Die religiöse Landschaft der Schweiz in ihrer aktuellen Zusammensetzung und Beschaffenheit ist auf die historische Entwicklung generell, Migrationsströme, rechtliche Rahmenbedingungen für religiöse Gemeinschaften in der Schweiz sowie auf sozioreligiöse Trends zurückzuführen.

Untenstehende Statistik (BFS) zeigt, dass die beiden traditionellen christlichen Landeskirchen mit 65,1% immer noch die dominanten Religionsgemeinschaften darstellen, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung (21,4%) sich aber als konfessionslos bezeichnet.

Diagramm Religionszugehörigkeit

Historische Entwicklung

Das Christentum als Religion geniesst historisch bedingt die Vorrangstellung in der Schweiz, verliert seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert jedoch seine Monopolstellung. Neben den etablierten reformierten, römisch-katholischen, christkatholischen und evangelikalen Kirchen finden sich auch verschiedene muslimische, hinduistische, buddhistische Glaubensgemeinschaften sowie diverse neue religiöse Bewegungen auf dem Vormarsch. Die evangelisch-reformierte Kirche als einst stärkste Religionsgemeinschaft der Schweiz verliert seit 1950 zunehmend an Mitgliedern. Auch die römisch-katholische Kirche verliert an Mitgliedern, wenn auch erst ab den 1970er Jahren, da der Mitgliederschwund durch Zuwanderungen aus katholisch geprägten Ländern wie etwa Italien, Spanien oder Portugal etwas verzögert wurde. Durch serbische Zuwanderung in Folge der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren wuchsen die christlich-orthodoxen Kirchen in der Schweiz, die zusammen mit den alt-orientalischen und den ostkirchlich Orthodoxen heute die viertgrösste Religionsgruppe in der Schweiz darstellen.

Obwohl das Judentum jene nicht christliche Religion ist, die am längsten in der Schweiz beheimatet ist, konnte über die Jahre hinweg kein Wachstum festgestellt werden. Umfangreicher als Juden sind heute in der Schweiz Muslime, Buddhisten und Hindus vertreten. Ab den 1960er-Jahren kamen zahlreiche Muslime aus der Türkei, dem Maghreb und Ex-Jugoslawien als Arbeitsmigranten in die Schweiz. In den 1980er- und 1990er-Jahren wuchs der Anteil an Muslimen noch zusätzlich durch Kriegsflüchtlinge und entsprechende Familienzusammenführungen. Seither ist nur ein moderater Zuwachs an Muslimen festzustellen. In Anbetracht der gegenwärtigen Syrien- und damit verbundenen Flüchtlingskrise, ist allerdings von einem Anstieg an muslimischen Migranten in Europa allgemein und gegebenenfalls in der Schweiz auszugehen. In diesem Zusammenhang gilt es, aktuelle Statistiken abzuwarten.

Die Präsenz von Hindus und Buddhisten in der Schweiz ist auf den Strom tibetischer Flüchtlinge in den 1960er-Jahren und denjenigen von Flüchtlingen aus Vietnam, Kambodscha und Sri Lanka (Tamilen) in den 1980er-Jahren zurückzuführen.

Die Schweiz ist heute als ein von religiösem Pluralismus geprägtes Land zu bezeichnen. Dennoch besitzen die Landeskirchen weiterhin den grössten gesellschaftlichen und institutionellen Einfluss, da sie gegenüber anderen Religionsgemeinschaften einige rechtliche Vorzüge geniessen. Mengenmässig machen die öffentlich-rechtlich anerkannten christlichen Kirchen (evangelisch-reformiert und römisch-katholisch) rund die Hälfte der 5'734 existierenden religiösen Gemeinschaften in der Schweiz aus.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für religiöse Gemeinschaften in der Schweiz

