Katharina Meredith

In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Wer Zeitmaschinen im Dschungel baut, ist vielleicht doch in einer Sekte

Ich bin von 1992 bis 2012 in einer Sekte aufgewachsen und studiere seitdem destruktive Gruppen. Meine Blogs befassen sich daher mit religiösen und politischen Bewegungen, die Zwang und Drohung benutzen,um ihre Mitgliederbrav bei sich zu halten sowie unethische Manipulation.

Wenn ich auf meine Erlebnisse zurückschaue, war es keine harmlose Gruppe von Menschen, die, an ein höheres Ziel glaubend, der Gesellschaft den Rücken zuwandte, um sich in Licht zu verwandeln. Als Jugendliche hatte ich die zweifelhafte Ehre eine Zeitmaschine im Dschungel zu bauen, einem 3'500 Jahre altem Geist zu folgen, meinem Körper dem spirituellen Wachstum zu opfern, mich von meinen Emotionen und meiner Menschlichkeit zu befreien und meinen Intellekt zu verneinen. Ach ja, und eine Zahnbürste mit 30 weiteren Menschen zu teilen. Ganz toll.

Das negativ belastete Wort "Sekte" ist polarisierend und daher problematisch. In vermeintlichen Sekten geht es schliesslich um Schwarz-Weiss-Denken, alles oder nichts, gut oder böse. Eigentlich möchte ich ja 13 Jahre nach meinem Ausstieg, die Welt nicht weiterhin so gespalten sehen.

Wenn ich allerdings das Wort Sekte oder Kult gar nicht benutze, ist es in etwa als stelle ich Sklaverei einem Arbeitsvertrag gleich oder Vergewaltigung mit Geschlechtsverkehr. In beiden Fällen betrachten wir ein an sich normales Verhalten (jemand arbeitet für jemand anders, zwei Menschen haben körperliche Nähe). Was es allerdings zu einem Verbrechen macht, ist das Zusammenspiel von Macht und Kontrolle. Haben beide Parteien jederzeit die Möglichkeit nein zu sagen und sich bei Unwohlsein aus der Situation zu entfernen? Oder wird eine Person mit psychischer oder körperlicher Gewalt davon abgehalten?

Oft werden Menschen unter falschem Vorwand in Gruppen gelockt, indem erst ein Glücksgefühl durch viel Zuneigung und Schmeichelei entsteht und später das kritische Denken unterdrückt wird. In diesem Zustand sind Menschen anfälliger, leichter auszunutzen. Nach den ersten Übergriffen auf ihr Geld, ihren Verstand, ihren Körper, wird ihnen zusätzlich dazu eingeredet, sie hätten diesen Weg selber gewählt und hätten somit keine Rechte auf ihre Gefühle oder Gedanken mehr, müssten sich von allen Menschen trennen, die der Gruppe kritisch gegenüber stehen und sollen alles für diesen einzig richtigen Weg aufgeben. Und ab dann rede ich von einer Sekte.

Natürlich gibt es Glaubensgemeinschaften, welche manchen ihrer Anhänger Halt geben, ihnen helfen, auch wenn sie anderen schaden. Ihnen Hoffnung und Zusammenhalt geben, indem sie eine starke Grenze ziehen, einen gemeinsamen menschlichen oder übermenschlichen Feind herbeibeschwören und eine Garantie auf Rettung versprechen, den Suchenden eine Antwort geben. Und vielleicht ist es dies, was keine "Sekte" grundschlecht macht, und keine Religion unbefleckt lässt. Alles verläuft in einem Spektrum und je nach Persönlichkeit empfindet man psychische Übergriffe als mehr oder weniger bedrohlich.

Es geht dabei gar nicht darum, woran eine Gruppe glaubt. Vielmehr, wie sie ihre Mitglieder behandelt. Darf man noch Freunde ausserhalb haben, was wenn diese Fragen stellen? Darf man Kritik ausdrücken, sich nach seinen eigenen inneren Regeln bewegen, oder wird komplette Anpassung verlangt?

Wie wird über jene gesprochen, die sich entscheiden die Gruppe zu verlassen? Wird ihre Entscheidung gewürdigt oder werden sie diffamiert und der Kontakt mit ihnen untersagt? Und meiner Meinung nach am wichtigsten, wie wird mit Kindesmissbrauch umgegangen? Wird es öffentlich geklärt? Oder, wird der Missbrauch vertuscht, intern geregelt, das Kind dem Missbraucher weiterhin ausgeliefert oder noch schlimmer, dem Kind die Schuld in die Schuhe geschoben?

"Der Umgang mit Pädophilen lief bei uns so ab. Wir als Kind mussten lernen zu vergeben, der Täter musste lernen tief zu bereuen und sich zu zügeln, sonst werden beide nicht erlöst - also wurden beide so oft es geht als "Prüfung für Beide" zusammengebracht, oft ohne Aufsicht. Eltern waren so beschäftigt die Anforderungen der Kirche zu erfüllen, dass sie kaum präsent waren, und ihre Probleme auch den Amtsträgern «übergeben» haben." Sandra S.*

Im Endeffekt können nur die, die in der Gruppe waren und ausgestiegen sind, wirklich sagen, ob sie es als ein destruktives Umfeld empfunden haben und ob Druck ausgeübt wurde, damit Mitglieder der Gruppe beitreten und angehörig bleiben. Leider haben Kinder dabei aber keine Wahl.

*Name geändert

Die Kunst der Dankbarkeit
Gegen den Strom

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
  info@religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
  redaktion@religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk "religion.ch"
CH69 0900 0000 6069 3663 4