Joe M.

Zurück in die Barbarei?

Vitus Huonder sprach auf dem Kongress „Freude am Glauben" in Fulda über Homosexualität und zitierte eine Stelle aus dem Alten Testament: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft. Ihr Blut soll auf sie kommen." Das Referat von Ende Juli sorgte für Empörung: Der Schwulenverband Pink Cross erstattete Strafanzeige gegen den erzkonservativen Bischof und die Freidenker riefen zum Kirchenaustritt auf. Vitus Huonder zeigte sich betroffen über die Reaktionen und fühlte sich missverstanden. Er räumte aber ein, dass seine Äusserungen ohne genügendes Fachwissen und Kenntnis des innerkirchlichen Kontextes falsch verstanden werden könnten. Die zitierten Bibelstellen müssten zwar ernst genommen werden, aber sie müssten interpretiert und in unsere Zeit geholt werden. Da muss ich Huonder vehement widersprechen: Wir brauchen kein theologisches Fachwissen um festzustellen, dass die zitierte Bibelstelle weder ernst genommen, noch interpretiert - und schon gar nicht in unsere Zeit geholt werden muss!

Die Bibel ist ein absolut verheerendes Buch wenn man sie wörtlich nimmt. Mit der Bibel lassen sich Völkermord, Rassismus, Sklaverei, Hexenverbrennungen, Judenpogrome, Kindsmisshandlung, Geringschätzung der Frauen und Territorialkriege legitimieren. Gott selber wird zum Schlächter, wenn es darum geht, seine Feinde, die Ungläubigen, zu vernichten. Auch die viel gerühmte christliche Nächstenliebe beschränkt sich in der Bibel auf diejenigen, die den richtigen Glauben haben. Im Namen der Bibel wurden Millionen Menschenleben vernichtet und es werden noch Milliarden folgen, wenn man die biblischen Prophezeiungen in der Offenbarung wörtlich nimmt. Die Bibel (wie auch der Koran) ist ein Buch des Glaubens und der Mythen, ein Dokument für antike Zeitgeschichte.

Warum also will Huonder die brutalen Gesetze des Altertums in die heutige Zeit holen und die „vom Himmel gefallenen Bücher" unserer rechtsstaatlichen Gesetzgebung vorziehen? In der Bundesverfassung stehen doch so wunderbare Sätze wie: Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen; alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich; niemand darf diskriminiert werden; Mann und Frau sind gleichberechtigt; jeder Mensch hat das Recht auf Leben; die Todesstrafe ist verboten... Ist die gefühlsmässige Kapazität des Churer Bischofs etwa nur auf seine eigene Person beschränkt?

Inzwischen haben sich die Wogen der Empörung wieder geglättet. Die Staatsanwaltschaft Graubünden hat das Strafverfahren gegen Huonder eingestellt mit der Begründung, die geforderte Eindringlich- und Eindeutigkeit, sowie der Vorsatz zur öffentlichen Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit hätte nicht nachgewiesen werden können. Auch die etwas ungeschickte Kampagne der Freidenker mit dem Slogan „Ihr alle seid Huonder" und dem Aufruf, der Kirche den Rücken zu kehren, blieb ohne Effekt. Das Bistum St. Gallen konterte zu Recht: Ein Bischof ist nicht die katholische Kirche in der Schweiz. Katholiken und Katholikinnen benötigen keine Beratung durch die Freidenker und kein Feindbild, das für eine Kirchenaustritts-Kampagne missbraucht wird.
Was lernen wir daraus? Bestrafen mit dem Tod ist laut Bundesverfassung ein Verbrechen. Steinigen und köpfen wird heute auch in der katholischen Kirche mehr so gern gesehen. Diejenigen, die ein Problem mit der Haltung der Kirche zum Thema (Homo) Sexualität haben, sind schon längst ausgetreten. Wer die Bibel wörtlich nimmt, ist ein Narr, ein Hassprediger. Das Zitieren „Heiliger Bücher" führt zurück in die Barbarei.

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