Worum geht es beim Opfer?

Vor ein paar Tagen war das Islamische Opferfest, das seinen Ursprung in einer Geschichte hat, die auch Juden und Christen kennen: Der Prophet Abraham sollte seinen Sohn opfern und war bereit dazu. Im letzten Moment hielt Gott ihn davon ab und schickte ihm stattdessen ein Tier, das er opfern konnte.

Worum geht es beim Opfer? – Es hat im Laufe der Zeit in den verschiedenen Religionen verschiedene Bedeutungen gehabt: Das Brandopfer im Judentum als Ausdruck der Dankbarkeit; die Opfergaben in den östlichen Religionen, um die Götter gnädig zu stimmen; das Sündenopfer im Christentum, bei dem der Tod Jesus Gott mit den Menschen versöhnen soll und das Opfer im Islam, das ebenfalls Ausdruck der Dankbarkeit ist, aber auch einen anderen Aspekt hat: wir Muslime erinnern uns dabei an die Hingabe Abrahams an Gott. Die Bereitschaft, das Liebste herzugeben für Gott.

Im Gegensatz zur Geschichte in der Bibel, wo der Sohn nicht weiss, wer das Opfer sein soll (1. Mose 22/8-9) bespricht im Koran Abraham seinen Traum mit seinem Sohn und erhält seine Zustimmung (Koran, 37/102). Er ist bereit, sein Leben herzugeben, um Gott zufriedenzustellen. Dieser unbedingte Gehorsam sowohl des Vaters als auch des Sohnes ist Ausdruck höchster Hingabe. Und diese Hingabe ist der Kern des Islam, denn das Wort Islam bedeutet auf Deutsch „Hingabe an Gott" und findet beim Opferfest einen ganz konkreten Ausdruck. Dabei geht es nicht darum, Gott ein Tier zu „geben", denn Er sagt im Koran deutlich: „Ihr Fleisch erreicht Gott nicht, noch tut es ihr Blut, sondern eure Ehrfurcht ist es, die Ihn erreicht." (Koran, 22/37) Im Vers davor erhalten die Muslime deshalb auch die Erlaubnis, von den geopferten Tieren zu essen und den Auftrag, einen Teil davon den Armen zu spenden. Somit erhält das Fest der inneren Einkehr und Opferbereitschaft auch einen äusseren, sozialen Nutzen. Soweit so gut, einmal im Jahr. Doch soll dies schon alles sein?

Der Aufforderung im Koran folgend, über seine Verse nachzudenken (38/29), möchte ich mir ein paar weitergehende Gedanken machen. Sollten wir diese Opferbereitschaft, diese Hingabe nicht auch ins restliche Jahr hinüberretten? Nicht im Sinne von Tieropfern, sondern im Sinne von anderen Opfern. Im Koran wird dieses umfassende Verständnis in folgenden Worten ausgedrückt: „Sprich: „Mein Gebet und meine Opferung und mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten." (6/162) Gemäss Wörterbuch ist das Opfer unter anderem „eine durch Verzicht ermöglichte Spende". In diesem Sinne bedeutet die Hingabe an Gott auch „etwas hingeben". Nebst dem Geld, von dem die Muslime einmal im Jahr einen Teil des Vermögens als Zakat spenden, ist heutzutage die Zeit ein besonders kostbares Gut. Am beliebtesten ist die Freizeit – in der wir das tun, worauf wir am meisten Lust haben. Also herumhängen, gamen, shoppen, fernsehen, lesen, Sport treiben etc., alles Dinge welche wir für uns tun. Leider erkennen die wenigsten Menschen, dass sie auch Gewinn haben, wenn sie Zeit für Gott hingeben: beim Gebet, Koran studieren, beim Religionsunterricht. Oder auch, wenn sie Zeit für einen Menschen opfern, z.B. um jemanden zu besuchen, jemandem zuzuhören, jemandem zu helfen. Oder jemanden an der Kasse vorlassen, einem anderen Autofahrer Vortritt gewähren. Oder ein kleines bisschen Geduld üben.

Dieses Jahr gab es einmal mehr eine Tragödie mit Hunderte von Toten. Die Ursachen liegen noch im Dunkeln, aber der Ort ist als gefährlich bekannt: Die Stelle, an der die symbolische Steinigung des Satans geschieht. Da kochen die Emotionen hoch und manche Pilger gebärden sich, als stünden sie wirklich dem Leibhaftigen gegenüber und bringen ein falsches Opfer: sie opfern jede Höflichkeit und Rücksicht ihrer Ungeduld und drängeln. Dabei sollte doch gerade die Hadsch den Pilgern vor Augen führen, dass es Opferbereitschaft braucht. Es geht nicht nur um das Tier, sondern man opfert ja auch viel Zeit und Geld, um die Reise zu machen.

Ein kleines bisschen mehr Zeit zu opfern, indem man sich in Geduld übt, trotz Hunger, Durst und Müdigkeit, könnte, so Gott will, vielleicht mit dazu beitragen, solches in Zukunft zu verhindern. Denn auch wenn wir glauben, dass der Todeszeitpunkt jedes Menschen bereits im vornherein von Gott bestimmt ist (Koran, 3/145), so ist der Tod doch schwieriger zu akzeptieren, wenn es durch menschliches Fehlverhalten dazu kommt.

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