Hazoor in Schweiz

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat AMJ ist eine weltweit verbreitete islamische Reformbewegung. Die Bedeutung des Namens „Ahmadiyya“ ist umstritten. Gemäss Aussagen von Ahmadis beziehe er sich nicht auf Mirza Ghulam Ahmad, den Gründer der Bewegung, sondern verweise auf „Ahmad“ als zweiten Namen des Propheten Mohammed, der im Koranvers 61:7 erwähnt ist. Insbesondere in islamischen Kreisen wird die Ahmadiyya als ketzerisch und nicht dem Islam zugehörig wahrgenommen. Ansonsten sind die Einschätzungen der Gemeinschaft vielfältig. Ihr Spektrum reicht von der positiven Wahrnehmung als eine Organisation mit hoher Integrationsbereitschaft bis hin zur islamischen, fundamentalistischen Sekte.

Verbreitung und Organisation

Eigenen Angaben zufolge ist die AMJ in über 190 Ländern der Welt verbreitet und hat bis zu 200 Millionen Mitglieder. Genaue Mitgliederzahlen liegen allerdings nicht vor und je nach Quelle variieren diese Zahlen beträchtlich. Die AMJ ist auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene straff organisiert: An der Spitze der Gemeinschaft steht das geistige Oberhaupt (Khalifa). Ihm obliegt als Nachfolger Ahmads die absolute Autorität über die Bewegung. Die globale Ahmadiyya umfasst sämtliche nationale Gemeinden, die sich wiederum aus kleineren, lokalen Jamaats (Gemeinden) zusammensetzen. Auf allen drei Ebenen findet sich folgende Gliederung in alters- und geschlechtsspezifische Organisationen: Lajna Imaillah ist die Organisation für weibliche Mitglieder ab fünfzehn Jahren, zu Khuddam-ul-Ahmadiyya gehören die fünfzehn- bis vierzigjährigen Jungen und Männer. Beide haben eine Teilorganisation für die unter fünfzehnjährigen Jungen (Atfal-ul-Ahmadiyya) und Mädchen (Nasirat-i-Ahmadiyya), die Männer ab dem einundvierzigsten Lebensjahr gehören zur Ansar-Ullah. Jede nationale Gemeinde wird von einem Präsident (Amir) geleitet. Die lokalen Jamaats verfügen je über eine Präsidentin und einen Präsidenten, die dem Amir unterstellt sind. Auf lokaler wie nationaler und internationaler Ebene sind AmtsträgerInnen (Nazim) für bestimmte Aufgabenbereiche verantwortlich (finanzielle Angelegenheiten, religiöse Verkündungs- und Erziehungsarbeit, Publikationen etc.). Das Bestehen der AMJ verdankt sich dem hohen freiwilligen Engagement der Mitglieder. Entsprechend wird der Freiwilligenarbeit ein hoher Stellenwert beigemessen (waqar-i-amal, „Würde der Arbeit“). Der Khalifa ruft die Ahmadis regelmässig auf, neue Mitglieder für die AMJ zu gewinnen. An den regelmässigen Treffen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene werden Strategien dazu vermittelt, zudem sollen Ahmadis als moralische Vorbilder agieren und dadurch auf ihre Gemeinde aufmerksam machen. Ebenfalls der Glaubensverbreitung dienen karitative Aktivitäten, zu denen beispielsweise die Errichtung von Krankenhäusern und Bildungseinrichtungen oder die Hilfsorganisation „Humanity First“ gehören. Mithilfe eines grossen Angebots an Büchern und Broschüren (der Koran ist in über 50 Sprachen erhältlich), Internetseiten sowie über den eigenen Sender Muslim Television Ahmadiyya (MTA) werden die eigenen Leute und potentielle neue Mitglieder erreicht. Mitglied der Ahmadiyya ist man von Geburt an oder nach Ablegen des Beitrittsgelübdes (Baiat). Mit dem Gelübde legen Ahmadis nicht nur ein Bekenntnis zum Islam ab, sondern verpflichten sich auch zu Gehorsam gegenüber dem Khalifa. Jedes Mitglied entrichtet finanzielle Abgaben, wovon einige obligatorisch sind. Dazu gehören u.a. die allgemeine Spende (Chanda-e-Am), die 1/16 des Nettoeinkommens beträgt sowie die Abgabe an die jeweilige Unterorganisation, der man angehört (1% des Nettoeinkommens). Nebst diesen Beiträgen werden freiwillige Spenden für diverse Einrichtungen der Ahmadiyya erwartet.

