Joe M.

Wer hat's erfunden?

Der Mensch erschuf die Götter nach seinem Ebenbild. Jede Volksgruppe, die etwas auf sich hielt, besass ihre eigenen Legenden und selbstverständlich auch eigene Götter, die ihnen in ruhmreichen Schlachten zur Seite standen. Die Götter der alten Ägypter, Griechen, Römer, Kelten und Germanen sind aber mit der Zeit alle in Vergessenheit geraten. Wer glaubt heute noch an Atum, Thot, Horus, Isis, Amun, Zeus, Dionysos, Pan, Poseidon, Athene, Hera, Jupiter, Venus, Diana, Vesta, Teutates, Taranis, Esus, Odin, Thor, Tyr oder Frigg? Warum aber überdauerte Jahwe – im Unterschied zu vielen anderen historischen Göttern – die Jahrtausende? Hätte der Jahwekult nicht zwei religiöse Ableger hervorgebracht, die sich in zufälliger Weise und dem Ungeist der damaligen Zeit entsprechend zu Weltreligionen (Christentum und Islam) entwickeln konnten, wäre auch Jahwe längst in Vergessenheit geraten.

Jahwe begann seine Karriere als „Weltherrscher" nämlich recht bescheiden. Zur Zeit des ägyptischen Pharaos Ramses III. (12. Jh. v. Chr.) tauchte die Abkürzung JHW als Name eines provinziellen Berggottes auf, der von den dort lebenden Beduinen verehrt wurde. Tontafeln aus der Zeit weisen Jahwe als Sohn des Stiergottes El aus, der als „Schöpfer der Welt" und stolzes Oberhaupt einer ansehnlichen Götterfamilie galt. Allein mit der Fruchtbarkeitsgöttin Aschera soll der potente El 70 Götter und Göttinnen gezeugt haben. Jahwe entstammt also dem Polytheismus und war zunächst nur ein Gott unter vielen. Das begann sich ändern, als König Joschija im 7. Jh. v. Chr. über das kleine Reich Juda herrschte. Um die Stämme Palästinas politisch und kulturell zu einigen, erklärte Joschija den mittlerweile zum Stadtgott von Jerusalem aufgestiegenen Jahwe zum einzigen Gott des judäischen Volkes und setzte alles daran, die unzähligen Kulte und die Verehrung anderer Gottheiten radikal auszumerzen. So wurde Jahwe, dessen Name man nicht aussprechen darf, zum alleinigen Gott eines „auserwählten Volkes".

Da sich Jahwe als göttlicher Emporkömmling gegen harte Konkurrenz durchsetzten musste, wies er vor allem eine hervorstechende Eigenschaft auf: rasende Eifersucht – ein zutiefst menschliches Charakterdefizit. Wie furchtbar seine Eifersucht war, wird uns gleich am Anfang der „Zehn Gebote" vor Augen geführt: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation". Dass Jahwes fürchterlicher Zorn nicht mit Rachedrohungen endete sondern meist in Massenmord gipfelte, wird in der hebräischen Bibel an vielen Stellen explizit geschildert.

Jahwes vermeintliche Autobiographie („Wort Gottes") bildete die Kopiervorlage für den christlichen und muslimischen Gott. Nachdem Christen und Muslime das jüdische Erbe gnadenlos ausgeplündert hatten, fingen sie jedoch an, sich von den Juden abzugrenzen. Besonders markant war dieser Vorgang im Christentum. Der Wandel von der Weltunterganssekte des jüdischen Wanderpredigers Jesu hin zur antijüdischen, christlichen Religion vollzog sich bereits in den Texten des Neuen Testaments. So heisst es im Johannesevangelium, dass die Juden den „Teufel zum Vater haben" (Joh 8.44). Der Verfasser des Matthäusevangeliums wiederum legte ihnen angesichts der Kreuzigung Jesu jene verhängnisvolle Selbstverfluchung in den Mund, auf die sich später ganze Generationen von Judenhassern berufen sollten: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Mt 27.25). Im Grunde sind ja die Römer (Italiener) und nicht die Juden „die Gottesmörder", trotzdem unterstellte man den Juden im Mittelalter Ritualmorde zu begehen, Hostien zu schänden, Brunnen zu vergiften und die Pest zu verbreiten. Zahlreiche Pogrome waren die Folge. Fromme Eiferer wie der Reformator Martin Luther gab in seiner Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen" den Ratschlag, dass man „diesem verworfenen und verdammten Volk die Synagogen und Schulen mit Feuer anstecke". In der Reichspogromnacht (9. auf 10. Nov. 1938) wurde der Rat des Reformators dann endlich umgesetzt…

Der Islam war ursprünglich gegenüber dem Judentum toleranter als das Christentum. Immerhin galten Juden (wie Christen) als „Dhimmi", als Schutzbefohlene, die mit eingeschränktem Rechtsstatus und gegen Zahlung einer entsprechenden Steuer im muslimischen Hoheitsgebiet geduldet wurden. Der für Christen typische Judenhass war unter Muslimen über die Jahrhunderte wenig verbreitet. Das änderte sich jedoch, als sich in Palästina mehr und mehr Juden ansiedelten. Als Reaktion darauf rief die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft unter anderem auch zur Vertreibung der Juden auf und während des „Arabischen Aufstandes" 1936-39 wurden unzählige Anschläge auf Juden verübt. Führer der Revolte war der berühmt-berüchtigte „Grossmufti von Jerusalem" Mohammed Amin al-Husseini, der bereits 1933 Kontakt zu Nazideutschland aufgenommen und seine Dienste im Kampf gegen das „Weltjudentum" angeboten hatte.

