Philipp Höhener

Wie christliche Jugendverbände doch noch von staatlichen Geldern profitieren

Wie christliche Jugendverbände doch noch von staatlichen Geldern profitieren

​Am 31.03.2017 titelte die «NZZ» auf der Online-Plattform: "Fromme Jugend muss Lager künftig selber bezahlen"' Hunderttausende Franken zahlt der Staat christlichen Jugendorganisationen für ihre Lager – doch bald nicht mehr: Das Bundesamt für Sport streicht das Geld. Die Freikirchen wehren sich.


"Es waren unschöne Nachrichten, die zehn christliche Jugendverbände vor einigen Tagen erhielten: Das Bundesamt für Sport (Baspo) teilte ihnen per Brief mit, dass sie ab 2018 keine Beiträge aus dem Programm Jugend und Sport (J+S) mehr erhalten würden. Grund: Die Verbände würden primär religiös-missionarische Ziele verfolgen. Und Organisationen, die nicht die Förderung von Sport und Bewegung von Kindern und Jugendlichen zum primären Ziel hätten, sondern Sport «lediglich als Mittel zur Erreichung anderer (namentlich religiöser) Zwecke einsetzen», hätten keinen Anspruch auf J+S-Subventionen. Sprecher Christoph Lauener sagt, das Baspo habe bei diesem Entscheid keinen Spielraum gehabt. Denn 2014 hatte bereits das Bundesamt für Sozialversicherungen den frommen Jugendgruppen Beiträge zur Jugendförderung gestrichen, basierend auf einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2011. Das Bundesverwaltungsgericht stützte 2015 dieses Vorgehen: Eine Organisation, die staatliche Subventionen erhalten wolle, dürfe ihre Tätigkeiten zwar auf religiösen Grundwerten aufbauen, nicht jedoch die Glaubensvermittlung und Bekehrung zum alleinigen oder vorwiegenden Ziel haben. Und nun zieht eben das Baspo nach. 'Es wäre nicht kohärent, wenn zwei Bundesämter die Frage der Unterstützung unterschiedlich handhaben würden,' betont Lauener." (Auszug Online Artikel "NZZ" vom 31.03.2017)


Eine Woche früher, am 23.03.2017 veröffentlichte die adventistische Nachrichtenagentur APD (Adventistischer Pressedienst) eine erste Stellungnahme des Jugendverbandleiters der Adventjugend in der Deutschschweiz. In dieser bedauert Fabian Looser Grönroos, dass die knapp 20-jährige gute Zusammenarbeit bei der Leiterausbildung der Adventjugend mit J+S beendet werden soll. Christen prägten das Land mit, seien Steuerzahler, würden Verantwortung übernehmen und vermittelten Kindern und Jugendlichen Werte, so Looser. Christliche Jugendarbeit sei ganzheitliche Kinder- und Jugendförderung, die alle Aspekte des Menschseins im Blick habe. Es gäbe keinen Widerspruch zwischen einer christlichen Grundhaltung, die den Menschen als ganzheitliches Wesen verstehe und der sportlichen Förderung von Kindern und Jugendlichen, sagte Andi Bachmann-Roth, Jugendbeauftragter der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA. Die sportliche Jugendförderung sei kein Mittel zum Zweck der Glaubensvermittlung, wie dies dargestellt werde. Bachmann verwies auch auf die Charta christlicher Kinder- und Jugendverbände, welche die Ziele und Arbeitsweise christlicher Kinder- und Jugendorganisationen transparent und gut verständlich darstelle.


Laut Angaben von Fabian Looser Grönroos sind unter anderen folgende christliche Jugendorganisationen vom Abbruch der Beziehungen mit J+S betroffen: BESJ – Bund evangelischer Schweizer Jungscharen. BESJ-Trägerverbände sind: Chrischona Schweiz; Freie evangelische Gemeinde FEG; Vereinigung freier Missionsgemeinden der Schweiz VFMG; Evangelische Täufergemeinden ETG; Evangelisches Gemeinschaftswerk des Kantons Bern EGW. Im Weiteren gehören zum BESJ 36 landeskirchliche Gruppen, Jugendgruppen der Heilsarmee, der Mennoniten, des Bundes evangelischer Gemeinden, der Minoritätsgemeinden und weitere. Dem BESJ sind insgesamt 285 Ortsgemeinden angeschlossen mit 750 Kinder. bzw. Jugendgruppen. Nebst dem BESJ sind vom Abbruch der Beziehungen mit J+S auch drei Jugendorganisationen in der Westschweiz sowie die nachstehenden Jugendverbände in der Deutschschweiz betroffen: Adventjugend der Siebenten-Tags-Adventisten; JEMK - Jungschar der Evangelisch methodistischen Kirche; YouthPlus – Mitglied der BewegungPlus Schweiz; Youthnet - Kinder- und Jugendarbeitsverband der SPM (Schweizerische Pfingstmission).


