Jahrtausenden den Kontinent besiedelt hatten. Moroni selbst war der letzte Berichtschreiber dieses Volkes. Joseph Smith solle die Goldplatten aus dem Hügel Cumorah bergen und den Text übersetzen. Um die «reformierten altägyptischen Schriftzeichen» lesen zu können, braucht Joseph Smith die «Sehersteine Urim und Thummim». Mithilfe dieser kann er die unbekannte Schrift mühelos entziffern und diktiert den Text seiner Frau Emma sowie Oliver Cowdery, der einer der ersten Anhänger der neuen Glaubensgemeinschaft wird.

Der Inhalt dieser goldenen Platten wird zum Buch Mormon. Darin wird von den frühen Juden berichtet, die vor der Zerstörung Jerusalems flüchten und unter der Führung von Lehi und Nephi per Schiff über das Meer nach Amerika gelangten. Ihre zahlreichen Nachkommen teilen sich in zwei Gruppen auf, von denen die Nephiten (von Nephi abstammend) weisse Haut haben und die Gebote Gottes folgsam beachten. Die Lamaniten (Lehis Nachkommen) hingegen haben dunkle Hautfarbe und wurden ein «faules und schmutziges Volk». In einem Kampf besiegten die Lamaniten die Nephiten und wurden somit zu den Vorfahren der Indianer. Als letztem Berichtschreiber gelang es Moroni, die Geschichte der Nephiten im Hügel Cumorah zu verstecken.

Das Glaubensverständnis der Mormonen beruht hauptsächlich auf der «wiederhergestellten Kirche» und den «neuen Offenbarungen».

Die «wiederhergestellte Kirche» geht davon aus, dass die frühen Christen vom wahrem Glauben abgefallen waren und somit die wahre Lehre verloren gegangen war. Erst durch Joseph Smith wurde die Kirche wiederhergestellt und somit ist das Mormonentum die «wahre Kirche». In dieser Kirche spielt auch das «einzig vollmächtige Priestertum» eine wichtige Rolle. Die Mormonen kennen zwei Arten von Priestertum, das aaronische und das melchizedekische Priestertum. Joseph Smith und Oliver Cowdery empfingen von Johannes dem Täufer das aaronische, sowie von den Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes das melchizedekische Priestertum. Während das aaronische Priestertum zur Taufe und Vergebung der Sünden befähigt, berechtigt das höhere, melchizedekische Priestertum den Priester zu allen geistigen Segnungen der Kirche und verleiht ihm die Gabe, himmlische Offenbarungen zu empfangen.

Der Grund für die Notwendigkeit der «neuen Offenbarungen» liegt gemäss dem mormonischen Glaubensverständnis darin, dass in der Bibel noch nicht alles gesagt wurde, sondern laufend neue Lehren hinzukämen. Joseph Smith hatte zu seinen Lebzeiten als einziger die Gabe, Offenbarungen zu empfangen und gab dies an seine Nachkommen, die Mormonenpräsidenten, weiter. Heute gelten die Erste Präsidentschaft und das Kollegium der Zwölf Apostel als Empfänger von Offenbarungen, welche für die ganze Kirche von Bedeutung sind.

 

Religiöse Praxis

Das alltägliche Leben von Mormonen ist betont lebensfroh, da sie sich an den Spruch aus 2. Nephi 2,25 halten: «Menschen sind, dass sie Freude haben können.» Der Konsum von Alkohol und Tabak hingegen ist verboten.

Familie
Die Familie hat einen zentralen Stellenwert im Leben von Mormonen. Mitglied in der Gemeinschaft wird man durch die Taufe. Ab dem Alter von acht Jahren können Kinder getauft werden, die Säuglingstaufe wird nicht praktiziert. Da die Familie und Vorfahren eine derart wichtige Bedeutung für die Mormonen haben, sind sie führend im Bereich der Ahnenforschung. Aus der ehemaligen Genealogischen Gesellschaft von Utah ging das Portal familiysearch.org hervor, das Millionen von Daten enthält und es somit jedem ermöglicht, seine Ahnen aufzuspüren. Mormonen sehen sich immer wieder dem Vorwurf der Polygamie ausgesetzt. In ihren Anfängen praktizierten die Anhänger Joseph Smiths und er selbst tatsächlich noch Polygamie, seit 1890 ist die Mehrehe jedoch von der Kirche verboten.

