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 An Kiosken, in Buchläden oder in Papeterien gibt es Mandalamalbücher zum Stressabbau, zur meditativen Vertiefung oder einfach zur Entspannung im Angebot. Der religiöse Kontext solcher Mandalas ist oft nicht bekannt. Mandalas werden vor allem im tibetischen Buddhismus auf sehr aufwendige Art und Weise praktiziert. Die vollendete Ästhetik der gestreuten Sandmandalas ist normalerweise nicht lange zu besichtigen, da es zum rituellen Hintergrund gehört, das Mandala nach dem streuen wieder aufzulösen, das heisst, der Sand wird in einen Fluss gestreut als Zeichen der Vergänglichkeit allen Seins. Das Streuen eines Mandalas ist eine meditative Handlung. Der Streuende ist voll und ganz auf das Mandala fokussiert.

Häufig werden Mandalas Dakinis gewidmet.  Eine Dakini ist eine „Himmelswandlerin“, eine Botin, die eine Verbindung zwischen dem Meditierenden und der Sphäre der Erlösung darstellt. Die Idee der Dakinis könnte auf den zentralasiatischen Schamanismus zurückzuführen sein, wo der Schamane in Trance die Seele auf Reisen schickt, um heilendes Wissen mitzubringen. Da es in der buddhistischen Philosophie keine Seele gibt, werden hier Dakinis verwendet, um Heilswissen von den sogenannten transzendenten Buddhas zu erlangen. Ein transzendenter Buddha ist zeitlos, den Naturgesetzen enthoben und immer präsent, weshalb sie auch gerne als „Meditationsgottheiten“ bezeichnet werden. Im Gegensatz steht der historische Buddha und auch andere Geistwesen, die jedoch vergänglich sind. Um eine Dakini anzurufen und Heilswissen zu erlangen, wird auf die Technik des Sandmandala Streuens zurückgegriffen. Das gestreute Mandala wird vorübergehend der Palast der Dakini. Ein Mandala ist das Zuhause von erleuchteten Göttinnen und Götter. Auf das Streuen des Mandalas folgt ein Ritual, das bestimmte Visualisierungstechniken, sowie das Rezitieren eines Mantras beinhaltet.
Das Mandala im Äußeren gilt als Ausdruck des inneren Mandalas, dass jeder in sich trägt. So wird ein struktureller Zusammenhang zwischen Allem gesehen. Von spezieller Bedeutung ist der strukturelle Zusammenhang zwischen dem Universum, dem Mandala und dem menschlichen Körper. Wie der Ew. Lopön Khenrab Woser sagt: “Durch die Erschaffung des äußeren Sandmandalas nehmen wir Verbindung zum inneren Körper- und Geist-Mandala auf.“

Literatur:

Schumann, Hans Wolfgang: Buddhistische Bilderwelt. Eugen Diederichs Verlag GmbH & Co. KG; Köln: 1986.
Brauen, Martin: Das Mandala: Der heilige kreis im tantrischen Buddhismus. DuMont, 1992.

 

Laura Zimmerli hat sich im Tibet Institut Rikon selbst im Sandmandala streuen versucht und berichtet hier wie es ihr dabei erging:

Im Kultraum des Tibet Instiut Rikon ist eine Gruppe von Menschen zusammengekommen. Kerzen brennen, Blumen zieren den Raum und auf einem kleinen Altar sind Kaffee, zwei Donuts und ein Schälchen „fried rice“ dargebracht.

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Ein Bild seiner Hoheit, des Dalai Lama hängt an der Wand. Eine angenehme Ruhe ist zu spüren und lädt einen ein, sich dazu zu setzen.
Der Tag im Tibet Institut Rikon ist der Kunst des Sandmandala streuens gewidmet – eine wichtige Meditationsform im tantrischen Buddhismus aus Tibet. Alle sind willkommen und dürfen teilnehmen. Der Leiter des Tagesseminars ist der Ew. (ehrwürdig) tibetische Mönch Lopön Khenrab Woser. Er gehört zur Mönchsgemeinschaft des Tibet Institut Rikons und leitet dieses Tagesseminar.
Heute streuen wir den Grundriss des sogenannten „5-fold Krodhini Santikara Yogini Mandala. Das dazugehörige Mantra heisst: „OM VAJRA DAKINI HUNG HUNG PHAT SWAMA“.