Artikel 15 der Schweizer Bundesverfassung gewährleistet die Religionsfreiheit sowohl in ihrer negativen (Freiheit von Religion) wie auch positiven (Freiheit zu Religion) Dimension. Positive Religionsfreiheit kann weiter in eine individuelle (individuelle freie Ausübung von Religion), kollektive (zusammengeschlossenes Ausüben von Religion) und korporative (in einer rechtlichen Institution verankertes Praktizieren von Religion) Freiheit eingeteilt werden. Während sich individuelle und kollektive Religionsfreiheit auf natürliche Personen beziehen, ist die korporative Freiheit im Zusammenhang mit juristischen Personen zu verstehen. Gerade die korporativen Rechte für Religionsgemeinschaften fallen in der Schweiz gemäss dem Subsidiaritätsprinzip kantonal verschieden aus und sind indes ein wichtiger Faktor für Unterschiede in der öffentlichen Präsenz und im Handlungsspielraum von Religionsgemeinschaften in der Schweiz. Je nach kantonaler Regelung organisieren sich Religionsgemeinschaften nämlich als privatrechtliche Vereine oder als öffentlich-rechtlich anerkannte Körperschaften. Letztere verfügen im Gegensatz zu privatrechtlichen Vereinigungen über hoheitliche Rechte wie etwa das Recht auf Steuerbezug und den erleichterten Zugang zu den öffentlichen Institutionen wie Schulen, Spitälern und Gefängnissen. Die Schweiz als klassische Vertreterin des Kooperationsmodells, bei dem Staat und Kirche zwar getrennt sind, aber in bestimmten Sachbereichen miteinander kooperieren, anerkennt mit Ausnahme der Kantone Genf und Neuenburg alle katholischen und evangelisch-reformierten Kirchen öffentlich-rechtlich. In den Kantonen Zürich, Bern, Luzern, Solothurn, Baselland, Baselstadt, Schaffhausen, St. Gallen und Aargau geniesst auch die christkatholische Landeskirche dieses Recht. Jüdische Gemeinden besitzen in den Kantonen Bern, Freiburg, Baselstadt und St. Gallen öffentlich-rechtlichen Status, während die Kantone Zürich und Baselstadt bestimmte jüdische Gemeinschaften öffentlich anerkennen, wodurch sie mit dem Staat enger kooperieren können. Die alevitische Gemeinschaft wird zudem 2012 als erste muslimische Religionsgemeinschaft im Kanton Basel Stadt öffentlich anerkannt. Alle anderen Religionsgemeinschaften sind privatrechtlich als Vereine oder Stiftungen organisiert.

Die mit den korporativen Rechten auch finanziell verbundenen Vorteile, die bis anhin nur den traditionellen christlichen Glaubensgemeinschaften gewährt werden, erlauben es diesen, breitflächig institutionell abgedeckt zu sein und ihre Präsenz durch soziale Aktivitäten zu markieren, während religiöse Diasporagemeinschaften wie beispielsweise die ohnehin kleine Sikh-Gemeinschaft ihre Religionsausübung lokal auf das Gebiet Langenthal beschränkt. Auch wenn für bestimmte immigrierte Religionen die rechtlich gesicherte Freiheit der Religionsausübung und die Möglichkeit eigenständiger Organisation einen Gewinn und neue Optionen darstellen, so etwa beispielsweise für Aleviten als Minderheit zwischen den sunnitischen und schiitischen Muslimen, so wird das Thema der fairen Verteilung korporativer Rechte auf Religionsgemeinschaften bzw. die rechtliche Gleichstellung religiöser Minderheiten immer dringlicher. Inwiefern ist es in Anbetracht eines zunehmenden Rückganges der Kirchenmitglieder noch gerechtfertigt, dass Kirchen gegenüber kleineren Religionsgemeinschaften privilegiert werden? Auch die Kirchensteuern für juristische Personen müssen, wenn sie aufrechterhalten werden sollen, auf fortwährende Legitimation in der Bevölkerung stossen.