Heute ist der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad Wortführer jener, die Israel auslöschen möchten. Die absonderlichsten Mythen des schiitischen Glaubens sowie die Notwenigkeit eines „heiligen Krieges" gegen die Ungläubigen – insbesondere gegen Israel, die vermeintliche „Quelle allen Übels" – teilt er mit seinem grossen Vorbild Ayatollah Khomeini. Und wie auch der einstige islamische Revolutionsführer, so rechnet auch der iranische Präsident mit einem in Kürze bevorstehenden, apokalyptischen Ereignis, nämlich der triumphalen Wiederkehr des „verborgenen 12. Imams" Muhammad al-Mahdi, der das „Goldene Zeitalter des Islam" einleiten soll. Ahmadinedschad ist von dieser Wahnidee so unendlich überzeugt, dass er sie sogar im September 2006 vor der UNO-Generalversammlung vollmundig als „Beitrag zur Lösung der grossen Weltprobleme" vortrug.

Michael Schmidt-Salomon bezeichnet in seiner Streitschrift „Keine Macht den Doofen" den oben geschilderten (und aus seinem Buch zitierten) Irrsinn als „Religiotie". Karlheinz Deschner verfasste zehn (10!) Bände über die „Kriminalgeschichte des Christentums". Selbst Blaise Pascal als Verfechter einer christlichen Ethik kam zur traurigen Erkenntnis: „Nie tun Menschen Böses so gründlich und glücklich wie aus religiöser Überzeugung".Auch Voltaire wusste um die Gefahren des dogmatischen Monotheismus: „Eine Religion bedeutet Despotismus, zwei den Bürgerkrieg, aber mit 30 Konfessionen kann man glücklich und in Frieden leben". Haben wir also aus der Geschichte gelernt? Mitnichten. Die Medien berichten täglich über den weltumspannenden islamistischen Terror. Religiöse Fanatiker wollen uns ins Mittelalter zurückbomben. Die Taliban schiessen einem 14-jährigen Kind in den Kopf weil es gegen das Schulverbot für Mädchen demonstrierte. Der Gotteswahn geht weiter…

Wäre Jahwe doch auch in Vergessenheit geraten – wie all die anderen historischen Götter. Doch Ironie der Geschichte: Jahwes Saat, die monotheistischen Offenbarungsreligionen, wurden noch bis Ende der 60iger Jahre als „Hochreligionen" bezeichnet. Ich lernte in der Schule, dass alle anderen Glaubenbekenntnisse niedere Religionen und somit vernachlässigbar sind und nur Menschen, die das Evangelium empfangen haben, Liebe und Barmherzigkeit kennen – eine Aussage, die auch heute noch unter Katholiken und Evangelikalen weit verbreitet ist. Dadurch wird Milliarden von Menschen mitfühlendes Denken und Handeln abgesprochen, obwohl in Asien ethische Grundgesetzte bereits Jahrhunderte vor den Evangelien bekannt waren und diese Philosophien teilweise ganz ohne strafende Götter auskamen.

Die so genannte „Goldene Regel", deren Ursprung Christen gerne der Bergpredigt Jesu zuschreiben (Mt 7.12), gelangte von China, Indien und Griechenland über das Judentum ins Christentum. Der chinesische Philosoph Konfuzius lehrte schon 500 Jahre v. Chr. Achtung vor anderen Menschen: „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an". Buddha predigte etwa zur gleichen Zeit Mitgefühl für alle Lebewesen und verbreitete Dharma: „Verhalte dich gegenüber anderen nicht in einer Weise, die einem selber nicht gefällt. Das ist das Wesen der Moral". König Ashoka (300 v. Chr.) war der erste indische Herrscher, der unbestritten ethische Anliegen in die Politik einbrachte und damit seinem Volk Gerechtigkeit und Frieden brachte. Nicht zu vergessen Mahatma Gandhi, der mit seinem gewaltfreien Widerstand 1947 das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien herbeiführte. Mutiger Einsatz für die Mitmenschen und praktizierende Nächstenliebe gab es weltweit und zu allen Zeiten – unabhängig einer bestimmten weltanschaulichen Orientierung.

John Lennon stellte sich in seinem Lied „Imagine" eine Welt vor, die ohne Himmel und Hölle und ohne Religion auskommt und sang: „Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer, aber ich bin nicht der einzige". Fürwahr John, ich bin mit dir – und es werden immer mehr!

Imagine there's no heaven
It's easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people living for today


Imagine there's no countries
It isn't hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people living life in peace

You you may say I'm a dreamer,
but I'm not the only one
I hope some day you'll join us
And the world will be as one

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people sharing all the world

You, you may say I'm a dreamer,
but I'm not the only one
I hope some day you'll join us
And the world will live as one.

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