Zurück auf Feld eins

In meinem letzten Blog habe ich geschrieben, wie dringend nötig ein flächendeckender Religionsunterricht für unsere jungen Muslime wäre – als Prävention gegen Vereinnahmung durch Dschihadisten-Gruppen. Lassen Sie mich den Gedanken heute etwas weiterspinnen...

Ich bin der Meinung, dass die muslimische Gemeinschaft hier gefordert ist. Schliesslich ist es ja unsere Religion, die durch Fanatiker beschmutzt wird, es sind unsere Werte, die zertrampelt werden und es sind unsere Jugendlichen, die gefährdet werden. Damit will ich nicht abstreiten, dass oft genug verfehlte Politik der Grund für die Radikalisierung ist, aber ich beschränke mich hier auf das, was die Muslime tun können in ihrem eigenen „Garten", denn schliesslich tragen wir Mitverantwortung in dieser Gesellschaft.

Da lange nicht alle Muslime religiös sind und auch nicht alle einen Religionsunterricht in einer Moschee besuchen, habe ich gedacht, man könnte die Jugendlichen am ehesten in der Schule erreichen. Um sie nicht zu vereinnahmen, würde es keinen bekenntnisorientierten Religionsunterricht geben, sondern innerhalb des Reku (Religion und Kultur)-Unterrichts für die Muslime eine Art mehrmonatiges oder einjähriges Seminar. Die muslimischen Schüler würden den Koran im Zusammenhang mit seiner Entstehungsgeschichte betrachten und sie würden Grundlagen kennen lernen, wie man ihn ganzheitlich liest. Besonderes Gewicht würde auf den richtigen Umgang mit „kritischen" und missverständlichen Verse gelegt. Sie würden angeleitet, sich eigene Gedanken zu machen und man würde sie über die Vielfalt der Interpretationen informieren, und darüber, dass sich auch die Gelehrten nicht immer einig sind. Damit soll Offenheit aber auch Bescheidenheit angestrebt werden und Engstirnigkeit vorgebeugt werden. Die Jugendlichen würden sich sicherer fühlen mit „ihrer" Religion und im Umgang mit ihrer Quelle und könnten hinterfragen, wenn jemand mit komischen Ideen auf sie zukommt. Natürlich gibt es keine Garantie, dass damit jegliche Gewaltbereitschaft verschwindet, aber es ist ein Ansatz, der Sinn macht.

So, und nun muss ich leider den Faden abreissen, den ich gesponnen habe. Ich vergass ganz, dass wir ja gar keine Lehrkräfte haben, welche flächendeckend in Schulen unterrichten können. Und natürlich wurden diese nicht vorhandenen Lehrkräfte auch nicht von den Schulen eingeladen. Sowieso wüsste niemand, wer Lehrkräfte ausbilden könnte. Es gibt kein Konzept dafür und die Person, die fähig wäre, ein solches zu entwickeln, muss noch gefunden werden. Es gibt nicht einmal einen eidgenössisch oder islamisch anerkannten Religionsunterricht. Die Imame erhalten zwar eine Ausbildung in den jeweiligen Herkunftsländern, aber diese ist nicht auf die Schweiz bezogen und auch nicht auf die jüngst aufgetretenen Probleme. Und Religionslehrer ist kein geschützter Begriff; jedermann darf sich so nennen, auch ohne Ausbildung.

Ach ja, und noch etwas habe ich vergessen: die Bezahlung der Entwicklung eines Konzeptes, die Bezahlung der Lehrkräfteausbildung und die Bezahlung der Lehrkräfte, wenn sie denn Unterricht erteilen. Es wäre relativ einfach; denn die Muslime können die Zakah, die einmal jährlich zu zahlende Vermögenssteuer dazu verwenden; im Koran wird das unter dem Begriff „für die Sache Allahs" erwähnt. Doch wo soll einbezahlt werden? Da uns Muslimen die öffentlich-rechtliche Anerkennung verwehrt blieb, können wir die staatlichen Kanäle zum Einsammeln nicht nutzen. Ohne anständigen Lohn können jedoch nur Personen Unterricht erteilen, die noch einer anderen Arbeit nachgehen oder in der glücklichen Lage sind, dass der Ehepartner genug Geld nach Hause bringt. Diese Voraussetzung schränkt den Kreis der möglichen Lehrkräfte massiv ein.

Und nicht zuletzt habe ich vergessen, zu erwähnen, dass es unter den Muslimen sehr viele verschiedene Gruppen mit verschiedenen Interessen gibt, und es vielleicht schwierig bis unmöglich ist, ein Konzept zu entwickeln, hinter dem alle stehen können.

Also, zurück auf Feld eins.

Ernüchtert stelle ich fest, dass wir momentan unfähig sind, zu handeln. Doch wie lange noch? Wann wird uns zunehmender Druck zwingen, endlich Lösungen zu finden?

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