Willi Bühler

Was hat da eigentlich gebrannt - Notre Dame oder Votre Dame?

Notre_Dame_Kathedrale

Als Notre Dame in Flammen stand kamen auch mir zuerst die Tränen. Erst nach den verstörenden Bildern am Fernsehen habe ich mich gefragt: Was hat da eigentlich gebrannt? Das Symbol der grossen Kulturnation Frankreich? Ein unwiederbringliches Zeugnis der Menschheit? Ein katholischer Kultort für die versprengte Häuflein gläubiger Katholiken, die immer mehr Mühe haben, ihr Recht auf Liturgie inmitten der Touristenmassen zu behaupten? Eine sinnentleerte Tapete für millionenfach geknipste Selfies?

Notre Dame ist eine Dame, die im Laufe ihrer langen Geschichte schon oft das Kostüm gewechselt hat, immer im Dienst unterschiedlicher Identitäten. Zuerst waren es die französischen Könige, die ein Symbol suchten für ihre Ausbreitung über die Ile de France hinaus. Als Frankreich dann zu einer europäischen Macht aufstieg wurde die Dame zur symbolischen Trutzburg innerkatholischer Rivalität gegen die Machtansprüche Roms. Die französische Revolution fegte dann im Namen der Aufklärung den ganzen sakralen Pomp aus den heiligen Mauern, um sofort darin den Kult des Höchsten Wesens zu installieren, denn ganz ohne Religion ging es auch nicht. (Witziges Detail: die angeblich originale Dornenkrone Christi wurde während der Revolutionswirren in den Vatikan evakuiert, um danach – Vatikan bleibt Vatikan – die Dornenkrone zu zerschneiden und bloss die eine Hälfte den Franzosen zurückzugeben). 


Als dann die Reaktion gesiegt hatte kam es zu einem kurzen Aufblühen, als sich Napoleon mit kurzen Armen selbst die Cäsarenkrone auf Haupt drückte. Als das französische Bürgertum im 19. Jahrhundert immer fetter und selbstzufriedener wurde, diente Notre Dame zeitweise als Weinlager. Hundert Jahre später dann zwang dann ein neuer, diesmal grossgewachsener Napoleon namens De Gaulle, der auf einem amerikanischen Militärjeep das von den Deutschen besetzte Paris befreite, den Pariser Erzbischof dazu, das Heiligtum zu öffnen, um darin die arg beschädigte Grande Nation auszurufen.


Erst als die Romantik realisiert, welche Verheerungen die Industrialisierung anrichtete, wurde die Alte Dame wieder aufgehübscht. Chateaubriand, Hugo und andere erfanden ein Mittelalter, wie es so nie gab aber als Gegenwelt zur kohlenverrussten Moderne dienlich war. Und ihr Baumeister wurde Viollet-le-Duc, der nicht nur die pseudogotische Wallfahrtskirche in Lourdes bauen durfte, sondern auch Notre Dame «mittelalterlich» aufputzte, inklusiv ein kesses Hütchen in Form eines gotisch nachempfundenen feinziselierten Mittelturmes.


Und jetzt hat also diese polyvalente Freudendame, die im Laufe der Zeit für gar so manche Ideologie ihre Tore öffnete, gebrannt. Wer soll jetzt weinen und traurig sein?

  • Die Besucher vom Mittelaltermärkten, die wohl nicht im Ernst daran glauben, dass ein paar russverklebte Kochtöpfe und kratzige Filzumhänge wirklich etwas mit dem realen Mittelalter zu tun haben?
  • Die wenigen noch verbleibenden französischen Milliardäre, die nicht aus der «Steuerhölle» geflohen sind, aber doch ein schlechtes Gewissen haben wegen des von ihnen mitverschuldeten Niedergang Frankreichs und deshalb hunderte von Millionen Euro für den Wiederaufbau spenden?
  • Die Gelbwesten, die nicht ganz zu Unrecht zornig sind, dass für ein paar alte Steine und Baumstämme mehr getan wird als für das Heer jugendlicher Arbeitslosen?



Zwei Bevölkerungsgruppen haben aber keinen Grund zu Trauer:

  • Die Touristen, denn jetzt bietet sich die seltene Gelegenheit einer neuen Hintergrundtapete fürs Selfie mit eingestürztem Dachstock.
  • Die identitäre Bewegung, denn sie hat eine neue (alte?) Ikone für ihren Traum vom essentialistisch ewig-gleichem christlichen Abendland.



Eine schüchterne Frage zum Schluss: War das Medienecho auch so gross, als der IS die Ruinen von Palmyra zerstört hat?



Coverbildquelle: https://pixabay.com/photos/cathedral-notre-dame-paris-france-4142396/ (Nutzer: jlxp, letzter Zugriff: 03.05.2019)

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