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Simon Foppa

Was wir von der Religionswissenschaft lernen können

Was wir von der Religionswissenschaft lernen können

Als Religionswissenschaftler hat man's echt nicht leicht im Leben. Die meisten Menschen haben keine Ahnung von dem, was man tut. Und vor den anderen muss man als Vertreter eines "Orchideenfachs" stets seine eigene Existenz legitimieren. Für die einen ist man ein Mysterium und für die anderen der lebendige Beweis dafür, dass man seinen Kindern bei der Berufswahl nicht freie Hand lassen sollte.

Hoffentlich sind Sie, liebe Leserinnen und Leser, nicht auch dieser Meinung. Das wäre sehr schade. Denn eigentlich könnte unsere Gesellschaft viel von der Religionswissenschaft lernen, zum Beispiel wie man sich wertneutral mit gegensätzlichen Weltbildern auseinandersetzt, ohne den sozialen Frieden aufs Spiel zu setzen. Jedenfalls vertrete ich diese Meinung, seit ich vor drei Jahren im Marienwallfahrtsort Mariastein für eine Studie Pilger zu ihren Motiven und Weltbildern befragte und dem faszinierenden Treiben um mich herum zuschaute. 


Der Wallfartsort Mariastein

Das Ziel der Wallfahrt: Das Gnadenbild (Quelle: Kloster Mariastein)

Wer noch nie einen solchen Wallfahrtsort besucht hat, kann sich wohl kaum vorstellen, was für eine Vielfalt an Menschen hier zusammenkommt. Es wimmelt nur so von Personen unterschiedlichster Hautfarben, Herkunftsländer und religiöser Weltanschauungen, die alle mit- und nebeneinander ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen nachgehen:

Während in der Kapelle im Untergeschoss eine Wirtin nach Ruhe vor dem stressigen Alltag sucht, zeigt ein italienischer Grossvater seinem Enkel das Gnadenbild. Ein Stockwerk höher schiessen japanische Touristen Fotos von der barocken Architektur der Kirche und eine tamilische Familie berührt die Füsse von Heiligenstatuen. Im Eingangsbereich küsst eine weiss verschleierte Eritreerin mit ihrer Stirn den Boden und auf dem Vorplatz fischen Kinder Münzen aus dem Brunnen.

Aber nicht nur das äussere Erscheinungsbild und die Handlungen dieser Menschen unterscheiden sich, sondern auch die Weltbilder, die sie mit sich bringen. Manche sehen in Mariastein einen christlichen Wallfahrtsort, andere einen hinduistischen Tempel oder einen alevitischen Andachtsort. Für die einen erschien hier Maria, für andere ist es ein natürlicher Kraftort und für manch einer ist es schlicht der Ort, wo die Schwiegermutter am Sonntag hin wollte. Selbst die vielen katholischen Besucher könnten sich wohl kaum auf eine gemeinsame Interpretation von Mariastein einigen, wenn man sie darüber debattieren liesse. 


Was ist normal und was ist richtig?

Beim Anblick dieser Vielfalt bestach mich die Tatsache am meisten, dass beinahe alle Personen, mit denen ich ins Gespräch kam, davon ausgingen, dass ihre Sichtweise auf den Ort, das Leben, das Universum und den ganzen Rest "normal" und "richtig" ist.

Da ich diesbezüglich unmöglich mit allen Besuchern gleichermassen einverstanden sein konnte, forderten einige von ihnen meine persönliche Weltanschauung heraus. Schliesslich implizierten sie mit ihrer von meiner Normalität abweichenden Normalität, dass ich nicht ganz so "normal" und "richtig" ticken kann wie sie.


Die Erkenntnis

Wallfahrt katholischer Tamilen (Quelle: Kloster Mariastein)

Da traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Ich bin ja einer von ihnen! Selbst ich, der Religionswissenschaftler, bin ein Teil dieses bunten Spektrums von Weltanschauungen, das ich untersuchen wollte. Und ich fragte mich: Sind wir nicht alle viel zu überzeugt davon, dass unsere eigene Sicht auf die Dinge die einzig Richtige ist? Und sind wir nicht alle viel zu streng mit unseren Mitmenschen, weil wir sie anhand einer Normalität beurteilen, die wir auf unsere eigene Meinung hin kalibriert haben?

Wie oft musste die Menschheit ihre Weltanschauungen bereits revidieren? Und was ist schon "normal" bezogen auf sieben Milliarden Individuen einer so verrückten Spezies wie der unsrigen?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, dies soll kein Plädoyer sein für einen moralischen Relativismus. Ganz im Gegenteil! Ich versuche Sie vielmehr zu einer Moral zu bekehren, die sich selbst dazu zwingt, das Urteil über andere Menschen ihrem [please insert your divine deity here] zu überlassen. Denn, wer die Welt aus den Augen seiner Mitmenschen betrachtet, der kommt meines Erachtens gar nicht umhin, sie zu mögen. Und damit wären wir dem sozialen Frieden schon einen Schritt näher.

Dieser Artikel wurde anlässlich einer kürzlich erschienen Fachpublikation geschrieben, die sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit der Vielfalt der Besucher in Mariastein auseinandersetzt. Falls Sie einen Blick darein werfen möchten, finden Sie die Publikation unter: http://archiv.ub.uni-marburg.de/ep/0004/article/view/4511/741.

Quelle des Coverbildes: Kloster Mariastein

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