Joe M.

Unmöglicher Kirchenaustritt

Der letztendliche Auslöser für meinen Austritt aus der katholischen Kirche war ein Artikel im Beobachter, worin (wieder) über einen Fall von Kindsmissbrauch ohne strafrechtliche Folgen für den fehlbaren Pfarrer berichtet wurde. Das Verhalten der Kirche, solche Angelegenheiten intern zu regeln und mit dem Schleier des Schweigens zu verhüllen, wollte ich nicht mehr länger mitfinanzieren – dieses Geld verwendete ich lieber für meine Patenschaft bei World Vision und Spenden für die Ärzte ohne Grenzen.

Nachdem ich mein Austrittsbegehren beim Gemeindepfarramt eingereicht hatte, erhielt ich ein Merkblatt mit „Gedanken zum Kirchenaustritt", verfasst vom hiesigen Pfarrer. Darin wurden eventuelle Gründe für einen Austritt aus der Kirchengemeinschaft aufgelistet, kurz kommentiert, und auf die Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs hingewiesen. Ich habe das Angebot des Pfarrers aber nicht angenommen, da mein Entschluss über Jahre gereift und somit endgültig war.

Der Bischof von St. Gallen weist in seinem Dokument „Kirche und Kirchenaustritt" auf die Tragweite dieses Entschlusses hin und belehrt die ‚austretende' Person, dass der Austritt nur für den Anspruch auf kirchliche Dienste gilt. Zitat: "Inhaltlich bedeutet diese Erklärung eine bewusste Trennung von der Kirche als dem Volk Gottes. Theologisch gesehen ist dies nicht möglich. Dass Gott einen Menschen in seiner Liebe in seine Kirche aufgenommen hat, kann dieser nicht rückgängig machen. Er kann lediglich Gottes Liebe ablehnen, untreu werden."

Diese Aussage entlarvt auf eindrückliche Weise die Absurdität theologischer Gedankenkonstrukte. Da greift sich die fromme katholische Gemeinschaft einen Säugling und verspricht die Seele dieses kleinen Wesens ihrem Gott. Wird sich dieser Mensch als Erwachsener bewusst (weil er jetzt die Zusammenhänge und Hintergründe versteht und somit beurteilen kann), was im geschehen ist und möchte diesen ‚Vertrag' rückgängig machen, erfährt er, dass dies gar nicht mehr möglich ist!

Wurde ich gefragt, als ich getauft wurde, ob ich diese Verbindung mit Gott bis über meinen Tod hinaus und für immer und ewig eingehen will? Nein, natürlich nicht, ich war ja ein Baby und habe von diesem Kontrakt nichts gewusst. Hätte ich diesen Pakt in all seiner Konsequenz verstehen können und geahnt, dass ich nur als Verräter der (angeblichen) Liebe Gottes - und darum soll ich mich dann auch so richtig schuldig und schlecht fühlen - je wieder herauskommen kann: Ich hätte mich mit Leibeskräften dagegen gewehrt.

Nun, da Religion Glaubenssache ist und jedermann selbst entscheiden kann, was er von den bizarren theologischen Ansichten der katholischen Kirche hält, habe ich mit reinem Gewissen (und ohne Schuldgefühle) dieses Abhängigkeitsverhältnis aufgelöst.

Weiterführende Gedanken zu "Religion und Kinder" finden sich im PDF-Dokument.

pdf
Dateiname: Religion-und-Kinder---Beitrag-Joe-M.pdf
Dateigröße: 113 kb
Datei herunterladen
Bologna: kein religiöses Thema?
Parsadam - Die Kraft geweihter Speise!

Ähnliche Beiträge

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4