Sozioreligiöse Trends

Die religiöse Gegenwart der Schweiz ist durch verschiedene, teilweise widersprüchliche Trends gekennzeichnet. Einerseits ist gemeinhin die Rede von einer Säkularisierung. Eine einst religiös geprägte Welt wird durch eine zunehmend profane, nicht mehr religiöse öffentliche Kultur ersetzt und ein Rückgang an gemeinschaftlicher Bindung hin zu einer Vergesellschaftung findet statt. Angesichts des Rückgangs der Mitglieder der Landeskirchen in der Schweiz (Entkirchlichung) ist tatsächlich von einer Säkularisierung zu sprechen. Deinstitutionalisierung von Religion zeigt sich ferner nicht nur im christlichen Mainstream. Beobachtet man allerdings Religiosität jenseits des institutionalisierten Rahmens, kann keineswegs von Säkularisierung, sondern vielmehr von einer Individualisierung und Privatisierung von Religion gesprochen werden. Diese meinen eine Individualisierung und Subjektivierung von Glaubensvorstellung und Religionspraktiken, die zur Privatsache des einzelnen Menschen werden. Demnach neigen Menschen heutzutage zu einer Religiosität, die das Individuum und dessen Erfüllung von persönlichen Wünschen berücksichtigt und es in seiner individuellen Suche nach Sinn begleitet. Mit dem modernen Individualismus von Religion ist auch eine Ablehnung vorgefertigter Sinnsysteme verbunden; Sinn wird vielmehr individuell durch ein Herauspicken aus verschiedenen Religionen zusammengeschustert. Dieses Vorgehen setzt allerdings den zuvor angesprochenen religiösen Pluralismus voraus, der erst die Möglichkeit bietet, dass Menschen Zugang zu verschiedenen Religionsgemeinschaften, aus denen sie auswählen können, haben.

In Bezug auf die Vergemeinschaftung lassen sich ebenfalls zwei widersprüchliche Entwicklungen feststellen. Zum einen geht eine Individualisierung von Religion mit der Herauslösung des Individuums aus einer festen Gemeinschaft einher. Zum anderen ist aber auch eine gegenläufige Tendenz in Form von „situativen Event-Vergemeinschaftungen“ festzustellen. Hierbei wird der Wunsch von Menschen, nach einer affektiven Wahlgemeinschaft, für die man sich nur momentan verpflichtet, als Phänomen einer gewissermaßen rückkehrenden Vergemeinschaftung beobachtet.

Alle diese Tendenzen verändern die religiöse Landschaft der Schweiz fortlaufend. Auf dem Hintergrund der möglichen rechtlichen Veränderungen bezüglich korporativer Religionsfreiheit, der Grundsatzfrage, auf welcher politischer Ebene Religionspolitik in der Schweiz geführt werden soll (Bundes- oder bis anhin Kantons-/Gemeindeebene), der Überfremdungsängste der Schweizer Bevölkerung sowie der Auslagerung staatlicher Aufgaben auf religiöse Gemeinschaften, bleibt Religion in der Schweiz Diskussionsthema und kehrt damit tatsächlich in die öffentliche Debatte zurück.

Quellen

Bochinger, Christoph (Hg.): Religionen, Staat und Gesellschaft. Die Schweiz zwischen Säkularisierung und religiöseer Vielfalt. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2012.

Hitzler, Roland et al. (Hg.): Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische und ethnographische Erkundungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008.

Loretan, Adrian et al.: Freiheit und Religion. Die Anerkennung weiterer Religionsgemeinschaften in der Schweiz. Münster: LIT, 2014.

Stolz, Jörg et al.: Die religiösen Gemeinschaften in der Schweiz. Eigenschaften, Aktivitäten, Entwicklung. Schlussbericht der National Congregation Study Switzerland (NCSS) im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58. Lausanne: Observatoire des religions en Suisse (ORS), 2011.

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