Es ist ruhig in der Stadt. Zumindest verhältnismässig ruhig. Also im Vergleich zu den Stosszeiten. Zwar eilen auch jetzt einige gestresste, furchtbar wichtig aussehende Banker über den Paradeplatz, aber die Menschenmenge ist überschaubar. Während ich auf das nächste Tram warte, höre ich arhythmisch klackende Stilettos. Das Klacken kommt näher und mit ihm eine nicht ganz trittfeste Frau. Sie ist chic gekleidet, in einem knapp knielangen, beigen Jupe, einem passenden Blazer, schwarzen Strümpfen, einem mit Leopardenmuster bedrucktem Schleier und einer modernen Sonnenbrille.

Als sie vor mir vorbeistöckelt, bemerke ich die Prix Garantie-Bierdose in ihrer rechten Hand und die Bierfahne, die mir entgegenweht. Ich ertappe mich dabei, wie mich dieses Bild verstört: Eine schicke, betrunkene Muslima mit modischem Hijab, nachmittags um vierzehn Uhr, mit Bierdose, in aller Öffentlichkeit. Unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke auf, dass Muslim_innen doch keinen Alkohol konsumieren. Einen kurzen Augenblick später verabscheue ich mich für diese Denkweise! Wieso war ich gerade der Ansicht, dass alle Muslim_innen auf Alkohol verzichten? Weshalb glaubte ich zu wissen, dass eine verschleierte Muslima sicherlich keinen Alkohol trinkt? Bei Christ_innen gehe ich völlig selbstverständlich davon aus, dass sie persönlich entscheiden, welche Glaubensgebote sie befolgen wollen und welche nicht. Nur weil eine Person das Antlitz Jesus auf dem Oberarm tätowiert hat, ginge ich noch nicht davon aus, dass sie beispielsweise nicht untreu sein könnte. Ich stelle mir in keiner Sekunde die Frage, was die Christ_innen wohl tun würden. Bei der beobachteten Muslima habe ich jedoch genau eine solche Pauschalisierung vorgenommen: Den Hijab als Ausdruck einer religiösen Zugehörigkeit zu deuten ist das eine, von den hijabtragenden Muslimas zu erwarten, dass sie jede Sure im Koran für bare Münze nehmen, das andere. Bei längerem Nachdenken wurde mir bewusst, dass auch ich mich – so sehr ich mich bemühe – dem Klassifizierungs- und Stereotypisierungswahn der Gesellschaft nicht entziehen kann. Auch ich verfalle solchen Mustern. Auch an mir gehen die sowohl generalisierten, als auch generalisierenden Islamdarstellungen nicht spurlos vorbei.

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