Messianic symbolsBei den sogenannten „messianischen Juden“ handelt es sich um eine junge und auch zeitgenössische Bewegung, die sich mit den Judenchristen der Antike identifiziert. Eine Kontinuität zu den zahlreichen historischen Gruppierungen jener Zeit (Ebioniten, Symmachianer, Nassaräer etc.) besteht jedoch nicht. Ein nennenswerter Teil der „messianischen Juden“ ist aufgrund des jüdischen Religionsgesetzes (Halacha) Jüdin bzw. Jude und glaubt, dass Jesus von Nazareth der (göttliche) Messias ist. Entsprechend ihrem Selbstverständnis verstehen sich messianische Juden als Teil des Judentums, teilen aber signifikant christliche Glaubensinhalte.
Im Dictionary of Jewish-Christian Relations fasst E. Kessler das „Messianische Judentum“ als eine Grösse zusammen:

“Messianic Judaism consists of Jews (individuals with Jewish ancestry) and Gentiles who believe that accepting Yeshua (Jesus) into their lives they can live a fulfilled Jewish life."

Das Messiasbekenntnis „messianischer Juden“ führt in Kirche und Synagoge zu systematisch-theologischen Herausforderungen. Dort wird religiöse Zugehörigkeit als eindeutig und ausschliesslich gedacht. „Messianische Juden“ sind aber nicht klar den Juden oder den Christen zuordenbar. Synkretistische Zuschreibungen gegenüber den „messianischen Juden“ sind folglich von jüdischer und christlicher Seite zu beobachten, daher überrascht es nicht, dass sie sich von Juden und Christen zurückgewiesen und missverstanden fühlen.
Juden, die Jesus in unserer Zeit als ihren Messias bekennen, stehen damit ausserhalb von bekannten Religionsgrenzen und -definitionen. Mehrheitlich konvertieren sie nicht zu einer etablierten christlichen Kirche. Die traditionelle Sicht des Judentums wie des Christentums, dass die Taufe einen Religionswechsel markiert, deuten messianische Juden neu: entsprechend ihrem Selbstverständnis bleiben sie Juden – „messianische Juden“, die ihr Volk nicht verlassen haben, jüdische Traditionen weiterleben und somit ihre jüdische Identität zu bewahren versuchen.

„Messianisch-jüdische Gemeinden“ sind grösstenteils judenmissionarisch tätig. Ein „postmissionarisches messianisches Judentum“, wie es von M. Kinzer vertreten wird, bildet die Ausnahme. Deswegen sind sie nicht in den offiziellen jüdisch-christlichen Dialog involviert. Die etablierten Kirchen lehnen Judenmission aus historischen und theologischen Gründen ab. Sie stellt eine Bedrohung für den nach der Shoa aufgebauten Respekt zwischen Juden und Christen dar und ist häufig Ausdruck einer antijüdischen Theologie; nicht selten findet man in evangelikal geprägten Gemeinden ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem heutigen Judentum, indem das „Messianische Judentum“ als einzig „wahres“ verstanden wird.

 

