Simon Pfeiffer

Weltverzerrung im dunklen Glas

Herr_der_Ringe
Ich staune, wie präzise J.R.R. Tolkien, Autor der Herr der Ringe Triologie, ein Element unserer heutigen Kultur vorausgesehen hat – mit all seinen Chancen und Schattenseiten. In der Form lag er daneben: Grosse dunkle Kristallkugeln, einzelne sogar so gross, dass sie mit Menschenkraft kaum hochzuheben seien. In der Zahl lag er ebenfalls daneben: Bloss sieben sind es bei weitem nicht mehr. In Mittelerde heissen sie Palantíri, bei uns Smartphones, Tablets, Personal Computer, je nachdem, ob portabel oder stationär.
Diese Gegenstände vernetzen Menschen von Macht, Wissen und Weisheit und sie zeigen, was anderswo oder zu anderen Zeiten ist, war, sein wird oder sein könnte. Die Dinger haben eine Art Eigenleben und springen von da nach dort, ohne dass der Betrachter die im Glas gesehenen Ereignisse genau verorten kann. Sind sie Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit? Sind sie real oder Hirngespinste und Trugbilder eines der anderen Benutzer der Glasartefakte? Ist das, was ich sehe, für mich verlässlich, oder bloss der Versuch eines unsichtbaren Anderen, mich zu einem Instrument seines Willens zu machen?

Für Tolkien war das Fantasy, Teil einer erfundenen Welt, in der sich alte Mythen zu einer neuen Erzählung zusammenfügen. Aktuell ist der Umgang mit dem Zugang zu überlegenem Wissen und die Vernetzung mit anderen Nutzern derselben Technologie – und das Unwissen über die Motive der anderen, die diese Technologie teilen. Erstaunlich die Einblicke in das subjektive Erleben der Nutzer: Sie bekommen Angst und liefern ihr Handeln ihren Ängsten aus wie Denethor oder sie werden gierig und handeln nur noch getrieben von ihrer Gier nach mehr Kontrolle über andere wie Saruman.

Wenn ich über Radikalisierung im Internet lese, kommen mir die beiden Typen, getrieben von Angst oder von Gier ebenfalls entgegen. Und ich ertappe mich, wie ich keinesfalls davor gefeit bin, wenn ich mich im Internet verliere, wahllos weiterklicke und kaum noch offline mit meinem Real Life Umfeld in Kontakt bin. In unserer vernetzten Welt nicht unter die Dominanz von (Angst machenden oder Gier fördernden) Inhalten aus dem Internet zu geraten, ist wohl nur in einem Leben ohne Internetkonsum möglich. Bloss vermute ich, dass das Internet über den verlängerten Arm von Printmedien, TV, Social Media Konsumenten nebenan etc. viel weiter wirkt als nur über Bildschirme.


Resistent werden kann ich wohl dauerhaft nur, wenn ich mich meiner Angst und meiner Gier stelle und meinen Willen und meine persönliche kreative Fantasie an oberste Stelle setze. Vielleicht wie Jesus in der Wüste in seinem Fantasy-Moment, als ihm der Satan die herrlichsten, unmöglichsten Möglichkeiten als satanischer Stiefellecker offeriert, und er das alles weit von sich weist (Lukas 4). Oder in Mittelerde Aragorn, der mit seiner Willenskraft dem bösen Herrscher seine eigenen Bilder aufzwingt und sich nicht von den Bildern Saurons blenden lässt.


Die kreativ selbst geschaffenen Bilder ins Netzwerk geben, anstatt sich von vorgefertigten Bildern unterwerfen lassen. Einen freien Willen gegen alle täglichen Versuchungen behaupten. Ich zweifle gerade daran, dass es sehr viele Menschen gibt, die das tatsächlich von sich selbst aus können.


Coverbildquelle: https://pixabay.com/de/illustrations/ring-gold-mittelerde-goldener-ring-1692713/ (Nutzer: erik_stein, letzter Zugriff: 11.10.2019)

Die unsichtbare Hand

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