Rituale im Tempel
Zentrales Element im religiösen Leben von Mormonen sind die Rituale, welche im Tempel vollzogen werden. In den meisten Fällen gehen Ehepaare gemeinsam in den Tempel, vollziehen die Rituale dort jedoch getrennt voneinander. Nicht-Mormonen haben zum Tempel keinen Zutritt, und auch die Gläubigen selbst müssen sich gründlich auf ihren Tempelbesuch vorbereiten. Zu den Voraussetzungen zählen moralische Reinheit und Würdigkeit, den Tempel betreten zu dürfen. Zudem muss ein Tempelempfehlungsschein des Gemeindevorstehers vorgewiesen werden. Beim Besuch des Tempels trägt man spezielles Priestertumsgewand. Im Zuge der sogenannten «Endowments» (etwa: Ausstattung, Begabung) werden die Ritualteilnehmer (Patrons) mit Waschungen, Salbungen, Belehrungen und geheimen Zeichen (Tokens) ausgestattet. Dabei erhalten sie auch einen «neuen Namen», der der Bibel entlehnt ist (z.B. Mose, Joseph, Abraham, Maria, Marta, etc.). Alle Rituale folgen einem genau festgelegten, detaillierten Ablauf.

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Stellvertretende Taufe für Tote
Zum Merkmal des Mormonenkults gehört auch die stellvertretende Taufe für Tote. Dabei empfangen Menschen als Stellvertreter für verstorbene Ahnen die Taufe. Hintergrund dieser Zeremonie ist die Überlegung, dass es Tausende Menschen gibt, die vor ihrem Tod nie etwas von Gott und Jesus gehört hatten, oder aber der «falschen Lehre» angehangen haben. Da sie nicht die mormonische Taufe erhalten hatten, bewegen sich ihre Seelen nun in einem Zwischenreich und haben nie die Möglichkeit, mit Gott und ihren Familienmitgliedern vereint zu sein. Durch die stellvertretende Taufe wird dieser Missstand behoben.

Siegelungen
Eine weitere wichtige Zeremonie, die im Tempel vollzogen wird, ist die «Siegelung». Vorwiegend werden dabei Ehepaare aneinander gesiegelt, aber auch Kinder können an ihre Eltern gesiegelt werden. Der Zweck dieser Siegelungen ist einerseits die Ehe der Partner im Diesseits, andererseits auch die unzerstörbare Ehe nach dem Tod. Die Siegelungen versprechen den Familien, auf immer und ewig verbunden zu sein und auch nach dem Tod in Gottes Reich vereint zu sein.

Missionierung
Zu den Pflichten junger Mormonen, Mädchen wie jungen Männern, gehört es, für einige Monate auf Mission zu gehen. Dabei werden die jungen Erwachsenen oftmals weit weg ihrer Heimat eingesetzt, wie es auch in der Schweiz zu beobachten ist, wenn (hauptsächlich) junge Männer in schwarzem Anzug, mit schwarzer Namenplakette, zu zweit unterwegs sind, um mit Menschen über ihren Glauben zu sprechen. Finanziert werden muss dieser Missionseinsatz von den Familien selbst.

 

Besonderheiten in der Schweiz


Laut eigenen Angaben gibt es in der Schweiz knapp 8'500 Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, während es in ganz Europa knapp eine halbe Million sind. Weltweit sind etwa 15 Millionen Menschen Mitglied der Latter-Day-Saints. In Zollikofen (Bern) befindet sich ein Tempel. Erstmals kam das Mormonentum 1850 nach Genf und von dort aus in die Deutschschweiz. Der deutsche Begriff «Pfahl» bezeichnet ein Gebiet ähnlich einer Diözese oder eines Bezirks, in dem mehrere Gemeinden zusammengeschlossen sind und von einem Pfahlpräsidenten geleitet werden.

Literatur

Ballard, M. Russell: Unser Weg, glücklich zu sein die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage stellt sich vor, Bad Reichenhall: LDS Books 1995.

Gräub, Christian: Chronik der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in der Schweiz: 1850 bis 2003., Zürich: C. Gräub 2003.