Verbreitung und Organisation

Die messianisch-jüdische Bewegung ist ein weltweites Randphänomen der Gegenwart. Es gibt weder eine gemeinsame Dachorganisation von „messianischen Juden“, noch fehlt eine einheitliche Definition, wer eigentlich ein „messianischer Jude“ ist. Allein die Pluralität in Geschichte und Gegenwart zeigt, dass bereits die Frage „Wer ist Jude?“, je nach Kontext unterschiedlich beantwortet wurde und wird. Komplexer gestaltet sich daher die Frage, wer ein „messianischer Jude“ ist. Daher gibt es auch keine genauen Statistiken, was die Zahl derer angeht, die sich als „messianische Juden“ definieren.
Die folgenden Angaben zu Zahlen und Verbreitung sind daher ohne Gewähr:
Der aus England stammende „messianischen Jude“ R. Harvey schätzt, dass es weltweit ungefähr 150.000 „messianische Juden“ gibt. Die zwei Zentren „messianischer Juden“ bilden Nordamerika mit mehr als 100.000 „messianischen Juden“, verteilt auf ca. 300 „messianischen Gemeinden“, und Israel mit ca. 5000 „messianischen Juden“, verteilt auf ca. 120 Gemeinden aufgeteilt. In Europa gibt es seiner Studie zu folge geschätzte 16.000 „messianische Juden“: Großbritannien 5.000, Deutschland 1000, Russland 5000, Ukraine 5000. Weitere Gemeinden existieren in den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, Tschechien, Ungarn, Slowakei und Weissrussland.
Für Deutschland liegt eine empirische Studie mit beinahe 700 „messianischen Juden“ von S. Pfister aus dem Jahr 2008 vor.
In Lateinamerika werden von P. Hocken „messianisch-jüdische“ Gemeinden in Belo Horizonte (Brasilien) und Buenos Aires (Argentinien) erwähnt, unter deren Mitglieder sind die Nachfahren zwangskonvertierter Juden, die aus der mittelalterlichen Judenverfolgung auf der iberischen Halbinsel abstammen, den sogenannten Marranen.
Angaben zu „messianisch-jüdischen“ Gemeinden in Afrika, besonders in Äthiopien und Simbabwe verzeichnet das Messianic Jewish Bible Intitute und zu Südafrika die Chosen people Ministries.
Eine umfassende Erhebung zu den „messianischen Juden“ in Israel fand 1999 von K. Kjær Hansen/B.M. Skjøtt statt, damals wurden 5000 „Messianische Juden“ gezählt. Nach Schätzungen von H. Rucks leben heute rund 8.000-10.000 messianische Juden in Israel.

Per definitionem ist Israel ein jüdischer Staat, folglich besteht ein ausserordentliches juristisches Interesse, zu definieren, wer ein Jude ist. Das israelische Rückkehrgesetz aus dem Jahre 1950 erlaubt allen Juden eine Einwanderung nach Israel. Fälle aus der Vergangenheit (e.g. Daniel Rufeisen) zeigen, wie komplex und kontrovers die Debatte der Anerkennung als Jude zwischen den institutionellen Gewalten – Obersten Gerichtshof und Oberrabbinat in Jerusalem – geführt wurde. Messianische Juden gelten im Staat Israel als Konvertiten, denen keine Einbürgerung unter Bezugnahme auf das Rückkehrgesetz erlaubt wird.

 