Historische Entwicklung

Mirza Ghulam Ahmad c. 1897Mirza Ghulam Ahmad gründete die Ahmadiyya 1889 in Qadian im damaligen Britisch-Indien. Seine Schriften und Aktivitäten sind vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftspolitischen Situation im kolonialisierten Indien und den zunehmenden christlichen und hinduistischen Missionierungsbestrebungen gegenüber Muslimen zu verstehen. Seit dem Tod Ahmads 1908 obliegt die Führung der Ahmadiyya dem Khalifa, welcher als Ahmads Nachfolger amtiert.
Durch die teils exzentrischen Ansichten Ahmads und die starke Verkündigungstätigkeit war die Ahmadiyya seit ihren Anfängen mit negativen Reaktionen von religiösen Führern und insbesondere der muslimischen Orthodoxie konfrontiert. Zwar waren die Anfeindungen mitnichten einseitig, endeten jedoch für die Ahmadiyya nach der Entstehung Pakistans in Diskriminierung und Verfolgung. Nach der Gründung Pakistans verlegte die Ahmadiyya ihr Zentrum von Qadian (Indien) nach Rabwah (Pakistan). Im Zusammenhang mit politischen Entwicklungen und Debatten um die säkulare oder religiöse Ausprägung Pakistans forderten politische und religiöse Akteure, die Ahmadiyya in der Verfassung zur nichtmuslimischen Minderheit zu erklären. 1974 schlossen das pakistanische Parlament und die Islamische Weltliga die Ahmadiyya aus der islamischen Gemeinschaft aus. Die pakistanische Verfassung wurde mit einem Artikel ergänzt, welcher den Begriff „Muslim“ definierte und dadurch unter anderem die Ahmadis zur „Nicht- Muslimischen Minderheit“ erklärte. 1984 beraubten zwei neue Absätze des pakistanischen Strafgesetzes die Ahmadis ihrer religiösen Freiheit und verunmöglichten ihnen die öffentliche Glaubensausübung. Sie dürfen sich nicht mehr als Muslime zu erkennen geben, keine islamischen Symbole wie etwa das Glaubensbekenntnis auf sich tragen und nicht zum Gebet rufen.  Dies zwang den damaligen Khalifa, Pakistan zu verlassen. Er verlegte seinen Sitz und einige der administrativen Strukturen nach London.
Trotz dieser Schwierigkeiten gewann die Ahmadiyya unter der Führung des jeweiligen Khalifas als bedeutender Identifikationsfigur mit den Jahren an innerer Stabilität, wuchs und verbreitete sich in der ganzen Welt. Grössere Gemeinden der AMJ bestehen ausser in Südostasien in Europa, Nordamerika und Westafrika.
Insbesondere während der Amtszeit des zweiten Khalifa Hazrat Mirza Bashir-ud-Din Mahmud Ahmad zwischen 1914 und 1965 entstanden weltweit zahlreiche Missionsstellen. Der Aufbau der Gemeinschaft wurde stark hierarchisiert und zentralisiert und die oben beschriebene Organisationsstruktur bildete sich heraus.
Wo die AMJ ansässig ist, strebt sie nach Integration, gleichzeitig besteht die Herausforderung, ihre religiösen und kulturellen Wertvorstellungen zu bewahren. Daher stösst ihre Offenheit an Grenzen, sobald es um bestimmte Wertvorstellungen geht, welche die Gemeinde als nicht mit dem Islam vereinbar wahrnimmt. Zudem pflegen Ahmadis Exklusivität, Mischehen werden missbilligt oder sind, wenn der Mann nicht Ahmadi ist, unzulässig. Erziehung und (religiöse) Bildung, deren Inhalte von der Zentrale vorgegeben sind, sollen Frauen wie Männer vor den zuweilen als negativ wahrgenommenen Einflüssen der westlichen Welt schützen und es wird ein konservativ-islamisches Rollenverständnis aufrechterhalten.