Egostrukturen auflösen

Die angebetete Dakini soll uns helfen, Egostrukturen aufzulösen und Abneigungen gegen Mitmenschen aufzugeben, was die Bedeutung des Mantras unterstützen soll.
Da wir uns in einer Übung befinden, bringt uns der Ew.  Mönch Lopön Khenrab Woser zuerst das Mantra bei, was nicht den üblichen Strukturen eines Sandmanadalarituals entspricht. Da müsste zuerst das Mantra gestreut werden, weil die Gottheit erst anwesend ist, wenn ihr Palast errichtet wurde. Er erklärt uns eine typische Visualisierungstechnik des tibetischen Buddhismus, die wie folgt abläuft: Uns wird ein Bild einer Dakini gezeigt, die wir visualisieren sollen. Dies kann schon eine große Herausforderung sein, denn die Darstellungen sind normalerweise mit vielen Details versehen. Nebst der Vorstellung der Dakini visualisiert man hinter sich einen geliebten Menschen, um sich seiner Anhaftungen bewusst zu werden. Vor einem wird ein Mensch visualisiert, den man nicht mag, wodurch das Mitgefühl und die Verbundenheit zu allen Lebewesen verstärkt werden soll. Links und rechts werden die Eltern visualisiert, da diese zentral in unserem Leben sind. Diese Bilder hält man nun vor dem geistigen Auge aufrecht und rezitiert dazu besagtes Mantra. So eine Meditation ist also eine hochkomplexe geistige Übung, die einen hohen Grad an Konzentration erfordert. Alle Teilnehmer setzen sich bequem hin, schließen die Augen, beginnen mit den Visualisierungen und versuchen, das Mantra zu rezitieren. Es stellt sich alsbald ein gleichmäßiges Murmeln ein. Wenn man nach der Meditation in die zufriedenen Gesichter mit den glänzenden Augen der Teilnehmer schaut, muss es die Mühe wert gewesen sein.

Erinnerung an Geometrieunterricht

Nach der Meditation sind alle TeilnehmerInnen motiviert, selbst ans Werk zu gehen und ein Sandmandala zu kreieren. Wir bekommen das nötige Material – Zirkel, Papier, Bleistifte und Radiergummis. Es erinnert ein wenig an den Geometrieunterricht aus der Primarschule. Eine Vorlage mit eingezeichneten Massen wird an verschiedenen Orten aufgehängt. Und so beginnt ein geschäftiges Abmessen und leises Beraten. Das Mandala soll im gleichen Verhältnis und in der gleichen Größe wie auf der Vorlage auf den Papieren erscheinen – eine herausfordernde und exakte Wissenschaft. Die TeilnehmerInnen zerbrechen sich an der einen oder anderen Stelle auch mal den Kopf darüber, wie die Größenverhältnisse sind oder wie das Dreieck den äußeren und den inneren Kreis an den richtigen Stellen schneiden kann. Und doch überkommt einem eine tiefe Stille während des Arbeitsprozesses. Mit Hilfestellungen untereinander oder auch vom ehrwürdige. Lopön Khenrab Woser schaffen es alle, das Mandala nachzuzeichnen.
Jeder darf frei Pause machen und sich auch mal in der wunderschönen Umgebung des Instituts die Beine vertreten oder einen tibetischen Buttertee trinken. Das Institut ist umrundet mit Wald und eine Wiese bietet Platz, um die Idylle zu genießen. Es ist ein wunderschöner Tag. Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Ein angenehmer Wind bläst die Friedensbotschaften der farbigen Fähnchen, die im tibetischen Buddhismus verwendet werden, in die Welt hinaus. Ein Milan zieht seine Runden über der Wiese und hält nach Mäusen Ausschau. Ob er wohl auch er die Friedensbotschaften der bunten Fähnchen vernimmt weiter trägt?

Bunter Sand auf vorgezeichneten Linien

Schliesslich ruft uns der Ew. Lopön Khenrab Woser zusammen und führt uns in die Kunst des Streuens ein. Dazu bekommen wir alle ein metallenes Werkzeug in Form einer Trompete und ein Hölzchen. Der Sand, den wir verwenden ist gemahlener Marmor. Ursprünglich wurden gemahlene Edelsteine verwendet, doch aus Kostengründen wird heutzutage oftmals gefärbter Marmor genommen. Denn das Mandala wird nach dem Streuen normalerweise in einen Fluss gestreut, um sich an die Vergänglichkeit aller Dinge zu erinnern. Es funktioniert so, dass ein wenig Sand in das Werkzeug gestreut wird. Man hält die Öffnung des Werkzeugs über die Stelle, wo man Sand haben will und beginnt, gleichmäßig mit dem Hölzchen auf den Rillen des Werkzeugs zu Reiben. Dadurch fällt der Sand durch die kleine Öffnung des Werkzeuges auf die gewünschte Stelle.

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Die TeilnehmerInnen sind alsbald damit beschäftigt, ihre vorgezeichneten Linien ihres Mandalas  zu streuen. Ein gleichmäßiges Geräusch, erinnernd an das Gezirpe von Grillen, wird dabei erzeugt. Es erfordert eine ruhige Hand und viel Konzentration. Reibt man das Hölzchen nicht gleichmäßig an das Rohr, wird auch die Linie nicht gleichmäßig. Die Resultate sind wunderschön und trotz der gemeinsamen Vorlage sehr individuell. Da das Mandala nach dem Beenden des Rituals, oder in unserem Fall heute, nach Beenden des Kurses, wieder aufgelöst wird, kommt der Sand zurück in den Behälter und wir alle bleiben mit leeren Händen, aber doch erfüllt zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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