Historische Entwicklung

Immer wieder gab es Juden, die (un )freiwillig zum Christentum konvertierten und Mitglied einer christlichen Kirche wurden. In stärkerer Abgrenzung zu kirchlichen Traditionen und Strukturen gründeten „messianische Juden“ unabhängig Gemeinden, die ihren eigenen religiösen Bedürfnissen entsprachen.
Die historischen Wurzeln der „messianischen Juden“ im Staat Israel liegen in der organisierten Judenmission protestantischer Missionsgesellschaften des 19. Jahrhunderts. Diese Missionsgesellschaften und auch der heutige Evangelikalismus gehen wiederum auf die Erweckungsbewegung der englischen Puritaner und der deutschen Pietisten zurück, die bereits innerhalb des Protestantismus des 17./18.  Jahrhunderts, Juden missionierten. Die Missionsgesellschaften, allen voran die London Society for Promoting Christianity Amongst the Jews, (gegründet 1809), schickten einzelne ausgebildete Judenmissionare nach Palästina um „ganz Israel“ zu bekehren. Viele an Jesus gläubig gewordene Juden traten in eine protestantische Kirche ein.
Die Bezeichnung „Hebräische Christen“ (engl. Hebrew Christians) geht ins 19. Jahrhundert zurück, wo sogenannte „hebräisch-christliche Allianzen“ von den Erweckungsbewegungen bzw. den Missionsgesellschaften gegründet wurden, damit jesusgläubige Juden erstmals unter Gleichgesinnten bleiben konnten. Viele missionierte Juden traten in eine Kirche ein und zusehens verloren sie in den Kirchengemeinden ihre jüdische Identität. Die Allianzen bestärkten die hebräischen Christen zur Beibehaltung ihres jüdischen Erbes und zur Mission gegenüber Juden und Nicht-Juden, auch wenn sie bereits einer protestantischen Kirche angehörig waren. Die größten Allianzen wurden im 19./20. Jahrhundert gegründet: Hebrew Christian Union 1865 in London, American Board of Missions to the Jews 1892 in den USA, Hebrew Christian Alliance of America 1915 ebenso in den USA. 1975 benannte sich die Hebrew Christian Alliance um in Messianic Jewish Alliance of America. Aus der Messianic Jewish Alliance of America bildete sich 1984 die erste International Alliance of Messianic Congregations and Synagogues heraus.
Noch bis in die 1960er Jahre war es weltweit üblich die Terminologie „Judenchrist“ (engl. Jewish Christian) von und für jesusgläubige Juden zu verwenden. Im deutschen Sprachraum ist auch noch der für antike Gruppen geprägte Begriff „Judenchrist“ anzutreffen, obwohl spätestens (terminus ad quem) seit den 1990er Jahren die Selbstbezeichnung „messianischer Jude“ üblich ist.
Der Begriff selbst; „Messianische Juden“ taucht das erste Mal Ende des 19. Jahrhunderts bei dem Ungarn Josef Rabinowitz (1837 – 1899) auf. Er wurde 1885 in Berlin durch einen methodistischen Pastor getauft und gründete in demselben Jahr im heutigen Kischinew (Hauptstadt Moldawiens) die erste „messianisch-jüdische“ Gemeinde mit dem Namen „Yehudim Meshichiim Bney Brit Hachadashah“ (dt. Messianische Juden, Söhne des neuen Bundes). Rabinowitz weigerte sich, einer offiziellen Kirche anzugehören, stattdessen verstand er sich als ein Teil der universalen Kirche Jesu Christi, ohne seine jüdischen Sitten aufzugeben, soweit diese nicht mit dem neutestamentlichen Zeugnis kollidierten.

Traditionen und Abspaltungen

„Messianische Juden“ treten nicht als Einheit auf, wie etwa die katholische Kirche. Es gibt unter „messianisch-jüdischen“ Gemeinden verschiedenste Richtungen mit je eigenen Identitäten und theologischen Prägungen. Die einen bewegen sich eher im christlichen, die anderen eher im jüdischen Spektrum. Wichtig ist es, jede Gemeinde für sich zu betrachten, um nicht von einer Gemeinde auf die ganze „messianisch-jüdische“ Bewegung zu schließen damit nicht ein falsches Bild von „Messianischen Juden“ entsteht.
In Israel lässt sich die „messianisch-jüdische“ Bewegung in vier Sprachgruppen unterteilen: hebräisch-/, englisch-, äthiopisch- und russischsprachige Gemeinden.

„Messianische Juden“ sind nicht mit der Association of Herbrew Catholics, deren Mitglieder vorwiegend in Nordamerika leben, oder mit den Hebräisch sprechenden Katholiken in Israel zu verwechseln, beide gehören der Katholischen Kirche an. In Israel bestehen diese grösstenteils aus katholischen Migranten und nur wenigen Konvertiten, die sich in ihrer Selbstwahrnehmung als Christen, explizit als Katholiken bezeichnen und sich ihrer persönlichen wie religionsgeschichtlichen Wurzeln aus dem Judentum und der problematischen Beziehung zwischen „Kirche und Synagoge“ bewusst sind

 