Traditionen/ Abspaltungen



Nach dem Tod Ahmads entstanden Meinungsverschiedenheiten zum Kalifat, welches Kritiker als zu autoritär empfanden. Weitere Uneinigkeit herrschte darüber, ob Nicht-Ahmadi- Muslime als Ungläubige (Kafir) gelten. So spaltete sich 1914 eine Gruppe Intellektueller ab, die sich wieder stärker an den Mehrheitsislam anbinden wollten. Sie gründeten die bis heute deutlich kleinere Gemeinde Anjuman-Isha’at-Islam Lahore AAIIL mit Hauptquartier in Lahore.
Lehre


Die Lehre der AMJ hält sich an die islamischen Rechtsquellen Koran, Sunna und Hadith, doch Ahmads Schriften und Offenbarungen reichen über diesen Rahmen hinaus. Ab 1880 erregte Ahmad öffentliches Aufsehen mit Offenbarungen, welche ihn unter anderem als Erneuerer (mujaddid), als den Verheissenen Messias und als Mahdi der Endzeit legitimieren sollten. Zudem entwickelte er in drei Bereichen eine eigene Dogmatik, welche sich von der
allgemein anerkannten islamischen Lehre unterscheidet als deren Referenzpunkt die Sunna steht.

1) Die Doktrin der Ahmadiyya zum Prophetentum: Ahmads Selbstbezeichnung als Prophet und die explizite Anerkennung dieser Zuschreibung durch seine AnhängerInnen verletzen in den Augen vieler Muslime die islamische Kernidee von Mohammed als dem letzten aller Propheten. Ahmadis sehen in Mohammed den grössten aller Propheten, welcher der Menschheit mit dem Koran die finale Offenbarung Gottes brachte. Sie stützen sich dabei auf mystische Interpretationslinien, die Mohammed nachfolgende und ihm untergeordnete Propheten nicht ausschliessen. Ahmad nutzte diese Interpretationen, um für die Fortdauer der Prophetenkette und seine eigene Position zu argumentieren.

2) Jesus als Sterblicher: Ahmadis verneinen die Himmelfahrt Jesu. Sie glauben, dass Jesus nach der Kreuzigung bewusstlos vom Kreuz genommen und gesund gepflegt wurde. Danach sei er nach Osten gezogen und im hohen Alter von 120 Jahren in Kaschmir eines natürlichen Todes gestorben.


3) Interpretation des Jihad: Ahmad interpretierte den Begriff Jihad insbesondere als Bemühung, ein gottgefälliges Leben zu führen und den Glauben friedlich zu verbreiten. Er rechtfertigte Krieg ausschliesslich zur Selbstverteidigung. Das Verhältnis der Ahmadiyya zu anderen Religionen ist von der folgenden Prophezeiung Mirza Ghulam Ahmads geprägt: „Der allmächtige Gott hat verfügt, dass Menschenseelen in verschiedenen Erdteilen, in Europa oder in Asien, alle, die von gerechten Gefühlen geleitet sind, zu dem einzigen Gotte gezogen und in einem einzigen Glauben, d. h. Islam, vereint werden sollen. Das ist der Zweck meiner Ankunft in der Welt.“


Religiöse Praxis

Mahmud Moschee1

Die ungefähr 800 Ahmadis in der Schweiz sind überwiegend pakistanischer Herkunft. Es gibt wenige KonvertitInnen. Insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren wuchs die AMJ in der Schweiz durch ZuwandererInnen aus Pakistan. Die Ahmadiyya ist als Verein konstituiert mit Hauptsitz in Zürich. Die Mitglieder verteilen sich auf vierzehn lokale Jamaats, die überwiegend in der Deutschschweiz angesiedelt sind, jedoch auch in der Romandie und im Tessin. Zwei Imame kümmern sich um die religiöse Betreuung der Ahmadis in der Schweiz. Weil die Ahmadiyya von anderen muslimischen Gemeinschaften nicht anerkannt wird, bestehen offiziell kaum Verbindungen und sie ist in keinem muslimischen Dachverband Mitglied. Die lokalen Jamaats treffen sich monatlich entweder in gemieteten Räumlichkeiten oder bei Mitgliedern zu Hause. Religionsunterricht,Ausflüge, Sportturniere, Wettbewerbe zu religiösem Wissen und gemeinnützige Aktionen wie beispielsweise die jährliche Aufräumaktion nach den Silvesterfeierlichkeiten in der Stadt Zürich runden die breite Palette von Aktivitäten ab. Zu den wichtigsten Veranstaltungen gehört zweifellos die dreitägige Jahresversammlung (Jalsa Salana) der gesamten Schweizer Jamaat. Die Versammlung beinhaltet auch Programmpunkte, die sich an Gäste richten und es werden Persönlichkeiten aus politischen und kirchlichen Kreisen eingeladen, um den Austausch mit der Mehrheitsbevölkerung zu pflegen. Der kulturelle Einfluss aus dem Herkunftsland Pakistan ist aufgrund der engen Familienbeziehungen und der oftmaligen Begrenzung sozialer Kontakte auf Gemeindemitglieder noch sehr stark.

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