Jennifer Bähler

Zu Besuch bei den Freimaurerinnen - was sich hinter den Toren vom "Zum neuen Venedig" verbirgt

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Das letzte Mal, als ich am Byfangweg vorbeilief, habe ich das Haus Nummer 13 übersehen. Doch jetzt, wo ich mit Absicht auf diese mächtigen Türen des Eingangs zusteure, bin ich mir sicher, dass dieses Gebäudes mir damals hätte auffallen müssen. Zwei gleichaussehende goldige Symbole, welche aus einem Zirkel und einem Buch eine Rautenform gestalten, verzieren die hellbraunen Pforten aus Massivholz. Es ist das selbe Symbolzeichen, bei welchem man von Verschwörungstheorien munkelt. Oftmals wird dieses Abzeichen in Verbindung mit einem Geheimbund gebracht, wo die Mitglieder an den Schalthebeln der Macht sitzen. Die Regierung der Vereinigten Staaten sei gar von dieser verschwörerischen, dunkle Riten zelebrierenden Gemeinschaft kontrolliert. So hätten sie sich auf dem Ein-Dollar-Schein verewigt und der damalige Präsident George W. Bush funktionierte lediglich als Marionette dieser geheimen Gesellschaft. Die Rede hier ist von den Freimaurern.

Heute darf ich einen Blick in das Gebäude "Zum neuen Venedig" am Byfangweg erhaschen, welches im Jahr 1891 für die Freimaurer erbaut wurde. Derzeitig wird es von acht verschiedenen Logen benutzt. Unter jenen befindet sich eine reine Frauenloge, die "Kette der Hoffnung", welche im Jahr 1993 entstand. Eine der 15 Mitgliederinnen, oder Schwestern, wie sie sich auch nennen, ist *Laura B. Sie ist seit 15 Jahren eine Freimaurerin und hat sich bereit erklärt, ein Gespräch über die Gemeinschaft mit mir zu führen.


Als ich an der Haustüre klingle, macht mir ein bärtiger grauhaariger Mann mittleren Alters auf. Er scheint etwas verwirrt, gleichzeitig überrascht und wie mir scheint, leicht skeptisch zu sein. So sieht also ein Freimaurer aus, denke ich mir. Ich folge ihm in einen geräumigen etwas unterbelichteten Raum, wo mir sofort zusätzliche Symbole und Zeichen wie an der Eingangstüre auffallen. Eine weitere Frau steht da und raucht. Ich setze mich nicht, da ich nicht dazu aufgefordert wurde. Der Mann weicht mir nicht von der Seite. Ich habe das Gefühl, dass ich ihm erklären muss, weshalb ich hier bin. "Sie haben sich also für die Freimaurerei interessiert?", fragt der Unbekannte mich noch im selben Moment. Während ich ihm die Sachlage erkläre und der Mann sichtlich mehr Vertrauen gewinnt, erscheint Laura B. Sie scheint bodenständig, freundlich und seriös zu sein. Kurz unterhalten sich die Anwesenden und planen ein Event im Rahmen einer Feier. 


Bevor wir mit dem Interview beginnen, drückt mir Laura B. einen Flyer in die Hand. Unter anderem steht da: "Die Freimaurerei ist kein Geheimbund. Das Geheimnis, das wir teilen, ist das persönliche Erleben, das nicht in Worte gefasst werden kann". Genau dies betont Laura B. auch immer wieder. Das Erleben, beziehungsweise das Erlebnis. Die Rituale erlebt man. Eine Freimaurerin zu sein, sei eine Erfahrungssache. Auch eine Feier sei eine Frage des Erlebens. Eine Freimaurerin sei gemäss Laura B. frei im Denken. Dies bedeutet, dass die Interessentin einen freien Willen haben muss, um von der Loge aufgenommen zu werden. Beispielsweise sollte eine Frau nicht eine Freimaurerin werden, nur weil ihre Mutter schon eine war oder weil sie sich eventuell gewisse Vorteile durch diese Gemeinschaft erschaffen könnte. Weiter haltet sich das Freimaurersein an dem Gedanken, "dass es mehr zwischen Himmel und Erden gibt, als dass wir wahrnehmen". Zudem fügt Laura B. hinzu: "Für uns ist wichtig, dass jemand,der zu uns kommt, das sucht. Uns sucht. Das heisst keine Religion sucht. Wir sind dezidiert keine Religion". Laura B. selbst habe den Weg zu den Freimaurerinnen mit Mitte 40 gefunden. Da sie in einem nichtreligiösen Haus ohne jegliche Spiritualität aufwuchs, fehlte ihr die Auseinandersetzung mit einer spirituellen Welt. So suchte sie das gewisse etwas und erwünschte sich damals einen Rahmen, welche religiöse Menschen haben, jedoch ohne selbst Teil einer religiösen Gemeinschaft zu sein.


