Krishna Premarupa das

In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Wie echt ist unsere Realität?

Wie echt ist unsere Realität?

`Unglaublich! Das fühlt sich so real an, jeder Schritt, jede Bewegung…` Wer sich schon mal auf die virtuelle Realität einliess, weiss wie echt sich das anfühlt. Doch Wahrnehmung und Wahrheit ist nicht dasselbe. Oft werden wir durch unsere Wahrnehmung getäuscht und halten etwas für real was in Wirklichkeit keine Realität besitzt. Was wäre, wenn nicht nur die virtuelle Realität, sondern auch die Realität wie wir sie kennen, nichts als eine Scheinwelt wäre? Nach dem hinduistischen Weltbild ist nämlich die ganze materielle Schöpfung nichts anderes als ein Traum Gottes. Doch lasst uns erst mal den Begriff virtuelle Realität etwas genauer definieren und dann auf die vedische Aussage zurück kommen.


Computergenerierte Wirklichkeit


Als virtuelle Realität, kurz VR, versteht man, laut Wikipedia, `die Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung der Wirklichkeit in einer computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung.` Phantasie oder auch reale Welten werden also über den Computer nachgebildet und über VR Brillen und Körperanzüge für den Nutzer erfahrbar gemacht. Im Idealfall wähnt sich der Anwender tatsächlich in der ihm vorgespielten virtuellen Realität und agiert, als wäre er wirklich da.

Während sich mächtige Konzerne dafür stark machen die neue Technologie auf den Markt zu bringen, und bereits in diesem Jahr mit dem Verkauf von rund 8 Millionen VR Brillen rechnen, betonen Forscher, dass man noch viel zu wenig Informationen hat, um eine solide Risikoeinschätzung zu machen. Allfällige psychologische Effekte wie Suchtpotenzial und Realitätsverlust sind nur die Eisspitze von möglichen Folgen, denn für unser Gehirn fühlen sich die Erfahrungen in der virtuellen Realität genau so echt an wie im wahren Leben. In der Zwischenzeit reisen Game-Junkies als Helden durch Phantasiewelten und setzen sich erbitterten Kämpfen mit Zombis aus, während Wissenschaftler wiederum an der möglichen positiven Verwendung von VR arbeiten. Professoren für klinische Psychologie in Oxford arbeiten schon seit Jahren mit VR, um Patienten von Angststörungen zu befreien und das `Walk Again Project` z.B. hat zum Ziel Querschnittgelähmte laufen zu lassen. So scheint es mit der Nutzung von Virtual Reality wie mit allem anderen zu sein, es hängt davon ab, in welchem Bewusstsein es genutzt wird.

Was mich an dem Thema aber am meisten fasziniert ist die Tatsache, dass wir uns auch ohne VR Brillen bereits in einer Art virtuellen oder falschen Realität befinden!


Auch ohne Virtual Reality in Illusion


Im Kinoklassiker `Matrix` aus dem Jahr 1999 wurde bereits die Idee präsentiert, dass unser Leben gar nicht echt ist, sondern nur eine Computersimulation darstellt. Alles, was wir sehen, schmecken, hören, spüren ist nur eine Einbildung nur eine virtuelle Realität. Und es gibt tatsächlich Menschen die dies für möglich halten, so zum Beispiel Tesla Gründer Elon Musk, welcher mit Hilfe von Wissenschaftlern die Simulationstheorie erforschen will. Wenn ich behaupte, dass wir auch ohne VR Brillen in einer Art virtuellen Realität stecken, beziehe ich mich dabei aber nicht auf eine Hollywood Science Fiction, sondern auf die Jahrtausend alten heiligen Texte des Hinduismus.

„Das bewusste Individuum (Atma) ist in Wirklichkeit nie ein Teil der Materie, doch aufgrund des falschen Ichs (Ego-Ahankara) sieht es nur noch die Materie und sieht sich selbst als Zentrum aller Objekte. Es hält die Illusion für die Realität, genau wie jemand, der sich mit einem Traum identifiziert. Klage, Jubel, Angst, Zorn, Gier, Verwirrung und Verlangen - all diese Erfahrungen gehören zur Traumwelt des Ahankara und nicht zur Realität des Atma" 1


Unser Körper - Die VR-Brille der Seele


Wir, das Lebewesen sind verschieden vom Körper. Wir sind von spiritueller Natur und haben eigentlich nichts mit der vergänglichen Materie zu tun. So wie man sich eine VR- Brille und einen Körperanzug anzieht um in eine virtuelle Realität einzutauchen, so wird der Seele ein grobstofflicher Körper mit den verschieden Sinnesorganen übergestülpt um so in der zeitweiligen, materiellen Welt existieren zu können. Die vedischen Texte beschreiben dies wie folgt:

„Das Lebewesen erhält eine bestimmte Art von Ohren, Augen, Zunge, Nase und Tastsinn, die um den Geist gruppiert sind. So geniesst es eine bestimmte Auswahl von Sinnesobjekten." 2Der Körper ist wie eine Maschine, wir als Seele bedienen uns dieser Maschine, um in dieser Welt tätig zu sein. „Der Höchste Herr weilt im Herzen eines jeden und lenkt die Wege aller Lebewesen, die sich auf einer Maschine befinden, die aus materieller Energie besteht." 3

Manchmal wird der Körper auch mit einer Kutsche verglichen, so zB in der Katha Upanisad: „Das Individuum ist der Reisende im Wagen des materiellen Körpers, und die Intelligenz ist der Fahrer. Der Geist ist der Zügel und die Sinne sind die Pferde. Auf diese Weise ist das Selbst in Gemeinschaft mit dem Geist und den Sinnen entweder der Geniessende (solange der Geist und die Sinne beherrscht sind) oder der Leidende (wenn die wilden Pferde, die Sinne ausser Kontrolle geraten)." 4

Die Seele, das eigentliche Selbst ist nur ein Beobachter, hier als `der Reisende im Wagen` bezeichnet und hat eigentlich nichts mit dem Glück und Leid in dieser Welt zu tun. Der Zustand ist tatsächlich sehr ähnlich wie derjenige eines Träumenden. Doch da alles so real wirkt und wir uns fälschlicherweise mit dem Körper identifizieren, halten wir uns selber für den Handelnden:

„Die vom falschen Ego verwirrte Seele hält sich selbst für den Ausführenden von Tätigkeiten, die in Wirklichkeit von der materiellen Natur ausgeführt werden." 5

Genau wie jemand, der eine VR-Brille trägt, sich mit den Ereignissen des computer-animierten Spiels zu identifizieren beginnt und so sich über Dinge freut oder sich vor vermeintlichen Gefahren fürchtet, obwohl der Spielende selber nichts damit zu tun hat, beginnt sich die ewige spirituelle Seele mit dem Körper und der Welt zu identifizieren.

Es ist nicht so, dass die Welt an sich nicht real ist, aber die Art und Weise wie wir sie wahrnehmen ist illusorisch. Wenn ich glaube ich bin dieser Körper und mich damit identifiziere, obwohl ich eigentlich nur der Besitzer des Körpers bin aber nicht der Körper selber, dann bin ich in Illusion.


Virtuelle Illusion vs. reales Leben


Die Wahrheit existiert unabhängig davon wie wir sie wahrnehmen. Wahrheit entdecken bedeutet die Bedeckung des falschen Egos zu entfernen. Somit ist die Forschung nach Wahrheit in erster Linie ein innerer Vorgang, denn die Bedeckung befindet sich in unserem eigenen Bewusstsein.6 Jemand der dies alles durchschaut hat, beginnt die Dinge so zu sehen wie sie sind und erkennt, dass er verschieden vom Körper ist.

„Ein Mensch im göttlichen Bewusstsein weiss im Innern stets, dass er in Wirklichkeit nicht handelt, obwohl er sieht, hört, berührt, riecht, isst, sich bewegt, schläft und atmet. Denn während er spricht, sich entleert, etwas annimmt, seine Augen schliesst, weiss er immer, dass nur die materiellen Sinne mit ihren Objekten beschäftigt sind und dass er selbst darüber steht." 7

Während die moderne Konsumgesellschaft neue Formen von Illusionen kreieren und diese als Fortschritt bezeichnen, fordern uns die Jahrtausend alten heiligen Schriften auf,die Realität des echten Lebens zu erforschen, aus dessen Illusion es zu erwachen gilt. „Komme von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit, von der Dunkelheit zum Licht, von der Sterblichkeit zum ewigen Leben!" 8

Virtual Reality wirbt mit Sprüchen wie `Wieso ein Game spielen - Lebe es! ` Doch weshalb sollten wir ein Computerspiel leben, wenn es das Leben selbst zu entdecken gilt?

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1 - Srimad Bhagavatam

2 - Bhagavad Gita 15.9

3 - Bhagavad Gita 18.61

4 - Katha Upanisad

5 - Bhagavad Gita 3.27

6 - Gott und die Götter - Armin Risi

7- Bhagavad Gita 5.8-9

8 - [oṃ] asato mā sad gamaya - Mantra

Paradies und Garten
Die Toten Hosen im Scheinparadies einer Sekte

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