Lehre

Der Glaubenssatz mit dem „messianische Juden“ in ihrer weltweit vielseitigen Bewegung im Sinne eines Bekenntnisses gefasst werden können, lautet nach S. Pfister: „Messianische Juden sind Juden, die an Jesus als den Messias Israels glauben.“
Dieser Glaube ist stark im Neuen Testament verankert, stellt aber auch eine feste Verbindung zwischen Tanach und Neuem Testament her. Es finden sich sehr oft Übereinstimmungen der messianischen Theologien und der christlichen Kirchen im Westen. Der ehemalige Präsident des Messianic Jewish Theological Institute in Florida M. Kinzer merkt dazu an:


“I think the first issue that Messianic Jewish thought must address in order to develop at a higher level of reflection is that of ecclesiology. Before we can understand ourselves, we need to understand the Church and the Jewish people, and the relationship between them. Before we can determine our own distinctive place (as Messianic Jews) in relation to these two historic communities and traditions, we need to assess their respective theological status – where they stand before God and in Messiah – and the mysterious way they are both united and divided.”


Sowohl Juden als auch „messianische Juden“ nehmen die theologische Kategorie – das auserwählte Volk Gottes (Israel) – zu sein, in Anspruch. Im Allgemeinen lehnen „messianische Juden“ jedoch christlich-theologische Begrifflichkeiten (e.g. Zwei-Naturen-Lehre oder Trinitätsdogma) ab, jedoch nicht zwingend ihre inhaltliche Bedeutung.

Religiöse Praxis

Gemäss jüdischer Tradition lassen „messianische Juden“, in der Regel ihre Buben am achten Tag nach der Geburt beschneiden. Die Erwachsenentaufe (meist mit Untertauchen des ganzen Körpers) bildet den letzten Schritt in der persönlichen Zustimmung, dass Yeschuha, (wie Jesus von Nazareth durchgehend in der messianischen Bewegung genannt wird), der Messias ist. Die Säuglingstaufe wird allgemein abgelehnt. Die Abendmahlfeiern variieren terminlich je nach Gemeinde entweder wöchentlich am Shabbat, monatlich oder einmal im Jahr zu Pessach. Überwiegend finden am Shabbat die Hauptgottesdienste statt. Generell gilt, je „christlicher“ die Glaubensinhalte sind, desto weniger thoraobservant wird gelebt. Eine besonders „jüdische“ Glaubenspraxis wird im Einhalten der rabbinischen Halacha sowie der Thoragebote betont. Diese thoraobservanten „messanischen Juden“ bilden nicht die Mehrheit der Bewegung, sondern jene, die individuell Gebote festlegen, die sie einhalten möchten. Daraus ergibt sich eine Heterogenität der Glaubenspraxis unter „messianischen Juden“, die sich auch im Feiern des jüdischen Festkalenders zeigt, dessen Feste nicht von allen gefeiert werden. Werden aber jüdische Feste gefeiert (e.g. Pessach, Schawout, Sukkot, Chanukka), so werden sie mit den dazugehörigen Riten, vor dem Hintergrund ihres messianisch-jüdischen Messiasbekenntnisses, uminterpretiert.

Besonderheiten in der Schweiz

„Messianisch-jüdische“ Gemeinden sind in der Schweiz nicht bekannt. Am Rande der historischen Entwicklung der „messianisch jüdischen“ Bewegung kann das 1974 stattgefundene Treffen weltweiter evangelikaler-christlicher Gemeindeleiter in der schweizerischen Stadt Lausanne genannt werden. In Verbindung mit diesem Treffen wurde 1976 das Lausanne Committee for World Evangelization (LCWE), kurz Lausanne Movement, gegründet. Die Bewegung propagiert die weltweite aktive christliche Mission darunter auch die Judenmission, sodass 1980 die Gründung der Lausanne Consultation on Jewish Evangelism (LCJE) folgte. Hinter der Lausanne Movement steht keine Organisation, sondern eine evangelikale Bewegung, die von einzelnen Personen, grossteils US-Amerikaner, getragen wird.

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