In einem Interview für TeleBärn, anlässlich der friedlichen Kundgebung zum Thema Wir sind auch Jugend & Sport auf dem Bundesplatz in Bern am 01.Juli 2017, sprach Fabian Looser Grönroos davon, dass es unterschiedliche Perspektiven auf das Ganze gebe. Zudem wies er auf die Wichtigkeit des Dialogs hin, in dem die christlichen Jugendverbände und das BASPO sich nun befinde.


Wie geht es aktuell mit den betroffenen christlichen Jugendverbänden weiter? Dazu die Medienmitteilung der Schweizerischen Evangelischen Allianz vom 31.01.2018:


"Am 30. Januar 2018 wurde in Bern der neue Jugend und Sport Lagersport-Trekking-Dachverband Ausbildung+/Formation+ (AF+) gegründet. Damit kommt es 10 Monate nach dem Ausschluss aus Jugend und Sport (J+S) für fünf betroffene Verbände zu einer Anschlusslösung. Circa ein Jahr lang haben die betroffenen Verbände um gangbare Lösungen gekämpft. Nach dem Ausschluss im März 2017 organisierten die betroffenen Jungendverbände und Jungscharen breit angelegte Proteste (die SEA berichtete). Daraufhin hat sich der verantwortliche Bundesrat Guy Parmelin für eine «gemeinsame Lösung» ausgesprochen. Mit dem neu gegründeten Verband AF+ liegt ein Ergebnis vor, welches sowohl für die beteiligten christlichen Verbände wie auch für das BASPO gangbar ist.

Der Verband hat die Organisation und Durchführung der J+S-Kaderbildung in der Sportart Lagersport-Trekking zum Ziel. Gründungsmitglieder sind die Verbände LLB, Cyfoje, FJSSR, youthnet SPM und Youthplus sowie erste Jugendvereine. Der Verband der Adventjugend wird AF+ beitreten, sobald er entsprechend konstituiert ist. Der zweisprachige Verband AF+ (d/f) wird vorerst ungefähr 25 Lagesport-Trekking Aus- und Weiterbildungskurse anbieten. Neben J+S-Ausbildungsverbänden werden auch lokale Jungscharen Mitglied von AF+ werden. Durch die Mitgliedschaft bei AF+ sollten ausgeschlossene Jungscharen wieder von den Dienstleistungen von J+S profitieren und Kinder und Jugendliche ganzheitlich fördern können. Es wird erwartet, dass die AF+-Jungscharen im 2019 circa 60 Lager anmelden werden. Nun soll schnellstmöglich eine Partnerschaftsvereinbarung mit J+S abgeschlossen werden. Nachdem die christlichen Verbände sich neu aufgestellt haben, liegt es am BASPO seinen Teil der Vereinbarungen einzuhalten und den Betroffenen ungehinderten Zugang zum J+S-Programm zu ermöglichen.


Finanziert wird der Dachverband durch Mitgliederbeiträge, Spenden und staatliche Zuschüsse. Um die Jungscharen und Kirchen nicht übermässig zu belasten, sollen die Mitgliederbeiträge tief gehalten werden. AF+ will durch eine dezentrale Arbeitsweise Kosten sparen, meint die Präsidentin von AF+, Fabienne Flessa. Sie hat als Mitglied der Arbeitsgruppe bereits intensiv an der Entwicklung von AF+ mitgearbeitet. Als J+S-Kursleiterin bringt sie langjährige Erfahrung in der Kaderbildung mit. Im Vorstand wirken zudem Tim Wenger, Antoine Sordet und Stefan Wenk mit. Auf die Kritik hin, ob damit nicht eine Scheinlösung erarbeitet wurde, betont Andi Bachmann-Roth, Koordinator der Arbeitsgruppe, dass die Jugendverbände ihre Hausaufgaben gemacht haben. Seit der Streichung der BSV-Finanzhilfe im 2014 haben die Betroffenen ihre Arbeit selbstkritisch analysiert und die 'Charta der christlichen Kinder- und Jugendarbeit' (www.cckj.ch) erarbeitet. Diese Charta ist gemeinsam mit der Ethik-Charta des Schweizer Sports inhaltliche Grundlage von AF+.' Der Verband der Adventjugend wird laut APD AF+ beitreten, sobald er entsprechend rechtlich konstituiert ist. Die 'Charta der christlichen Kinder-und Jugendarbeit' wurde bereits im Sommer unterzeichnet."


Lesen sie im nächsten Blogbeitrag, wie ich als ehemaliges Kirchenmitglied über die erarbeitete "Charta der christlichen Kinder- und Jugendarbeit" denke; dies im Kontext mit meinen eigenen Erfahrungen und dem Hintergrundwissen über die übergeordneten missionarischen Ziele der Kirche.

Kirche und "No Billag"-Initiative: den Empfang für...
Natürlich, du hast absolut recht.

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