Hauth, Rüdiger: Die Mormonen: Geheimreligion oder christliche Kirche? ; [Sekte oder neue Kirche Jesu Christi?] ; ein Ratgeber, Freiburg: Herder 1995.

Mössmer, Albert: Die Mormonen: die Heiligen der letzten Tage, Solothurn: Walter 1995.

„Häufige Fragen über Mormonen“, http://www.presse-mormonen.at/artikel/haeufige-fragen (abgerufen am 09.02.2017).

„Mormon.org | Glaubensgrundsätze und Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, https://www.mormon.org/deu (abgerufen am 09.02.2017).

„Schweiz - Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, http://www.hlt.ch/ (abgerufen am 09.02.2017).

Hier entstehen lexikonähnliche Beiträge zu jüdischen Strömungen.

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Hier entstehen lexikonähnliche Beiträge zu islamischen Strömungen.

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Hier entstehen lexikonähnliche Beiträge zu hinduistischen Strömungen.

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Hier entstehen lexikonähnliche Beiträge zu buddhistischen Strömungen.

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Hier entstehen lexikonähnliche Beiträge zu Formen von Areligiosiät.

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Hier entstehen lexikonähnliche Beiträge zu Formen von alternativen Religionen.

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Die religiöse Landschaft der Schweiz in ihrer aktuellen Zusammensetzung und Beschaffenheit ist auf die historische Entwicklung generell, Migrationsströme, rechtliche Rahmenbedingungen für religiöse Gemeinschaften in der Schweiz sowie auf sozioreligiöse Trends zurückzuführen.

Untenstehende Statistik (BFS) zeigt, dass die beiden traditionellen christlichen Landeskirchen mit 65,1% immer noch die dominanten Religionsgemeinschaften darstellen, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung (21,4%) sich aber als konfessionslos bezeichnet.

Diagramm Religionszugehörigkeit

Historische Entwicklung

Das Christentum als Religion geniesst historisch bedingt die Vorrangstellung in der Schweiz, verliert seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert jedoch seine Monopolstellung. Neben den etablierten reformierten, römisch-katholischen, christkatholischen und evangelikalen Kirchen finden sich auch verschiedene muslimische, hinduistische, buddhistische Glaubensgemeinschaften sowie diverse neue religiöse Bewegungen auf dem Vormarsch. Die evangelisch-reformierte Kirche als einst stärkste Religionsgemeinschaft der Schweiz verliert seit 1950 zunehmend an Mitgliedern. Auch die römisch-katholische Kirche verliert an Mitgliedern, wenn auch erst ab den 1970er Jahren, da der Mitgliederschwund durch Zuwanderungen aus katholisch geprägten Ländern wie etwa Italien, Spanien oder Portugal etwas verzögert wurde. Durch serbische Zuwanderung in Folge der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren wuchsen die christlich-orthodoxen Kirchen in der Schweiz, die zusammen mit den alt-orientalischen und den ostkirchlich Orthodoxen heute die viertgrösste Religionsgruppe in der Schweiz darstellen.

Obwohl das Judentum jene nicht christliche Religion ist, die am längsten in der Schweiz beheimatet ist, konnte über die Jahre hinweg kein Wachstum festgestellt werden. Umfangreicher als Juden sind heute in der Schweiz Muslime, Buddhisten und Hindus vertreten. Ab den 1960er-Jahren kamen zahlreiche Muslime aus der Türkei, dem Maghreb und Ex-Jugoslawien als Arbeitsmigranten in die Schweiz. In den 1980er- und 1990er-Jahren wuchs der Anteil an Muslimen noch zusätzlich durch Kriegsflüchtlinge und entsprechende Familienzusammenführungen. Seither ist nur ein moderater Zuwachs an Muslimen festzustellen. In Anbetracht der gegenwärtigen Syrien- und damit verbundenen Flüchtlingskrise, ist allerdings von einem Anstieg an muslimischen Migranten in Europa allgemein und gegebenenfalls in der Schweiz auszugehen. In diesem Zusammenhang gilt es, aktuelle Statistiken abzuwarten.

Die Präsenz von Hindus und Buddhisten in der Schweiz ist auf den Strom tibetischer Flüchtlinge in den 1960er-Jahren und denjenigen von Flüchtlingen aus Vietnam, Kambodscha und Sri Lanka (Tamilen) in den 1980er-Jahren zurückzuführen.