Laura B. erwähnt auch, dass viele Leute nicht wüssten, dass es die Frauenfreimaurerei gibt. Andere wollen es nicht akzeptieren, dass auch Frauendie Freimaurerei praktizieren. So behaupten Männerlogen, auch solche die im selben Logengebäude wie Laura B. sind, dass die Frauen in der Freimaurerei nichts zu suchen hätten, dennes sei eine "Männersache". Dies obwohl die Menschenrechtskonvention im freimaurerischenDenken von Wichtigkeit sei. Tatsächlich ist die Freimaurerei männerdominiert, allein in der Basler Freimaurerloge sind die männlichen Kollegen mit siebenLogen in Überzahl. Dennoch gäbe es in der Schweiz mittlerweile vierFrauenlogen in der Deutschschweiz und knapp zwanzig in der Westschweiz. Die stärkere Vertretung im französischsprachigen Raum hänge gemäss Laura B. eventuell damit zusammen, da derFreimaurerei dieAuslösung der Französischen Revolution nachsagt wird.


Nachderfast einstündigen Unterhaltung mit Laura B. habe ich das Gefühl, nun besser informiert zu sein und doch mit dem neu erworbenen Wissen immer noch an der Oberfläche des Ganzen zu kratzen. Laura B. schlägt mir vor, einen Rundgang durch das Haus zu machen, um eine bessere Vorstellung zu erhalten. 


Eins vornweg: Das Anwesen ist riesig. Um nicht alleine irgendwo verloren zurückzubleiben, versucheich Laura B. dicht hinter den Fersen zu bleiben. Zuerst begeben wir uns in den Keller, dort befindet sich der Tempel der Freimaurerinnen, welcher als Arbeitsraum benutzt wird. Ein grosses goldiges Dreieck an der Wand, sticht mir sofort ins Auge. Weitere kleinere dreieckige Symbole zieren die Wände in dieser Loge. An den Wänden entlang sind jeweils auf der linken und rechten Seite dunkelblaue Stühleaufgereiht. Vorne in der Mitte erkenne ich eine Art Rednerpult, dies sei der Platz der Meisterin vom Stuhl. Hier treffen sich die Mitgliederinnen zwei Mal im Monat und führen die Tempelarbeit durch, das Behandeln von anstehenden Themen in einer rituellen Form.


Beim Durchlaufen des Hauses fühle ich mich um einige Jahrhunderte zurückversetzt. Vielleicht liegt es an den barockenZügendes Baus. Die Gänge sind lang, die Treppen sind breit und fast überall, wo wir uns hinbegeben,hängen freimaurerische Symbole oder Bilder. Ein Bild zeigt drei Männerim vermutlich 18. Jahrhundert, wie sie eine Mauer bauen. Dabei verdeutlicht diese bildliche Darstellung die Hierarchie auf einer Baustelle, welche auf die Freimaurer übertragen werden kann. Denn sie entspricht den drei Graden der Freimaurerei, nämlich Lehrling, Gesell und Meister, wie Laura B. mir mitteilt.


Als die schweren Türen hinter mir zufallen,begebe ich mich wieder auf die vertrauten Strassen von Basel und verlasse so das Haus "Zum neuen Venedig". Ein Stückweit lasse ich mitdiesem Schritt auch gewisse Vorurteile über Freimaurer und Freimaurerei hinter mir. Dennoch sind viele Fragen ungeklärt.Ich weiss nur, dass ich einige neue Erfahrungen durch das Gespräch und derHausführungerlangt habe. Es war ein Erlebnis.


*Name von der Redaktion geändert

Quellen:

Die Basler Freimauerlogen (o.A).Homepage.http://basler-logen.ch/49/die-basler-logen., Zugriff am 18.12.2018.


Die Presse (o.A.). Verschwörungstheorie: Der Dollar und die Freimauer. https://diepresse.com/home/wirtschaft/international/728677/Verschwoerungstheorie_Der-Dollar-und-die-Freimaurer#slide-728677-0., Zugriff am 18.12.2018.


FocusOnline (o.A.). Verschwörungstheorien. Freimauerer. https://www.focus.de/wissen/mensch/tid-13152/verschwoerungstheorien-1-freimaurer_aid_363426.html., Zugriff am 18.12.2018. 


Heflik, R. (12.08.2000). Präsidenten mit Vorliebe fürs Geheime.https://www.welt.de/print-welt/article527933/Praesidenten-mit-Vorliebe-fuers-Geheime.html., Zugriff am 18.12.2018. 


Kette der Hoffnung (o. A.). Homepage. https://www.kettederhoffnung.ch/., Zugriff am 18.12.2018.


Coverbildquelle: https://pixabay.com/photos/tunnel-vault-arch-freemasonry-2159938/ (Nutzer: makamuki0, letzer Zugriff: 13.06.2019)

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