Die Schweiz ist heute als ein von religiösem Pluralismus geprägtes Land zu bezeichnen. Dennoch besitzen die Landeskirchen weiterhin den grössten gesellschaftlichen und institutionellen Einfluss, da sie gegenüber anderen Religionsgemeinschaften einige rechtliche Vorzüge geniessen. Mengenmässig machen die öffentlich-rechtlich anerkannten christlichen Kirchen (evangelisch-reformiert und römisch-katholisch) rund die Hälfte der 5'734 existierenden religiösen Gemeinschaften in der Schweiz aus.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für religiöse Gemeinschaften in der Schweiz

Artikel 15 der Schweizer Bundesverfassung gewährleistet die Religionsfreiheit sowohl in ihrer negativen (Freiheit von Religion) wie auch positiven (Freiheit zu Religion) Dimension. Positive Religionsfreiheit kann weiter in eine individuelle (individuelle freie Ausübung von Religion), kollektive (zusammengeschlossenes Ausüben von Religion) und korporative (in einer rechtlichen Institution verankertes Praktizieren von Religion) Freiheit eingeteilt werden. Während sich individuelle und kollektive Religionsfreiheit auf natürliche Personen beziehen, ist die korporative Freiheit im Zusammenhang mit juristischen Personen zu verstehen. Gerade die korporativen Rechte für Religionsgemeinschaften fallen in der Schweiz gemäss dem Subsidiaritätsprinzip kantonal verschieden aus und sind indes ein wichtiger Faktor für Unterschiede in der öffentlichen Präsenz und im Handlungsspielraum von Religionsgemeinschaften in der Schweiz. Je nach kantonaler Regelung organisieren sich Religionsgemeinschaften nämlich als privatrechtliche Vereine oder als öffentlich-rechtlich anerkannte Körperschaften. Letztere verfügen im Gegensatz zu privatrechtlichen Vereinigungen über hoheitliche Rechte wie etwa das Recht auf Steuerbezug und den erleichterten Zugang zu den öffentlichen Institutionen wie Schulen, Spitälern und Gefängnissen. Die Schweiz als klassische Vertreterin des Kooperationsmodells, bei dem Staat und Kirche zwar getrennt sind, aber in bestimmten Sachbereichen miteinander kooperieren, anerkennt mit Ausnahme der Kantone Genf und Neuenburg alle katholischen und evangelisch-reformierten Kirchen öffentlich-rechtlich. In den Kantonen Zürich, Bern, Luzern, Solothurn, Baselland, Baselstadt, Schaffhausen, St. Gallen und Aargau geniesst auch die christkatholische Landeskirche dieses Recht. Jüdische Gemeinden besitzen in den Kantonen Bern, Freiburg, Baselstadt und St. Gallen öffentlich-rechtlichen Status, während die Kantone Zürich und Baselstadt bestimmte jüdische Gemeinschaften öffentlich anerkennen, wodurch sie mit dem Staat enger kooperieren können. Die alevitische Gemeinschaft wird zudem 2012 als erste muslimische Religionsgemeinschaft im Kanton Basel Stadt öffentlich anerkannt. Alle anderen Religionsgemeinschaften sind privatrechtlich als Vereine oder Stiftungen organisiert.

Die mit den korporativen Rechten auch finanziell verbundenen Vorteile, die bis anhin nur den traditionellen christlichen Glaubensgemeinschaften gewährt werden, erlauben es diesen, breitflächig institutionell abgedeckt zu sein und ihre Präsenz durch soziale Aktivitäten zu markieren, während religiöse Diasporagemeinschaften wie beispielsweise die ohnehin kleine Sikh-Gemeinschaft ihre Religionsausübung lokal auf das Gebiet Langenthal beschränkt. Auch wenn für bestimmte immigrierte Religionen die rechtlich gesicherte Freiheit der Religionsausübung und die Möglichkeit eigenständiger Organisation einen Gewinn und neue Optionen darstellen, so etwa beispielsweise für Aleviten als Minderheit zwischen den sunnitischen und schiitischen Muslimen, so wird das Thema der fairen Verteilung korporativer Rechte auf Religionsgemeinschaften bzw. die rechtliche Gleichstellung religiöser Minderheiten immer dringlicher. Inwiefern ist es in Anbetracht eines zunehmenden Rückganges der Kirchenmitglieder noch gerechtfertigt, dass Kirchen gegenüber kleineren Religionsgemeinschaften privilegiert werden? Auch die Kirchensteuern für juristische Personen müssen, wenn sie aufrechterhalten werden sollen, auf fortwährende Legitimation in der Bevölkerung stossen.

Sozioreligiöse Trends

Die religiöse Gegenwart der Schweiz ist durch verschiedene, teilweise widersprüchliche Trends gekennzeichnet. Einerseits ist gemeinhin die Rede von einer Säkularisierung. Eine einst religiös geprägte Welt wird durch eine zunehmend profane, nicht mehr religiöse öffentliche Kultur ersetzt und ein Rückgang an gemeinschaftlicher Bindung hin zu einer Vergesellschaftung findet statt. Angesichts des Rückgangs der Mitglieder der Landeskirchen in der Schweiz (Entkirchlichung) ist tatsächlich von einer Säkularisierung zu sprechen. Deinstitutionalisierung von Religion zeigt sich ferner nicht nur im christlichen Mainstream. Beobachtet man allerdings Religiosität jenseits des institutionalisierten Rahmens, kann keineswegs von Säkularisierung, sondern vielmehr von einer Individualisierung und Privatisierung von Religion gesprochen werden. Diese meinen eine Individualisierung und Subjektivierung von Glaubensvorstellung und Religionspraktiken, die zur Privatsache des einzelnen Menschen werden. Demnach neigen Menschen heutzutage zu einer Religiosität, die das Individuum und dessen Erfüllung von persönlichen Wünschen berücksichtigt und es in seiner individuellen Suche nach Sinn begleitet. Mit dem modernen Individualismus von Religion ist auch eine Ablehnung vorgefertigter Sinnsysteme verbunden; Sinn wird vielmehr individuell durch ein Herauspicken aus verschiedenen Religionen zusammengeschustert. Dieses Vorgehen setzt allerdings den zuvor angesprochenen religiösen Pluralismus voraus, der erst die Möglichkeit bietet, dass Menschen Zugang zu verschiedenen Religionsgemeinschaften, aus denen sie auswählen können, haben.

In Bezug auf die Vergemeinschaftung lassen sich ebenfalls zwei widersprüchliche Entwicklungen feststellen. Zum einen geht eine Individualisierung von Religion mit der Herauslösung des Individuums aus einer festen Gemeinschaft einher. Zum anderen ist aber auch eine gegenläufige Tendenz in Form von „situativen Event-Vergemeinschaftungen“ festzustellen. Hierbei wird der Wunsch von Menschen, nach einer affektiven Wahlgemeinschaft, für die man sich nur momentan verpflichtet, als Phänomen einer gewissermaßen rückkehrenden Vergemeinschaftung beobachtet.

Alle diese Tendenzen verändern die religiöse Landschaft der Schweiz fortlaufend. Auf dem Hintergrund der möglichen rechtlichen Veränderungen bezüglich korporativer Religionsfreiheit, der Grundsatzfrage, auf welcher politischer Ebene Religionspolitik in der Schweiz geführt werden soll (Bundes- oder bis anhin Kantons-/Gemeindeebene), der Überfremdungsängste der Schweizer Bevölkerung sowie der Auslagerung staatlicher Aufgaben auf religiöse Gemeinschaften, bleibt Religion in der Schweiz Diskussionsthema und kehrt damit tatsächlich in die öffentliche Debatte zurück.

Quellen

Bochinger, Christoph (Hg.): Religionen, Staat und Gesellschaft. Die Schweiz zwischen Säkularisierung und religiöseer Vielfalt. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2012.

Hitzler, Roland et al. (Hg.): Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische und ethnographische Erkundungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008.

Loretan, Adrian et al.: Freiheit und Religion. Die Anerkennung weiterer Religionsgemeinschaften in der Schweiz. Münster: LIT, 2014.

Stolz, Jörg et al.: Die religiösen Gemeinschaften in der Schweiz. Eigenschaften, Aktivitäten, Entwicklung. Schlussbericht der National Congregation Study Switzerland (NCSS) im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58. Lausanne: Observatoire des religions en Suisse (ORS), 2011.

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